1855
Soll und Haben
Überblick↑
Soll und Haben von Gustav Freytag erschien 1855. Der Roman gehört zu den bekanntesten Werken des deutschsprachigen Bürgerlichen Realismus. Das Werk ist in sechs Bücher gegliedert. Es schildert am Beispiel einer Breslauer Handelsfirma die wirtschaftliche und soziale Welt Schlesiens in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Bis in die frühen Jahre des 20. Jahrhunderts zählte es zu den größten Bestsellern. Franz Mehring bezeichnete es als den meistgelesenen Roman des 19. Jahrhunderts.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht der achtzehnjährige Anton Wohlfart, Sohn eines Buchhalters. Nach dem Tod seiner Eltern tritt er in Breslau eine Lehrstelle beim Kolonialwarenkaufmann Traugott Schröter an. Auf seiner Wanderung in die Stadt begegnet er zwei Menschen, die sein weiteres Leben prägen werden. Der eine ist der ehemalige Schulkamerad Veitel Itzig, der bei dem jüdischen Makler Hirsch Ehrenthal als Hausbursche unterkommt. Die andere ist das Freifräulein Lenore von Rothsattel, in die er sich verliebt.
Im Kontor Schröters bewährt sich Anton durch Gewissenhaftigkeit und Ehrenhaftigkeit. Er freundet sich mit dem weltgewandten Kollegen Fritz von Fink an und wird über diesen in die Kreise des Landadels eingeführt. Parallel dazu lernt der ehrgeizige Veitel Itzig bei dem heruntergekommenen Juristen Hippus die Kunst, die Gesetze zum eigenen Vorteil zu umgehen. Und der Freiherr von Rothsattel, Lenores Vater, lässt sich von Ehrenthal in immer riskantere Geldgeschäfte hineinziehen, um seinen aufwendigen Lebensstil zu finanzieren.
Drei Welten werden von Beginn an verflochten: das bürgerliche Handelshaus, das jüdische Maklermilieu und der verschuldete Landadel. Aus dieser Konstellation entwickelt Freytag einen Entwicklungsroman. Dieser ist zugleich ein Sittengemälde des kaufmännischen Bürgertums und erzählt Antons Reifung vom unerfahrenen Lehrling zum gestandenen Kaufmann.
Die Handlung im Detail↑
Der achtzehnjährige Anton Wohlfart wandert von Ostrau nach Breslau, wo er eine Ausbildung sucht. Unterwegs kommt er am Landschloss des Freiherrn Oskar von Rothsattel vorbei, lernt dessen Tochter Lenore im Park kennen und verliebt sich in sie. Auf demselben Weg trifft er zufällig seinen ehemaligen jüdischen Bürgerschulkameraden Veitel Itzig. Anton tritt als Lehrling in das Kontor des Kolonialwarenkaufmanns Traugott Schröter ein, dessen Firma seinem verstorbenen Vater wegen einer alten Hilfeleistung verpflichtet ist. Durch Gewissenhaftigkeit beim Briefekopieren und durch tadellose Ausführung seiner Aufträge gewinnt er Achtung; seine Lehrzeit wird auf zwei Jahre verkürzt, und er erhält eine feste Stellung als Kontorist. Mit dem zunächst arrogant wirkenden, weltgewandten Kollegen Fritz von Fink schließt er nach Reibereien Freundschaft. Veitel Itzig wird gleichzeitig Hausbursche beim Makler Hirsch Ehrenthal, beginnt mit kleinen Privatgeschäften und legt Geld für Größeres zurück. Der Freiherr von Rothsattel, bislang solide von seinen Gutseinkünften lebend, lässt sich von Ehrenthal überreden, Pfandbriefe zu kaufen, eine Stadtwohnung zu beziehen und an Gesellschaften teilzunehmen – seinen aufwendigen Lebensstil deckt er bald nur noch durch Beteiligung an Ehrenthals riskanten Geschäften.
Im zweiten Buch setzt Fink seinen Freund spielerisch in der städtischen Gesellschaft in Szene, indem er das Gerücht streut, Anton sei der außereheliche Sohn eines Großfürsten und Erbe amerikanischer Ländereien. Anton, der nichts vom leichtsinnigen Spiel ahnt, wird in den Tanzgesellschaften der Frau von Baldereck aufgenommen, trifft Lenore wieder und gewinnt durch ihre Freundlichkeit an Selbstsicherheit. Als sein Prinzipal Schröter ihn auf die Gerüchte anspricht, entschließt sich Anton, vor der adeligen Gesellschaft seine wahre Lage zu offenbaren, und zieht sich zurück – schweren Herzens, denn er muss Lenore aufgeben. Er widmet sich wieder dem Kontor und freundet sich mit Ehrenthals Sohn Bernhard an, einem gelehrten Stubenmenschen inmitten seiner Bibliothek. Als Fink eine große Erbschaft antritt und Anton mit nach Amerika nehmen will, lehnt dieser ab. Auch Schröters Schwester Sabine schlägt Finks Heiratsantrag aus. Veitel Itzig wird derweil immer gewiefter: Sein Nachbar in der zwielichtigen Herberge Löbel Pinkus', der abgestürzte Rechtsanwalt Hippus, weiht ihn ins Wechselrecht und in die Hypothekenordnung ein. Veitel kauft billig wertlose Schuldbriefe auf und treibt sie ein, sobald sich die Lage der Schuldner bessert. Er steigt zum Buchhalter Ehrenthals auf und nutzt diese Stellung gegen seinen Chef. Rothsattel verschuldet sich weiter, beteiligt sich am Bau einer Zuckerfabrik, und Itzig leiht ihm hinter Ehrenthals Rücken über den Strohmann Pinkus Geld – mit dem Ziel, am Ende das Schloss samt Ländereien zu übernehmen.
Im dritten Buch spitzt sich alles zu. Als in Polen ein Aufstand ausbricht, begleitet Anton seinen Chef in das Unruhegebiet, um vierzehn von Rebellen beschlagnahmte Frachtwagen der Firma zurückzuholen. Nach gefährlicher Reise und zähen Verhandlungen rettet Anton bei einer Auseinandersetzung in einer Karawanserei Schröter das Leben; er bleibt als Agent der Firma den Winter über in Osteuropa, baut die Handelsbeziehungen wieder auf und kehrt mit Informationen über Rothsattels schlechte Lage und Itzigs Intrige zurück. Schröter stellt ihm in Aussicht, ihn zu seinem Stellvertreter zu machen. Rothsattel ist inzwischen tief verschuldet, die Zuckerfabrik bringt wegen einer schlechten Rübenernte nicht den erwarteten Gewinn, und ein polnisches Gut bei Rosmin, für das er Pfandbriefe besitzt, droht insolvent zu werden. Die Gläubiger verlangen Rückzahlung. Antons Enthüllung von Itzigs doppeltem Spiel löst einen Streit zwischen allen Beteiligten aus. Ehrenthals Sohn Bernhard stellt sich gegen den Vater und fordert ihn auf, Rothsattel zu helfen; der Vater weigert sich, ist aber bereit, das Gut bei Rosmin zu ersteigern. Bernhard stirbt kurz darauf an einer Lungenkrankheit, der Vater verfällt unter dem Zerwürfnis geistig und körperlich. Rothsattel selbst, von der Aussichtslosigkeit überwältigt, will sich erschießen; seine Frau hindert ihn, der Schuss geht fehl, doch er verliert sein Augenlicht. Die Baronin bittet Anton um Hilfe; aus Freundschaft zur Familie und besonders zu Lenore übernimmt er die Aufgabe des Bevollmächtigten und Rentmeisters, versucht juristisch die Schuldenlage nach der Zwangsversteigerung des Familiensitzes zu ordnen und verkauft den Schmuck der Baronin, um das Rosminer Gut zu erhalten und wieder ertragsfähig zu machen. Das führt zur Entfremdung von Schröter und zum Abschied aus dem Handelshaus – sehr zum Leidwesen des Prinzipals, der ihn zu seinem Nachfolger aufbauen wollte, und Sabines, die ihre Neigung zu Fink überwunden und den gereiften Anton lieb gewonnen hat.
In den Entscheidungssituationen des dritten Buches treten die grundverschiedenen Haltungen der Hauptfiguren hervor: Ehrenhaftigkeit, Habgier und Genusssucht. Anton diskutiert mit Bernhard das Verhalten des korrekten Kaufmanns und urteilt differenziert über Ehrenthal: Er kenne von ihm keine Handlung, die nach kaufmännischen Begriffen unehrenhaft sei, wohl aber gehöre er zu jenen Erwerbenden, „welche bei ihren Geschäften nicht sehr danach fragen, ob ihr eigener Vorteil durch Verluste anderer erkauft wird“. Über Itzig dagegen sagt Bernhard hart: „Er ist der Schurke […] Er ist eine gemeine, niederträchtige Natur“. Bernhard kritisiert seinen Vater scharf, weist dessen Erbe zurück und wirft ihm vor, an nichts anderes gedacht zu haben als an Erwerb. Auch in der Frage, wie mit dem bankrotten Adligen umzugehen sei, trennen sich die Wege: Anton möchte aus Mitgefühl helfen, Schröter dagegen urteilt streng, Rothsattel sei nur deshalb in die Hände der Wucherer gefallen, weil ihm das gefehlt habe, „was dem Leben jedes Menschen erst Wert gibt, ein besonnenes Urteil und eine stetige Arbeitskraft“. Es sei kein Unglück für den Staat, wenn viele alte Familien untergingen. So bündelt sich im dritten Buch das große Thema des Romans: die Selbstbehauptung des arbeitenden Bürgertums gegen Spekulation auf der einen und gegen den unwirtschaftlichen Lebensstil des Adels auf der anderen Seite.
Stil↑
Freytag verbindet in Soll und Haben den Entwicklungsroman mit dem Sittenbild. Anton Wohlfart reift vom Lehrling zum erfahrenen Kaufmann und gibt dem Roman seinen biographischen Faden. Die wirtschaftlich-soziale Welt Schlesiens liefert das Tableau, auf dem sich diese Reifung abspielt. Auffällig ist die Anlage in typisierten Figuren: der ehrenhafte Prinzipal Schröter, der leichtlebige Adlige Fink, der genusssüchtige Freiherr, der gewissenlose Spekulant Itzig, der gelehrte Außenseiter Bernhard. Jede Figur verkörpert eine Haltung gegenüber Arbeit, Geld und gesellschaftlicher Ordnung. Der Roman führt sie systematisch gegeneinander.
Die Komposition arbeitet mit parallelen Handlungssträngen: Handelshaus, jüdisches Maklermilieu und verschuldeter Landadel. Diese Stränge werden schon zu Beginn personell miteinander verzahnt und schieben sich Buch für Buch ineinander. Schauplatz ist in erster Linie Breslau. Von dort aus führen die Wege ins schlesische Land, in die Salons der Stadt und schließlich bis ins polnische Aufstandsgebiet. Die sechs Bücher gliedern das Geschehen in klare Etappen. Tragende Gespräche machen die Wertedebatte des Romans ausdrücklich – etwa Antons und Bernhards Auseinandersetzung über Ehrenhaftigkeit oder Schröters scharfes Urteil über den Adel.
Rezeption↑
Soll und Haben war einer der größten Buchhandelserfolge des 19. Jahrhunderts. Bis in die frühen Jahre des 20. Jahrhunderts zählte das Werk zu den Bestsellern des deutschsprachigen Raums. Franz Mehring nannte es den meistgelesenen Roman des 19. Jahrhunderts. Diese außerordentliche Verbreitung machte den Roman zu einem prägenden Werk des Bürgerlichen Realismus. Er wurde zu einem Schlüsseltext für das Selbstverständnis des deutschen Kaufmannsbürgertums.
Auch jenseits des Buchmarkts strahlte das Werk aus. Bereits 1859 erschien eine literarische Bearbeitung. 1924 verfilmte Carl Wilhelm den Stoff. Eine englische Übersetzung unter dem Titel Debit and Credit trug den Roman in den angelsächsischen Raum.
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