Soledades
Überblick↑
Das lange Gedicht Soledades – auf Deutsch etwa „Einsamkeiten" – entstand 1613 und gilt als Höhepunkt der kunstvollen Dichtung von Luis de Góngora. Ursprünglich war ein umfangreiches Werk in vier Teilen geplant, die die Titel „Einsamkeit der Felder", „der Ufer", „der Wälder" und „der Einöde" tragen sollten. Vollendet hat Góngora jedoch nur die Widmung an den Herzog von Béjar sowie die ersten beiden Teile, wobei der zweite unabgeschlossen blieb. Manche Forscher deuten dieses offene Ende als bewusstes Kunstmittel, das den Schluss mit dem Anfang des Gedichts verbinden solle. Bemerkenswert ist schon der Umfang, denn die lyrische Gattung wurde nur selten für ein derart ausgedehntes Gedicht genutzt. Es erzählt keine Heldentaten wie das Epos, sondern schildert eine Art ziellose Wanderung. Im Kern feiert das Werk das einfache, unverdorbene Landleben und stellt es dem geschäftigen Treiben des Hofes gegenüber.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt der ersten Soledad steht ein junger Mann, der einen Schiffbruch überlebt hat und an die Küste einer Insel gespült wird. In der Dämmerung folgt er dem Schein eines Feuers und trifft auf eine Gruppe von Ziegenhirten, die ihn freundlich aufnehmen. Am folgenden Tag bricht er mit einem der Hirten auf. Unterwegs begegnen sie einer Schar von Bergbewohnern, die zu einer nahen Ortschaft ziehen, wo die Hochzeit eines Hirtenpaares gefeiert werden soll. Die eigentliche Handlung ist dabei rasch erzählt – ihr wahrer Reichtum liegt in den ausführlichen, überaus bildhaften Naturschilderungen, die jeden Schauplatz in ein Fest für die Sinne verwandeln.
Die Handlung im Detail↑
Die Handlung erstreckt sich über drei Tage. Gleich zu Beginn wird der schöne Jüngling gepriesen – schöner noch als Ganymed, der Mundschenk der Götter. Am ersten Abend erreicht der Schiffbrüchige den Strand und findet, dem Licht eines Lagerfeuers folgend, die Ziegenhirten, bei denen er die erste Nacht verbringt. Am nächsten Tag zieht er mit einem von ihnen weiter. Auf dem Weg stoßen sie auf einen Zug von Bergbewohnern, die zur Hochzeit zweier Hirten in ein nahes Dorf unterwegs sind. Einer der Männer erkennt an der Kleidung des Fremden den Schiffbrüchigen. Das weckt in ihm die Erinnerung an seinen eigenen Sohn, der auf See ums Leben kam, und er stimmt eine lange, bittere Klage gegen die Habgier und die Seefahrt an. Zugleich lädt er den jungen Mann zur Hochzeit ein; die Nacht verbringen sie im Dorf. Am dritten Tag wird die Vermählung gefeiert, begleitet von Spielen und Tänzen. Bei einbrechender Nacht endet das Gedicht: Das Brautpaar begibt sich nach Hause, wo Venus ihm das weiche Lager bereitet hat. Berühmt ist der letzte Vers „a batallas de amor, campo de pluma" – „zu Schlachten der Liebe, ein Feld aus Federn". Das karge Geschehen ist der Nausikaa-Episode aus der Odyssee nachempfunden. Die zweite Soledad blieb unvollendet.
Stil↑
Das Gedicht ist in der Silva-Form verfasst, einer Versform, die sieben- und elfsilbige Zeilen frei miteinander verbindet. Kennzeichnend ist der überaus schwierige, bildreiche Stil, der in den Soledades seinen Gipfel erreicht. Góngora häuft mythologische Anspielungen und weit ausgreifende Metaphern, um die Sinne zu betören und noch im geringsten Gegenstand Schönheit zu entdecken. Ungewöhnlich für seine Zeit ist, dass er einfache Menschen – Ziegenhirten, Bauern und Fischer – in erhabener, kunstvoller Sprache darstellt und nicht, wie es die damalige Dichtungslehre verlangte, im derben Ton des Schelmenromans. Die Landschaften sind arkadisch und neuplatonisch verklärt, das Leben auf dem Lande erscheint als idealer Rückzugsort. Schon der Anfang zeigt Góngoras Vorliebe für verschlüsselte Anspielungen: Der Jüngling wird mit Ganymed verglichen, dessen Name damals als verhülltes Zeichen für gleichgeschlechtliche Liebe galt.
Rezeption↑
Bereits seit ihrer Entstehung lösten die Soledades eine heftige Debatte aus. Anstoß erregten die extreme Schwierigkeit des sprachlichen Schmucks und die Fülle gelehrter und mythologischer Anspielungen, die keinen erkennbaren belehrenden Zweck erfüllten. Zu den Gegnern zählten der Graf von Salinas und Juan de Jáuregui, der ein gewichtiges Antídoto contra las Soledades und ein Ejemplar poético gegen das Werk verfasste – später jedoch selbst eine ganz ähnliche Dichtungsweise vertrat. Verteidigt wurde es von zahlreichen anderen Geistern, darunter Salcedo Coronel, José Pellicer, Francisco Fernández de Córdoba, der Abt von Rute, der Graf von Villamediana und Gabriel Bocángel; jenseits des Atlantiks traten Juan de Espinosa Medrano und Sor Juana Inés de la Cruz für Góngora ein. Später wurde das Gedicht von den französischen Parnassiens und Symbolisten sowie von der spanischen Dichtergruppe der „Generation von 1927" gewürdigt. Diese ehrte Góngora 1927 zum dreihundertsten Jahrestag seines Todes – ein Anlass, der der Dichtergeneration ihren Namen gab.
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