1732
Die Alpen
Überblick↑
Das Gedicht Die Alpen gehört zu den bekanntesten Werken Albrecht von Hallers und zu den frühen Zeugnissen einer neuen Naturbegeisterung in der deutschsprachigen Dichtung. Es entstand um 1729 im Umkreis einer Wanderung durch das Schweizer Hochgebirge und erschien 1732 in Hallers Sammlung Versuch Schweizerischer Gedichten. In 49 Strophen verbindet Haller die anschauliche Schilderung der Bergwelt mit sittlichen Betrachtungen über das einfache, naturnahe Leben der Bergbewohner. Damit gehört er zu jenen Gelehrten, die dem gebildeten Publikum die Schönheit der Natur nahebringen wollten, und half einer neuen Denkweise auf den Weg.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Anlass des Gedichts war nach Hallers eigener Auskunft eine Reise durch die Alpen, die er 1728 mit einem Gelehrten aus Zürich unternommen hatte. Statt einer erzählten Handlung entfaltet das Werk vor allem Bilder und Gedanken: Es beschreibt die Bergwelt und stellt ihr Betrachtungen über das Leben der Menschen zur Seite, die dort in Abgeschiedenheit wohnen.
Beschreibung und moralische Überlegung greifen dabei ineinander. Immer wieder wendet sich der Blick von der geschauten Landschaft zur Frage, wie der Mensch leben solle. Spuren der idealisierenden Schäferdichtung, in der die Natur zum Hintergrund eines Liebesgeschehens wird, klingen ebenfalls an. Wer das Gedicht liest, folgt weniger einem Geschehen als einem Gedankengang, der die raue Höhe der Berge mit dem Lob eines einfachen und tugendhaften Daseins verknüpft.
Die Handlung im Detail↑
Ausgangspunkt ist die Alpenreise des Jahres 1728, von der Haller in seiner Vorrede berichtet. Das Werk setzt jedoch kaum auf eine fortlaufende Erzählung. Es ist eine Mischung aus Naturbeschreibung und sittlicher Betrachtung, und beide Ebenen durchdringen sich von Strophe zu Strophe.
Auf der beschreibenden Seite tritt die Bergwelt in ihrer ganzen Fülle hervor. Haller nennt Pflanzen der Höhenlagen so genau, dass einige seiner Fußnoten auf sein botanisches Hauptwerk, die Enumeratio methodica stirpium Helvetiae indigenarum, verweisen. Dort finden sich unter anderem der Gelbe Enzian, verschiedene Alpenrosen und das Stängellose Leimkraut. Die Landschaft ist also nicht nur Kulisse, sondern genau angeschauter Gegenstand.
Auf der betrachtenden Seite stehen die sittlichen Überlegungen. Haller stellt dem verfeinerten, oft verdorbenen Leben der Städte das einfache Dasein der Bergbewohner gegenüber und rühmt deren Genügsamkeit und Tugend. In diesen moralischen Passagen zeigt sich noch deutlich der Einfluss der Barockdichtung; Haller selbst nennt vor allem den Dichter Daniel Caspar von Lohenstein. Zugleich reiht er sich in eine neue Bewegung ein: Mit zunehmender Beherrschung der Natur öffnete man sich für ihre Schönheit und sah in ihr nicht mehr allein das Unberechenbare. Auch Züge der idealisierenden Schäferdichtung, die die Natur zum Schauplatz eines Liebesgeschehens macht, sind eingewoben. So verbindet das Gedicht am Ende die genaue Schau der Bergwelt mit dem Lob eines naturnahen, tugendhaften Lebens zu einem einheitlichen Gedankenbild.
Stil↑
Kennzeichnend ist die strenge und zugleich eigenständige Form. Das Gedicht umfasst 49 stanzenartige Strophen von je zehn Alexandrinern mit der Reimfolge ababcdcdee. Nach eigener Aussage arbeitete Haller einige Monate an der Erstfassung, die zunächst nur zehn Strophen umfasste. Schwierig erschien ihm dabei besonders der Bau der zehnzeiligen Strophen und die von der Dichtung seiner Zeit geforderte Steigerung zum Schluss, wie man sie von den barocken Sonetten kannte.
Da das Deutsche nicht so viele drei- oder vierfache Endreime bietet wie das Italienische oder Englische, entschied sich Haller für eine eigene Stanzenform mit ausschließlich einfachen Reimen. Mit der klassischen Stanze und dem Sonett teilt diese Haller-Stanze das zweizeilige Couplet am Schluss und den regelmäßigen Wechsel weiblicher, klingender und männlicher, stumpfer Reime. In der Verbindung von genauer Beschreibung und lehrhafter Betrachtung wirkt noch der Ton der Barockdichter nach, während die Hinwendung zur Natur bereits die Aufklärung ankündigt.
Rezeption↑
Haller zählt zu den frühen Aufklärern. Gemeinsam mit seinen Landsleuten Johann Jakob Bodmer und Johann Jakob Breitinger gehörte er zu den Gelehrten, die dem gebildeten Publikum die Schönheit der Natur nahebringen wollten, und setzte damit eine neue Denkweise in Gang. Das Gedicht erschien in der Sammlung Versuch Schweizerischer Gedichten, die 1732 in Bern herauskam. Schon 1734 folgte eine zweite, vermehrte und veränderte Auflage, was auf die Beachtung des Werks hindeutet. Bis in die Gegenwart ist es Gegenstand wissenschaftlicher Ausgaben und Untersuchungen geblieben, die sich sowohl mit seiner Form als auch mit Hallers botanischem Wissen befassen.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →