1767 – 1845
August Wilhelm Schlegel
Kurzporträt↑
August Wilhelm Schlegel war einer der wichtigsten Köpfe der deutschen Frühromantik. Er war zugleich der bedeutendste Vermittler fremder Literaturen ins Deutsche um 1800. Berühmt wurde er vor allem durch seine Übersetzung von siebzehn Dramen Shakespeares. Diese gilt bis heute als deutsche Standardausgabe. Gemeinsam mit seinem Bruder Friedrich gab er die Zeitschrift Athenaeum heraus, das wichtigste Organ der Jenaer Romantik. In Bonn übernahm er 1818 den ersten deutschen Lehrstuhl für Indologie. Dort führte er den Sanskrit-Buchdruck in Europa ein. Seine in Wien gehaltenen Vorlesungen Über dramatische Kunst und Literatur trugen die Ideen der deutschen Romantik bis nach Frankreich, England und Amerika.
Biografie↑
August Wilhelm Schlegel wurde am 8. September 1767 in Hannover geboren. Er war der vierte Sohn des evangelisch-lutherischen Pastors Johann Adolf Schlegel, der an der Marktkirche predigte. Die Mutter Johanna Christiane Erdmuthe Hübsch war die Tochter eines Mathematiklehrers in Schulpforta. Die Familie zählte acht Söhne und zwei Töchter und galt als künstlerisch und intellektuell aufgeschlossen. Nach dem Gymnasium in Hannover nahm Schlegel 1786 in Göttingen ein Studium der Theologie auf. Bald wechselte er zur Philologie, beeinflusst durch den Altphilologen Christian Gottlob Heyne und ermutigt durch Gottfried August Bürger. Bereits 1787 erhielt er für eine lateinische Abhandlung über die homerische Geographie einen akademischen Preis. In Göttingen lernte er auch Caroline Böhmer und Wilhelm von Humboldt kennen. Wikipedia nennt das Geburtsdatum mit Vorbehalt: Schlegel sei am 5. oder 8. September 1767 geboren. Die Deutsche Biographie nennt eindeutig den 8. September.
Von 1791 bis 1795 arbeitete er als Hauslehrer beim Amsterdamer Bankier Henry Muilman. Dessen Sohn Willem Ferdinand wurde später Direktor der Niederländischen Bank. 1794 trat er in Briefwechsel mit Schiller und wurde Mitarbeiter an dessen Zeitschrift Die Horen. 1795 siedelte er nach Jena über. Dort hielt er Vorlesungen zur Ästhetik und schrieb in vier Jahren etwa dreihundert, oft umfangreiche Rezensionen, vor allem für die Jenaische Allgemeine Literatur-Zeitung. Am 1. Juli 1796 heiratete er Caroline Böhmer. Sein Bruder Friedrich folgte ihm nach Jena. Mit Schiller kam es 1797 zum Bruch, nachdem Schlegel dessen Lied von der Glocke kritisiert und Friedrich Schlegels Rezension die Horen verletzt hatte. Im selben Jahr beschlossen die Brüder, eine eigene Zeitschrift herauszugeben: das Athenaeum. Es erschien von 1798 bis 1800 zweimal jährlich und wurde zum Sprachorgan der Jenaer Frühromantik. 1799 lebten August Wilhelm und Caroline Schlegel mit Friedrich und Dorothea Veit ein halbes Jahr gemeinsam in einer Wohnung in der Leutragasse – der Keimzelle der Jenaer Romantik. Goethe schätzte Schlegel als Kritiker, Übersetzer und Berater in metrischen Fragen. Als Dichter hielt er ihn jedoch für weniger bedeutend.
Anfang 1802 fiel sein klassizistisches Schauspiel Ion durch, eine moderne Bearbeitung des Euripides. Im selben Jahr siedelte Schlegel nach Berlin über. Dort hielt er bis 1804 die einflussreichen Vorlesungen Über schöne Literatur und Kunst. 1803 wurde seine Ehe mit Caroline aufgelöst; sie heiratete bald darauf Friedrich Schelling. Bis zu deren Tod 1817 lebte Schlegel als literarischer Berater, Sekretär und Erzieher der Kinder bei Madame de Staël auf Schloss Coppet am Genfersee. Mit ihr bereiste er Italien, Frankreich und Deutschland. Zum Coppeter Kreis gehörten unter anderen Sismondi, Benjamin Constant und Adelbert von Chamisso. 1808 hielt er in Wien seine Vorlesungen Über dramatische Kunst und Literatur. Diese erschienen zwischen 1809 und 1811 und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Als Gegner Napoleons aus dem französischen Kaiserreich ausgewiesen, ging er 1813 nach Stockholm und trat in die Dienste des Kronprinzen Jean Baptiste Bernadotte. Von dort aus beteiligte er sich an der publizistischen Front gegen Napoleon.
Nach dem Tod der Madame de Staël 1817 heiratete er in Heidelberg Sophie Paulus. Die Ehe scheiterte schon nach wenigen Wochen und wurde später annulliert, da Sophie nicht mit ihm nach Bonn übersiedeln wollte. 1818 wurde Schlegel an die neu gegründete Universität Bonn berufen und übernahm dort den ersten deutschen Lehrstuhl für Indologie. Er ließ sich in Paris eigens Devanagari-Lettern herstellen, um Sanskrit-Texte erstmals in Europa drucken zu können. 1823 erschien als erstes Werk die Bhagavadgita mit seiner eigenen lateinischen Übersetzung. Später folgten Ausgaben des Ramayana und des Hitopadesha. 1819/20 zählte Heinrich Heine in Bonn zu seinen Schülern. 1824/25 amtierte Schlegel als Rektor der Universität. Sein luxuriöses Auftreten mit Kutsche, Diener und Pariser Garderobe machte seine Eitelkeit sprichwörtlich. 1828 distanzierte er sich öffentlich von seinem Bruder Friedrich. Er starb am 12. Mai 1845 in Bonn und wurde auf dem Alten Friedhof begraben.
Literarische Merkmale↑
Schlegels eigene Dichtung – Sonette, Balladen und Dramen – blieb zeitlebens ohne nachhaltigen Erfolg. Selbst Goethe schätzte ihn als Übersetzer und Kritiker, hielt ihn aber als Dichter für unbedeutend. Das Schauspiel Ion fiel 1802 durch. Frischer als seine Lyrik wirkten seine Satiren, etwa das Stück Kotzebue's Rettung oder der tugendhafte Verbannte, das mit boshaftem Witz auf den Gegner zielt. Seine bleibende Bedeutung liegt in drei anderen Tätigkeitsfeldern: in der literarischen Kritik, in der Übersetzung und im sprachphilosophischen Denken.
Als Kritiker schrieb er zwischen 1796 und 1800 etwa dreihundert Beiträge und Rezensionen, vor allem für die Jenaische Allgemeine Literatur-Zeitung. Das gemeinsam mit Friedrich herausgegebene Athenaeum gilt laut der Neuen Deutschen Biographie als wichtigste Plattform romantischer Programmatik, mit den Begriffen der progressiven Universalpoesie, der Fragment-Theorie und der romantischen Ironie. In seinen Berliner Vorlesungen Über schöne Literatur und Kunst (1801–1804) stellte Schlegel die Literaturen des klassischen Altertums, des germanischen und provenzalischen Mittelalters sowie die romanischen Literaturen der Neuzeit als gleichrangig nebeneinander. Im Sinne Herders und Winckelmanns wollte er philosophische Theorie und Geschichte der Kunst verbinden. Das Bindeglied sah er in der Kritik. Trotz seiner altphilologischen Schulung und seiner Nähe zur Weimarer Klassik vertrat er die Auffassung, dass Dante, Cervantes, Calderón und Shakespeare die maßgeblichen Vorbilder der modernen Poesie seien.
Als Übersetzer arbeitete er aus dem Griechischen, Lateinischen, Italienischen, Spanischen, Portugiesischen, Französischen und Englischen. Seine Hauptleistung sind die zwischen 1797 und 1810 erschienenen Übertragungen von siebzehn Shakespeare-Dramen. Diese wurden später von Dorothea Tieck und Wolf Heinrich Graf von Baudissin ergänzt und bilden bis heute die deutsche Standardübersetzung. Hinzu kommen die Sammlung Blumensträuße italienischer, spanischer und portugiesischer Poesie (1804) mit Übertragungen aus Dante, Petrarca, Boccaccio, Tasso, Cervantes und Camões sowie ein zweibändiges Spanisches Theater mit Stücken Calderóns.
In Bonn wandte er sich der Indologie zu. Laut der Deutschen Biographie gehört er neben Wilhelm von Humboldt und Franz Bopp zu den Begründern der vergleichenden Sprachwissenschaft. Seine Berliner Vorlesungen gelten neben jenen Humboldts als der bedeutendste sprachphilosophische Beitrag des frühen 19. Jahrhunderts.
Rezeption↑
Bereits zu Lebzeiten war Schlegel eine europäische Berühmtheit. Seine Wiener Vorlesungen Über dramatische Kunst und Literatur wurden 1808 gehalten und ab 1809 in drei Bänden gedruckt. Sie wurden ins Französische, Englische, Italienische, Spanische, Portugiesische, Polnische und Russische übersetzt. Vertrieben durch die internationale Verlagsbuchhandlung Treuttel & Würtz mit Filialen in Straßburg, Paris und London, trugen sie die Ideen der deutschen Romantik weit über den deutschen Sprachraum hinaus. Zusammen mit seiner Streitschrift Comparaison entre la Phèdre de Racine et celle d'Euripide (1807) wirkten sie laut der Neuen Deutschen Biographie wesentlich auf das französische und englische Geistesleben ein.
Goethe schätzte Schlegel als Literaturhistoriker, Kritiker, Übersetzer und Menschen. Als Dichter hielt er ihn aber für weniger bedeutend. Das Verhältnis zu Schiller war gespannt: In den Xenien (1797) griffen Goethe und Schiller die Brüder Schlegel an. Mit zunehmendem Alter wurde der berühmte Bonner Professor selbst zum Ziel von Spott. Vor allem sein Schüler Heinrich Heine verlachte seine Eitelkeit und seine kurze Ehe mit Sophie Paulus. Die Berliner Vorlesungen über bildende Kunst von 1827 blieben ein Misserfolg. 1828 kam es zur öffentlichen Distanzierung von seinem Bruder Friedrich, mit dem ihn einst der Aufbruch der Frühromantik verbunden hatte.
Sein nachhaltigster Erfolg ist die sogenannte Schlegel-Tieck-Ausgabe des Shakespeare. Er begann diese Übertragung, die später von Dorothea Tieck und Wolf Graf von Baudissin fortgeführt wurde und bis heute als deutsche Standardübersetzung gilt. In Bonn wurde er 1824/25 zum Rektor der Universität gewählt und 1831 zum Ehrenmitglied der Preußischen Akademie der Künste ernannt. Laut der Deutschen Biographie zählt er neben Wilhelm von Humboldt und Franz Bopp zu den Begründern der vergleichenden Sprachwissenschaft. Seine Indische Bibliothek sowie die in Bonn gedruckten Sanskrit-Editionen begründeten die altindische Philologie in Deutschland. Sein Grab liegt auf dem Alten Friedhof in Bonn.
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