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Werkseintrag · Die Ahnfrau
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Cover Die Ahnfrau
Die Ahnfrau
1817
– Werkseintrag –

Die Ahnfrau

1817 · Tragödie

Eine alte Sage, ein verfluchter Dolch und eine Liebe, die ahnungslos in den Abgrund führt – Grillparzers Schauerdrama um das letzte Geschlecht der Borotíner.

Überblick

Das Trauerspiel Die Ahnfrau ist das erste vollendete Bühnenstück von Franz Grillparzer und erschien 1817. Es gehört zur Gattung des Schicksalsdramas. Den Stoff entnahm Grillparzer einer südböhmischen Sage, die sich um die Burg Borotín im Gebiet von Tábor rankt. Das Werk wurde kontrovers aufgenommen.

Inhalt (ohne Spoiler)

Auf einem alten Schloss lebt Graf Zdenko von Borotín mit seiner Tochter Berta. Den Vater bedrückt, dass Berta die letzte ihres Geschlechts ist. Über der Familie liegt eine düstere Sage: Vor langer Zeit wurde eine Ahnfrau des Hauses von ihrem Gatten erstochen, und seither soll ihr Geist im Schloss umgehen, bis der letzte Spross der Borotíner verschwunden ist. Zu allem Unglück sind die Gattin des Grafen früh gestorben und sein kleiner Sohn einst im Wasser ertrunken.

Berta liebt den jungen Jaromir von Eschen, der ihr einmal das Leben gerettet hat. Der Vater segnet die Verbindung. Doch von der ersten Nacht an geschehen unheimliche Dinge: Gestalten erscheinen, die einer leibhaftigen Frau zum Verwechseln ähnlich sehen. Zugleich treibt im nahen Wald eine Räuberbande ihr Unwesen, und Soldaten suchen das Schloss heim. Wer Jaromir wirklich ist und wie eng sein Schicksal mit der alten Sage verknüpft ist, entfaltet sich Schritt für Schritt in einer Nacht voller Schrecken.

Die Handlung im Detail

Graf Zdenko von Borotín spricht mit seiner Tochter Berta über die Sorge, dass sie die einzige Nachfahrin des Stammes ist. Er erzählt ihr die alte Sage: Die Ahnfrau des Hauses wurde in jungen Jahren zwangsverheiratet, hielt aber an ihrer Liebe zu einem anderen Mann fest. Als der Gatte das entdeckte, tötete er sie blind vor Zorn mit einem Dolch. Seither, so die Sage, muss die Ahnfrau ruhelos wandeln, bis der letzte Zweig der Borotíner vergangen ist. Der Graf klagt zudem über den frühen Tod seiner Gattin und über seinen Sohn, der mit drei Jahren ertrunken sein soll. Er rät Berta, sich einen würdigen Mann zu suchen, und ahnt, dass sie ihn bereits gefunden hat. Berta bekennt ihre Liebe zu Jaromir von Eschen, der ihr einst das Leben rettete. Jaromir fürchtet, der Graf werde seine Tat nur mit Gold belohnen, nicht aber mit der Hand der Tochter. Doch der Vater will dem Glück Bertas nicht im Wege stehen.

Der Graf hält ein kurzes Schläfchen. Als er erwacht, meint er, Berta sitze neben ihm. Bei genauerem Hinsehen erkennt er, dass es nicht Berta ist, sondern die Ahnfrau. Voller Schreck ruft er nach seiner Tochter und verdächtigt sie zunächst, sich verkleidet zu haben. Doch der Kastellan Günther bestätigt, dass Berta erst auf den Ruf hin gekommen ist. So beruhigt sich der Graf und hält das Erlebte für einen besonders wirklichkeitsnahen Traum.

Atemlos stürzt Jaromir in die Halle. Auf Günthers Frage berichtet er, von Räubern verfolgt worden zu sein, die im nahen Wald ihr Unwesen treiben. Der Graf lernt ihn kennen und bietet ihm an, auf dem Schloss zu übernachten. In der nächsten Nacht stürzt Jaromir abermals voller Schreck herein und meint, Gespenster gesehen zu haben. Als er sich Bertas Zimmer nähert, glaubt er, ihr in der Tür zu begegnen. Doch wieder ist es nicht Berta, sondern die Ahnfrau. Die wirkliche Berta tritt aus ihrem Gemach und fragt, was geschehen sei. Jaromir deutet verängstigt auf einen Winkel, in den die Gestalt verschwunden ist, doch Berta sieht dort nichts. Der Graf rät Jaromir zu fliehen, solange es noch geht, doch dieser will dem Grafen beistehen. Da klopft es am Tor: Ein Hauptmann erscheint und erklärt, man sei auf der Jagd nach den Räubern. Als alle fort sind, sitzt Berta sehnsüchtig vor Jaromirs Tür und geht schließlich in sein Zimmer. Doch Jaromir ist verschwunden, und das Fenster steht offen.

Am nächsten Morgen fragt Berta, wo er in der Nacht gewesen sei. Erst leugnet Jaromir seine Abwesenheit, dann gibt er sich als der gesuchte Räuberhauptmann zu erkennen. Berta erschrickt, lässt sich aber überreden, mit ihm zu fliehen. Jaromir muss sofort verschwinden, bevor die Soldaten das Schloss durchsuchen. Vor dem Gehen verlangt er von Berta eine Waffe. Da sie ihm keine geben will, nimmt er sich einen Dolch von der Wand – jenen Dolch, mit dem, wie Berta ihn warnt, einst die Ahnfrau erstochen wurde.

Bald trifft die traurige Nachricht ein, dass der Graf bei der Jagd auf die Räuber schwer verletzt wurde. Als man ihn in die Halle bringt, zeigt sich, dass Jaromir ihn lebensgefährlich verwundet hat. Während der Graf im Sterben liegt, führt der Hauptmann einen Räuber namens Boleslav herbei. Dieser gesteht, vor gut zwanzig Jahren einen dreijährigen Knaben vom Schloss entführt zu haben – den Sohn des Grafen, den man für ertrunken hielt. Boleslav erzog ihn wie seinen eigenen Sohn. Dem Grafen wird klar, dass Jaromir dieser Sohn ist und ihn mit dem Dolch der Ahnfrau tödlich getroffen hat. Er erkennt, dass die Sage wahr geworden ist. Verzweifelt über den Tod ihres Vaters und über die Erkenntnis, dass ihr Geliebter ihr Bruder ist, nimmt Berta sich das Leben. Jaromir, der sich noch immer versteckt hält, wird von Boleslav gefunden und über seine Herkunft aufgeklärt. In seiner Verzweiflung findet er Berta tot in der Grabkammer des Schlosses, wo ihm die Ahnfrau entgegentritt. Zunächst verwechselt er sie mit Berta, dann sinkt er leblos neben ihr nieder. Die Ahnfrau bedeckt beide mit der Totendecke.

Stil

Das Werk gehört zur Gattung des Schicksalsdramas, in der ein dunkler Fluch das Geschehen unaufhaltsam vorantreibt. Eine alte Sage und ein verhängnisvoller Dolch bilden die Klammer, die das Schicksal der Figuren von Beginn an festlegt: Was am Anfang als Erzählung steht, erfüllt sich am Ende buchstäblich. Schauerhafte Mittel prägen den Ton – das einsame Schloss, die geisterhafte Erscheinung der Ahnfrau, die nächtlichen Schreckensszenen und die ständige Verwechslung der Toten mit der Lebenden. Die Handlung verdichtet sich auf wenige Nächte und wenige Schauplätze und steuert mit wachsender Spannung auf die Katastrophe zu.

Rezeption

Als Erstlingswerk Grillparzers wurde Die Ahnfrau kontrovers aufgenommen. Die Uraufführung fand 1817 im Theater an der Wien statt. Ein Teil der Tagesblätter sah darin die christliche Schicksalsidee dargestellt, ein anderer hielt das Stück für glaubensgefährdend. Eine ältere Fassung aus dem Jahr 1816 gelangte erst im Februar 1964 in Luzern auf die Bühne. Danach verschwand das Werk fast völlig von den Spielplänen. Im April 2013 wagte Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann eine Neudeutung, die teils auf Skepsis, teils auf Begeisterung stieß. Eine Stimme lobte die „große bildnerische und musikalische Qualitäten, auch Witz", meinte aber, mit der Schwere des Stoffes komme die Aufführung nicht zurecht, „obwohl sich die Schauspieler Mühe geben".

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