1791 – 1872
Franz Grillparzer
Kurzporträt↑
Franz Grillparzer (1791–1872) gilt als einer der bedeutendsten österreichischen Dramatiker. Wegen der identitätsstiftenden Wirkung seiner Werke wird er auch als österreichischer Nationaldichter bezeichnet. Sein gesamtes Leben verbrachte er in Wien. Dort arbeitete er als Beamter im Staatsdienst und schuf nebenher seine literarischen Werke. Bekannt wurde er vor allem durch seine Dramen. Doch auch die Novelle Der arme Spielmann zählt zu seinen viel beachteten Werken. Zeit seines Lebens dachte er intensiv über Musik nach. Er pflegte enge Verbindungen zur Wiener Musikwelt, unter anderem zu Ludwig van Beethoven.
Biografie↑
Franz Seraphicus Grillparzer kam am 15. Jänner 1791 in Wien zur Welt, am Bauernmarkt, als ältester von vier Söhnen. Sein Vater Wenzel Grillparzer (1760–1809) war Hof- und Gerichtsadvokat. Seine Mutter Anna Franziska (1767–1819) stammte aus der angesehenen Wiener Familie Sonnleithner. Ihr Vater Christoph Sonnleithner war Jurist und Komponist. Die Familie lebte in einem feudalen Haus, war jedoch hoch verschuldet. In seinem Leben wechselte Grillparzer neunzehnmal die Wohnung, blieb dabei aber stets in Wien.
Die Familiengeschichte war von Schicksalsschlägen geprägt. Der wirtschaftlich wenig geschickte Vater starb bereits 1809. So musste Grillparzer früh eine Art Vaterstelle für Mutter und Brüder übernehmen und nach Verdienst suchen. Seine Brüder führten ein unglückliches Leben. Der jüngste, Adolf, ging 1817 mit siebzehn Jahren in die Donau, und die Mutter nahm sich 1819 das Leben.
Grillparzer erhielt zunächst Privatunterricht und besuchte ab 1801 das Anna-Gymnasium. Schon als Kind war er ein unersättlicher Büchernarr. Das Lesen lernte er aus dem Spielbuch der Zauberflöte. 1804 nahm er das Studium an der philosophischen Fakultät in Wien auf, 1807 an der juristischen. In dieser Zeit engagierte er sich in der jugendlichen Gesellschaft zur gegenseitigen Bildung (1808). Bereits am Beginn seiner literarischen Tätigkeit entstanden zahlreiche Dramenentwürfe und Pläne, dazu Übersetzungsarbeiten, etwa eine Nachbildung von Calderóns Das Leben ein Traum. Prägend waren für ihn zunächst Schiller, dann Zacharias Werner und Goethe sowie die Begegnung mit Shakespeare.
Nach dem Studienabschluss 1811 war Grillparzer zunächst Privatlehrer. 1812 hatte er eine Hauslehrerstelle bei den Grafen von Seilern inne. 1813 trat er als Konzeptspraktikant bei der k. k. Hofkammer in den österreichischen Staatsdienst ein und wurde Praktikant an der Hofbibliothek. Ab 1814 füllte er wechselnde Stellungen bei der Finanzkammer aus. 1816 kam es zur entscheidenden Begegnung mit Josef Schreyvogel, dem neuen Leiter des Burgtheaters. Unter dessen Augen entstand rasch Die Ahnfrau, die mit großem Erfolg aufgeführt wurde. Daraufhin wurde Grillparzer 1818 zum Hoftheaterdichter bestellt.
Im Frühjahr 1819 unternahm er eine enttäuschende Reise nach Italien. Sie führte ihn über Venedig und Florenz nach Rom und Neapel. Durch die verspätete Rückkehr im August 1819 geriet er in Schwierigkeiten mit seinen Amtsbehörden. Diese verschärften sich durch den Tod seines Gönners, des Finanzministers Graf Stadion. Hinzu kamen ständige Reibungen mit dem kaiserlichen Hof und der Zensur. Ausgelöst wurden sie erstmals 1819 durch sein Romgedicht Campo Vaccino. 1821 bewarb er sich erfolglos um eine Stelle in der kaiserlichen Privatbibliothek und wurde stattdessen ins Finanzministerium versetzt.
Eine Reise durch Deutschland im Jahr 1826 führte ihn über Prag, Dresden, Berlin, Weimar und München. Dabei begegnete er unter anderem Tieck, Hegel, Peter Cornelius und Goethe. Bei Goethe hielt er sich Ende September 1826 einige Tage auf. In Wien selbst verkehrte er außer mit Schreyvogel auch mit Werner, Raimund, Bauernfeld, später Feuchtersleben sowie mit Beethoven. Für Beethoven verfasste er 1823 das Opernlibretto Melusina, das der Komponist jedoch nicht vertonte. Das Werk wurde später von Conradin Kreutzer vertont. Grillparzers Erinnerungen an Beethoven gehören zu den wichtigen Quellen der Beethoven-Biographik. Im März 1827 verfasste er auf Bitten von Anton Schindler die Trauerrede für Beethoven, die der Schauspieler Heinrich Anschütz bei der Beisetzung vortrug.
1832 wurde Grillparzer Archivdirektor bei der k. k. Hofkammer, dem späteren Finanzministerium. Diese Stelle bekleidete er, bis er 1856 in den Ruhestand trat. Er war nie verheiratet und blieb zeitlebens ledig. Er starb am 21. Jänner 1872 in Wien.
Literarische Merkmale↑
Grillparzers Schaffen ist eng mit dem Theater verbunden. Er trat vor allem als Dramatiker hervor. Seine literarische Entwicklung war von großen Vorbildern geprägt. Am Anfang stand eine fast widerwillige Faszination für Schiller. Dessen Einfluss wurde bald durch Zacharias Werner und Goethe abgelöst. Zugleich begegnete er Shakespeare, dem er sich zwischen grenzenloser Verehrung und ängstlicher Abwehr schwankend niemals entziehen konnte. Auch Übersetzungsarbeiten standen am Beginn seines Werks, darunter die Nachbildung von Calderóns Das Leben ein Traum.
Eine zwiespältige geistige Lage prägte sein Schaffen. Grillparzer neigte dem Konservatismus zu, bemerkte aber zugleich den geistigen Druck und die Bildungsreaktion unter der Regierung Franz' I. So nahm sein Werk einerseits die Errungenschaften des Sturm und Drang und der klassischen Literatur auf. Andererseits vermied es jeden Konflikt mit dem in Österreich herrschenden System.
Ein besonderes Kennzeichen ist seine lebenslange Beschäftigung mit der Musik. Grillparzer komponierte selbst und dachte intensiv über Musik nach. In seinen Tagebüchern und Aufzeichnungen finden sich Ansätze zu einer eigenwillig klassizistischen Musikästhetik. Darin bekommen Komponisten seiner Zeit wie Rossini, Carl Maria von Weber, Meyerbeer, Wagner und Liszt wichtige Rollen zugewiesen. Immer wieder versuchte er, das Wesen des Dichterischen über das Medium der Musik zu fassen. Seine Novelle Der arme Spielmann gilt deshalb zugleich als ein Schlüsseltext der Musikästhetik des 19. Jahrhunderts.
Rezeption↑
Mit Die Ahnfrau gelang Grillparzer 1817 ein erster großer Bühnenerfolg. Er machte ihn 1818 zum Hoftheaterdichter. Sein literarischer Werdegang war jedoch immer wieder von Reibungen mit dem kaiserlichen Hof und der Zensur belastet. Ausgelöst wurden sie erstmals 1819 durch sein Romgedicht Campo Vaccino.
Zu seinen literarischen Zeitgenossen unterhielt Grillparzer enge Verbindungen. Goethe urteilte nach der persönlichen Begegnung 1826 in einem Brief an Zelter, Grillparzer sei „ein angenehmer wohlgefälliger Mann", dem man ein angeborenes poetisches Talent zuschreiben dürfe. Besonders bedeutsam war das Verhältnis zu Adalbert Stifter, der ihm tiefste Verehrung entgegenbrachte. Das schönste Zeugnis dieser Wertschätzung ist Stifters knappe Besprechung des Armen Spielmann aus dem Jahr 1847. Eine Bekanntschaft mit Hebbel (1845) blieb dagegen ohne tiefere Entwicklung.
Wegen der identitätsstiftenden Verwendung seiner Werke wird Grillparzer bis heute als österreichischer Nationaldichter bezeichnet. Sein Nachleben spiegelt sich in zahlreichen biografischen und wissenschaftlichen Würdigungen, darunter Artikel in der Allgemeinen Deutschen Biographie (1879) und der Neuen Deutschen Biographie (1966).
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