1772 – 1829
Friedrich Schlegel
Kurzporträt↑
Friedrich Schlegel zählt neben seinem Bruder August Wilhelm zu den wichtigsten Köpfen der Jenaer Frühromantik. Er war Kulturphilosoph, Schriftsteller, Literatur- und Kunstkritiker, Historiker und Altphilologe. Er wollte Philosophie, Prosa, Poesie, Genialität und Kritik in einer einzigen Darstellung zusammenführen. Auf ihn gehen Schlüsselbegriffe der Romantik zurück: die „progressive Universalpoesie", die romantische Ironie und der Entwurf einer „neuen Mythologie". Mit seiner Schrift Über die Sprache und Weisheit der Indier wurde er zum Pionier der Sprachtypologie und zum bahnbrechenden Indologen. In Indien war er selbst nie gewesen. Marcel Reich-Ranicki nahm sein essayistisches Werk in seinen Kanon auf.
Biografie↑
Karl Wilhelm Friedrich Schlegel kam am 10. März 1772 in Hannover zur Welt. Er war das zehnte Kind des lutherischen Pastors und Dichters Johann Adolf Schlegel. Der Vater war Prediger an der Marktkirche, und das Haus war künstlerisch wie geistig offen. Das Kind aber galt als schwer erziehbar und gesundheitlich labil. Es wurde deshalb zunächst dem Onkel Johann August in Pattensen und dann dem Bruder Moritz in Bothfeld zur Erziehung übergeben.
1789 starb sein Bruder Karl August in Madras. Im selben Jahr brach Friedrich eine vom Vater gewünschte Kaufmannslehre beim Leipziger Bankier Schlemm ab und durfte sich auf die Universität vorbereiten. Er zog zu seinem älteren Bruder August Wilhelm nach Göttingen. Dort schrieb er sich 1790 für das Jurastudium ein, wandte sich aber rasch der Klassischen Philologie zu. Deren Vorlesungen hörte er bei Christian Gottlob Heyne. 1791 setzte er das Studium in Leipzig fort. Im Januar 1792 lernte er Friedrich von Hardenberg kennen, der sich später Novalis nennen sollte. Im selben Jahr traf er erstmals auf Schiller. 1793 gab er das Studium wegen Schulden auf und wurde freier Schriftsteller. Im selben Sommer freundete er sich mit der schwangeren Witwe Caroline Böhmer an.
Im Januar 1794 zog Schlegel zu seiner Schwester Charlotte nach Dresden. Er lebte zurückgezogen und betrieb ein intensives Selbststudium der griechischen Literatur. Hier erschien sein erstes Werk Von den Schulen der griechischen Poesie. 1795 begegnete er Johann Friedrich Reichardt. Dessen Zeitschrift „Deutschland" sicherte ihm ab 1796 den Lebensunterhalt. Dort erschienen sein politischer Aufsatz Versuch über den Begriff des Republikanismus und eine scharfe Rezension von Schillers Musenalmanach.
Im Juli 1796 folgte er Bruder August Wilhelm und dessen Frau Caroline nach Jena. Er las Kant, Spinoza und vor allem Fichte, mit dem ihn eine Freundschaft verband. Er lernte Herder, Wieland und Goethe kennen. Ende 1797 hatte sein Begriff der Romantik bereits Konturen. Im selben Jahr lernte er in Berlin Friedrich Schleiermacher kennen. Mit ihm wohnte er zeitweise zusammen, übersetzte Platon und stritt über Lebenskunst. Im Salon der Henriette Herz begegnete er Rahel Varnhagen, Ludwig Tieck und Dorothea Veit, der Tochter Moses Mendelssohns. Mit ihr lebte er nach ihrer Scheidung 1798 zusammen. Im selben Jahr gründeten die Brüder die Zeitschrift „Athenäum" (1798–1800), das Sprachorgan der Jenaer Frühromantik. 1799 erschien der Roman Lucinde.
1799 lebten Friedrich und August Wilhelm Schlegel, Caroline und Dorothea Veit für ein halbes Jahr in der „Romantiker-Wohngemeinschaft" im Hinterhaus An der Leutra 5 in Jena, dem Kernstück der Jenaer Romantik. Im August 1800 habilitierte sich Schlegel an der Universität Jena und lehrte als Privatdozent. Hegel hörte seine Vorlesung über Transzendentalphilosophie. Im Dezember 1801 verließ er Jena, zog mit Tieck nach Dresden und gab mit ihm die Werke des verstorbenen Novalis heraus.
Nach dem Frieden von Amiens ging Schlegel nach Paris. Er studierte die Kunstsammlungen und lebte mit den Brüdern Boisserée und dem Sanskrit-Kenner Alexander Hamilton zusammen. Er begann das Studium der Indologie und der vergleichenden Sprachwissenschaft. Er gründete die Zeitschrift „Europa". Am 6. April 1804 heiratete er in der schwedischen Botschaft in Paris Dorothea, die zuvor vom Judentum zum Protestantismus konvertiert war. Kurz darauf ging das Paar nach Köln. Dort hielt Schlegel an der École Centrale Vorlesungen und las für die Brüder Boisserée Privatvorlesungen über Literaturwissenschaft und Philosophie. 1808 erschien Über die Sprache und Weisheit der Indier, eine Frucht seiner Pariser Studien.
Im selben Jahr 1808 konvertierte das Ehepaar im Kölner Dom zum Katholizismus. Schlegel zog nach Wien und trat 1809 in den österreichischen Staatsdienst ein. Im Hauptquartier des Erzherzogs Karl gab er die „Österreichische Zeitung" heraus. 1810 wurde er Journalist beim „Österreichischen Beobachter". 1810 hielt er die Vorlesungen Über die neuere Geschichte. 1812 folgte die Metternich gewidmete Geschichte der alten und neuen Literatur, die er im Tanzsaal des „Römischen Kaisers" vor großem Publikum las. Joseph von Eichendorff war anwesend. 1812 gründete er die Zeitschrift „Deutsches Museum". 1814 ernannte ihn Papst Pius VII. zum „Ritter des päpstlichen Christusordens". Seitdem führte er wieder den adligen Titel, den die Familie ein Jahrhundert nicht benutzt hatte. 1815 bis 1818 wirkte er als österreichischer Legationsrat am Bundestag in Frankfurt.
1820 begründete er die Zeitschrift „Concordia". Deren katholisch-konservative Ausrichtung stieß selbst seinen Bruder August Wilhelm ab. Das letzte Heft erschien 1823. 1828 distanzierte sich August Wilhelm öffentlich von Friedrich. Schlegels Wirkung beschränkte sich nun auf einen engen Kreis Gleichgesinnter. Er wurde Mystiker und beschäftigte sich mit Telepathie. Nach seinen Wiener Vorlesungen zur Philosophie des Lebens (1827) und zur Philosophie der Geschichte (1828) reiste er nach Dresden. Dort wollte er Vorlesungen über die Philosophie der Sprache und des Wortes vorbereiten. Am 12. Januar 1829 starb er völlig unerwartet an einem schweren Schlaganfall in seinem Gasthof. Am 14. Januar wurde er auf dem Alten Katholischen Friedhof in Dresden beerdigt.
Literarische Merkmale↑
Schlegel verfolgte nach eigenem Bekunden ein einziges großes Ziel: Philosophie, Prosa, Poesie, Genialität und Kritik in einer verbindenden Darstellung zusammenzuführen. Aus diesem Anspruch entstand der Begriff der „progressiven Universalpoesie". Sie verknüpft unterschiedlichste Gattungen und Wissensgebiete und enthält zugleich ihre eigene Kritik. An die Stelle der klassischen Regelpoetik mit ihren aristotelischen Einheiten setzte er den Künstler als freischaffendes Genie. Der Roman wurde zum subjektiven Spielfeld des Autors, in das Gedichte, Balladen und kleine Märchen eingeflochten werden durften. Dazu gehört der bewusst fragmentarische Charakter mit unfertigen Handlungssträngen. Darin wollte Schlegel den Werdensprozess der Dichtung sichtbar machen.
Das Fragment ist bei ihm nicht Notbehelf, sondern eigentliche Form. Laut der Deutschen Biographie nennt Schlegel das Fragment die eigentliche Form der „Universalphilosophie". Nur ein „System von Fragmenten" als Verflechtung der „formlosen Formen" könne das Spiel des Unendlichen angemessen ausdrücken. Dazu tritt der Entwurf einer „neuen Mythologie". Sie sollte nach dem Vorbild der griechischen aus der tiefsten Tiefe des Geistes erwachsen und alle Formen sozialen Lebens durchdringen.
Berühmt wurde Schlegels Bestimmung der Ironie. Mit ihr versuchte er, die Paradoxien der modernen Kunst zur Sprache zu bringen. Die Ironie zeigt, wie aus dem Chaos des Unendlichen eine künstlerische „Welt" entspringen kann, und macht zugleich die Brüchigkeit der menschlichen Existenz sichtbar. Sie ruft, wie er im Lyceum-Fragment Nr. 108 schreibt, das Gefühl der „Unmöglichkeit und Notwendigkeit einer vollständigen Mitteilung" hervor. In den Spätvorlesungen erwartete er, dass die „Ironie der Liebe" den Widerspruch von Endlichem und Unendlichem durchschaubar mache. Schlegel selbst gilt, wie Wikipedia notiert, „gemeinhin als ein genialischer Chaot mit sprunghaften Einfällen". Diese Wirkung erklärt sich auch aus seiner Vorliebe für die kurze, zugespitzte Form.
Nach der Konversion zum Katholizismus verschärfte sich seine Abneigung gegen die logisch-diskursive Denkweise. An deren Stelle trat das Triptychon der späten Vorlesungen: die Philosophie des Lebens, die Philosophie der Geschichte und die Philosophie der Sprache und des Wortes. Gott erscheint hier nicht mehr als abstraktes Sein und leerer Begriff, sondern als Leben und lebendiges Dasein. Die Sprache verstand Schlegel als „Faden der Erinnerung und Überlieferung", der Völker miteinander verbindet.
Rezeption↑
Schon mit der Abhandlung Über das Studium der Griechischen Poesie (1797) und der Rezension von Schillers Musenalmanach entwarf Schlegel jene Grundauffassung von moderner Poesie, die laut der Deutschen Biographie zur Abzweigung der Romantik von der Klassik führte. Gegen Schillers „Schönes" setzte er das „Interessante", das „Besondere, Individuelle, Eigenartige". Als „spiritus movens der Jenaer Romantik" wirkte er nicht nur auf die Literatur, sondern auch auf die Philosophie. Sein Bruder August Wilhelm verbreitete seine Ideen in den Wiener Vorlesungen Über dramatische Kunst und Literatur als „Botschaft der deutschen Romantik an Europa".
Mit Novalis entwickelte Schlegel das Fragment zur spezifisch romantischen Kunstform und die „progressive Universalpoesie". Seine Vorlesung über Transzendentalphilosophie in Jena besuchte auch Hegel. In Deutschland taucht der Begriff „Historismus" erstmals 1797 bei ihm auf. Er gilt als Pionier der Sprachtypologie und bahnbrechender Indologe. Mit Über die Sprache und Weisheit der Indier (1808) lenkte er große Aufmerksamkeit auf Indien. Er verglich Sanskrit mit Latein, Griechisch, Persisch und Deutsch und führte, wie es heißt, den Begriff „Vergleichende Grammatik" ein. Der Aphoristiker Schlegel inspirierte unter anderen den Historiker Leopold von Ranke.
Zugleich nahm seine Wirkung zu Lebzeiten ab. Mit der katholisch-konservativen „Concordia" wurde er, so die Deutsche Biographie, „von den Zeitgenossen mehr und mehr nur noch als Repräsentant der katholischen Partei und der päpstlichen Interessen in Deutschland gesehen". Die Zeitschrift stieß nicht nur bei Protestanten und Liberalen auf Ablehnung, sondern auch bei August Wilhelm. Dieser distanzierte sich 1828 öffentlich von ihm. Schlegels Wirkung beschränkte sich zuletzt auf einen engen Kreis Gleichgesinnter.
Dauerhaft blieb die Bedeutung seiner frühen Begriffe und seines essayistischen Werks. Die Deutsche Biographie verzeichnet ihn als einen der Bezugspunkte, an denen sich später unter anderen Wilhelm Dilthey, Friedrich Nietzsche, Walter Benjamin, Thomas Mann, Robert Musil und Martin Heidegger gerieben haben. Marcel Reich-Ranicki nahm sein essayistisches Werk in seinen Kanon auf.
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