Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Werkseintrag · Lucinde
Eingang · Werke · Lucinde
Cover Lucinde
Lucinde
1799
– Werkseintrag –

Lucinde

1799 · Roman

Ein Liebesroman, der keine Geschichte erzählt, sondern aus Briefen, Träumen und philosophischen Bekenntnissen besteht – Friedrich Schlegels Skandalbuch von 1799, in dem die Frühromantik ihre eigene Theorie in Szene setzt.

Überblick

Mit der Lucinde legte Friedrich Schlegel 1799 in Berlin bei Heinrich Frölich einen Roman vor. Dieser erzählt die Liebe zwischen Julius und Lucinde nicht als Geschichte. Stattdessen entfaltet er sie als ein buntes Geflecht aus Briefen, Dialogen, Aphorismen, Tagebucheinträgen und Reflexionen. Das Werk trägt den Untertitel "Bekenntnisse eines Ungeschickten". Es war als erster Teil eines vierteiligen Projekts geplant, das unvollendet blieb. Schlegel war neben seiner schriftstellerischen Arbeit auch Literaturtheoretiker, Historiker und Philosoph. Mit diesem Buch setzte er sein frühromantisches Romankonzept in die Tat um: Ein Roman solle stets zugleich seine eigene Theorie sein. So gilt die Lucinde bis heute als programmatisches Schlüsselwerk der Frühromantik. Sie ist ebenso berühmt für ihre offene Form wie berüchtigt für ihre freizügige Darstellung der Geschlechterliebe.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im Mittelpunkt steht der junge Künstler Julius. Er berichtet seiner Geliebten Lucinde von seinem Weg zu ihr. Das Buch kreist in wechselnden Formen um eine umfassende Liebesbeziehung – mal als Brief, mal als Traumvision, mal als philosophische Betrachtung. Diese Beziehung will Körper und Geist, Sinnlichkeit und Reflexion zusammenführen.

Eingestreut sind Szenen, die wie kleine Tafelbilder wirken: die Schilderung des zweijährigen Kindes Wilhelmine als Inbegriff unverstellter Natürlichkeit, eine allegorische Vision vom Weg des jungen Mannes, eine Lobrede auf den Müßiggang als Quelle echter Anschauung, ein Dialog zwischen den Liebenden über Treue, Eifersucht und Rollenbilder.

Den größten zusammenhängenden Erzählteil bilden die "Lehrjahre der Männlichkeit". In ihnen wird Julius' Werdegang nachgezeichnet: seine ruhelose Jugend, die Begegnungen mit sehr verschiedenen Frauen, seine Freundschaften zu schwärmerischen Künstlerseelen und das mühsame Finden einer eigenen Mitte. Daraus entwickelt sich der Weg auf Lucinde zu. Briefe, Reflexionen und ein Wechselgesang nach dem Vorbild des Hohelieds runden das Buch ab. Sie kreisen um die Frage, wie aus zwei Menschen ein Ganzes wird.

Die Handlung im Detail

Ein Prolog eröffnet das Buch: Der Autor fragt sich, was sein Geist seinem "Sohn" – dem Werk – mitgeben solle, der so arm an Poesie wie reich an Liebe sei, und stimmt mit dem Bild von Leda und dem Schwan das Thema an.

Im ersten Stück wendet sich Julius an Lucinde und beschreibt seine Vision der einen ewigen Geliebten, die ihm in vielen Gestalten erscheint, sowie seinen Traum von einer Verbindung mit ihr, die er als wundersames Gemisch aus Erinnerungen und Sehnsüchten erlebt. Die "Dithyrambische Fantasie über die schönste Situation" steigert dies zu einem Hymnus auf die körperlich-geistige Liebesvereinigung, bis hin zum spielerischen Tausch der männlichen und weiblichen Rolle.

Es folgt die "Charakteristik der kleinen Wilhelmine": Das zweijährige Mädchen wird als kleines Kunstwerk gerühmt, als beneidenswert frei von Vorurteilen und falscher Scham. In der "Allegorie von der Frechheit" führt ein "Beschützer" Julius ein Schauspiel von Jünglingen am Scheideweg vor; aus inneren Saturnalien erwächst der Auftrag, als Schriftsteller die Botschaften des ewigen Geistes zu verkünden und das Wesen der Gottheit offen darzustellen. Julius rühmt die angeborenen Vorzüge des weiblichen Geistes und der weiblichen Liebeskunst. Die "Idylle über den Müßiggang" stellt dem tätigen, der Aufklärung verpflichteten Menschen den kontemplativen Typus gegenüber: Nur in Gelassenheit und Stille könne man sich an das ganze Ich erinnern. "Treue und Scherz" bringt einen Dialog zwischen Julius und Lucinde über Liebesspiele, gesellschaftliche Konventionen und Eifersucht.

Den Kern bilden die "Lehrjahre der Männlichkeit", in denen Julius' Entwicklung in der Er-Form berichtet wird. Sie beginnt mit einer Phase der Unbeständigkeit, in der sein Dasein in der Fantasie zu einer zusammenhanglosen Masse von Bruchstücken zerfällt. Er begegnet drei Frauentypen: Bei Luise, einem Mädchen an der Grenze der Kindheit, blitzt ein heiliges Bild der Unschuld auf; fast hätte er sie verführt, kommt aber rechtzeitig zur Besinnung. An einem neuen Wohnort verwickelt ihn eine kokette Gesellschaftsdame in Intrigen, und er wendet sich Lisette zu, einem fast öffentlichen Mädchen, das ihn durch Sinnlichkeit, Witz und ihre Vorliebe für Unabhängigkeit und Geld fasziniert. Als Lisette ihm die Vaterschaft ankündigt, verlässt er sie entrüstet; mit den Worten "Lisette soll zu Grunde gehen … so will es das Schicksal, das eiserne" ersticht sie sich. Julius sucht danach Freundschaft mit seelenverwandten Jünglingen, gerät jedoch in deren Gemütsschwankungen hinein, vereinsamt und fällt in eine Depression, die er gesellschaftlich hinter Heiterkeit verbirgt. Erst die Begegnung mit selbstbewusst auftretenden, kunstsinnigen Frauen bringt die Wende. Eine erste, bereits mit seinem Freund verbundene Frau fördert ihn und führt ihn an die antiken Stoffe heran; seine Liebe zu ihr muss er als geschwisterliche Freundschaft tarnen. Durch sie gereift, tritt er schließlich Lucinde gegenüber. Ohne lange Werbung werden sie ein Paar und erleben eine zuvor unbekannte körperlich-seelische Harmonie. Julius stabilisiert sich, wirkt in der Gesellschaft gelassen und freundlich und findet einen kreativen Freundeskreis.

Es folgen die "Metamorphosen", Betrachtungen über die Entwicklung des kindlichen Geistes vom Narzissmus zur ergänzenden Gegenliebe. In den "Zwei Briefen" sind Julius und Lucinde räumlich getrennt. Lucinde erwartet ein Kind, beide kaufen ein kleines Landgut für ihr künftiges Familienleben. Julius deutet das Kind als unauflösliche Bindung und das Heiligtum der Ehe als Bürgerrecht im Stande der Natur; in der ländlichen Idylle erhofft er sich Lösung von der "verderbten kranken städtischen Gesellschaft", weiß aber, dass diese Hoffnung unrealistisch ist. Der zweite Brief entsteht nach Lucindes Genesung von einer schweren Erkrankung: Als ihre Schwester Amalie ihm die Krankheit gemeldet hatte, fürchtete Julius ihren Tod und stellte sich in Tagträumen sein Leben ohne sie vor, mit Todeserfahrungen und einem Eintauchen in eine geistige Welt, in der Lucindes Gestalt von wunderbarem Glanz umschienen erscheint.

In "Eine Reflexion" denkt Julius über das Bestimmte als männliches und das Unbestimmte, Namenlose als weibliches Prinzip nach, die als bewegende Kräfte des Universums nach Symmetrie und Harmonie streben. In den beiden Briefen "Julius an Antonio" erklärt er, warum er nun nicht mehr mit Antonio, sondern mit Eduard befreundet sein will: Es gebe den Bund der Helden, die im "heißen Kampf" des "rastlosen Lebens" wirken, und die innerliche Seelengemeinschaft, die sich vor äußeren Gefährdungen schützen müsse; er habe sich für den ersten Typus entschieden. "Sehnsucht und Ruhe" preist die Liebenden im Wechselgesang nach dem Muster des Hohelieds Salomos, der in der Sehnsucht nach der großen Liebesnacht endet.

In der abschließenden Betrachtung "Tändeleien der Fantasie" beklagt Julius, dass das zarte Götterkind Leben in der Umarmung der nach Affenart liebenden Sorge jämmerlich erstickt werde – der "früh entschlafene Sohn". Doch in seiner Fantasie umgibt ihn ein Zauberkreis: Ein frischer Hauch von Jugendblüte zieht über das Dasein, der Mann vergöttert die Geliebte, die Mutter das Kind, alle den ewigen Menschen. Die Seele versteht nun die Klage der Nachtigall, das Lächeln des Neugeborenen und die Bilderschrift der Natur. So endet das Buch nicht in einem Handlungsabschluss, sondern in einer poetischen Verklärung von Liebe, Familie und Welt.

Stil

Die Lucinde ist kein erzählender Roman im hergebrachten Sinn. Schlegel bricht die gewohnte fortlaufende Handlung auf. Stattdessen reiht er Stücke unterschiedlicher Form aneinander: einen Prolog, Briefe, eine dithyrambische Fantasie, eine Charakteristik, eine Allegorie, eine Idylle, einen Dialog, eine längere Er-Erzählung der "Lehrjahre", Metamorphosen, Reflexionen, einen Wechselgesang nach Vorbild des Hohelieds Salomos und eine abschließende Betrachtung. Diese Mischung der Gattungen ist nicht Spielerei, sondern Programm. Der Roman soll die frühromantische Idee einer offenen, alle Formen umfassenden Dichtung verkörpern und zugleich seine eigene Theorie mitliefern.

Die Sprache ist gehoben, bildreich und oft hymnisch. Schlegel arbeitet mit großen Begriffen – Natur, Geist, Unendlichkeit, Gottheit, Harmonie. Er stellt sie in feierliche, manchmal schwer durchsichtige Sätze. Antike Bilder wie Leda und der Schwan, Anklänge an das Hohelied, allegorische Szenen und Traumvisionen wechseln mit nüchterner Reflexion. Charakteristisch ist die spielerische Zuspitzung in Gegensätzen: Bestimmtes und Unbestimmtes, männlich und weiblich, Tätigkeit und Müßiggang, Scherz und Ernst. Das Buch bietet keine lineare Erzählung mit psychologisch nachvollziehbarer Entwicklung. Stattdessen reiht es eine Folge von Stimmungen, Gedanken und Bildern aneinander, die um wenige Grundthemen kreisen.

Rezeption

Die Lucinde löste unmittelbar nach Erscheinen eine lebhafte, teils wütende Aufnahme aus. Zeitgenössische Kritiker sprachen von einem "kleinen Ungeheuer". Sie beklagten "Irrgänge von Stimmungen und Reflexionen statt episch breiter behaglicher Erzählung". Die Bezeichnung "Roman" galt vielen als Mogelpackung. Das Buch sei keine angenehm zu lesende Geschichte, sondern eine trockene, für Laien schwer verständliche Umsetzung einer komplexen Romantheorie. Maßstab waren damals eine lineare, geschlossene Handlung und Figuren mit nachvollziehbarer Entwicklung in einem gesellschaftlichen Umfeld. Beides fehlte hier. Als gelungenes Gegenstück galt später Clemens Brentanos Godwi, der das frühromantische Konzept umsetze und zugleich lesbar bleibe.

Hinzu kam der Vorwurf der Unmoral. Der freizügige Umgang mit Sexualität und die selbstbewusst liebende Titelheldin brachen mit den Moralvorstellungen der Zeit. 1816 war Schlegel österreichischer Legationssekretär am Bundestag in Frankfurt geworden. Noch in diesem Jahr wurde er bei der Wiener Polizei- und Zensur-Hofstelle anonym als "höchst hirnloser und unzüchtiger Skribler" angezeigt. Dem Buch wurden "Ärgerlichkeit und Verworfenheit" vorgeworfen. Hauptleidtragende war seine Gefährtin Dorothea Veit. Sie hatte das Konzept des Romans verstanden und verteidigte ihn gegen die Angriffe.

Die neuere Rezeption urteilt differenzierter. Hermann Hesse mochte das Buch dem modernen Leser nicht mehr empfehlen. Doch wird Lucinde heute als Roman im Sinne der frühromantischen "progressiven Universalpoesie" gelesen. Ihren Wert gewinnt sie gerade aus der gattungsüberschreitenden Offenheit. Die Gender-Studies der 1990er Jahre sehen die Emanzipationsversprechen des Buches kritisch. Trotz der Forderung nach individueller Selbstbildung bleibe die Asymmetrie der Geschlechter erhalten: Der Mann liebe das Lieben, die Frau den Mann. Die utopische Szene des Rollentauschs gilt als Schlüsselstelle zur Gleichberechtigung. Doch halte das Buch im Ganzen an der überlieferten Zuordnung Frau-Natur, Mann-Geist und an der Frau als Erlöserin des Mannes fest.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten