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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Ferdinand Freiligrath
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Porträt Ferdinand Freiligrath
Ferdinand Freiligrath
1810 – 1876
– Autorenporträt –

Ferdinand Freiligrath

1810 – 1876 · 65 Jahre

Politischer Lyriker des Vormärz und der Revolution von 1848, zweimal ins Exil getrieben und 1868 mit triumphalem Empfang nach Deutschland zurückgekehrt.

Kurzbiografie↑

Ferdinand Freiligrath war einer der bekanntesten deutschen Dichter des 19. Jahrhunderts. Heute gilt er vor allem als politischer Lyriker des Vormärz und der Revolution von 1848. Geboren 1810 in Detmold, begann er als Kaufmann, wandte sich aber bald ganz der Dichtung zu. Zunächst schrieb er klangvolle, exotisch gefärbte Verse, später kämpferische politische Lieder. Sein Glaubensbekenntnis von 1844 und der Band Ça ira! von 1846 machten ihn zum Wortführer der demokratischen Opposition gegen Preußen. Zweimal musste er ins Exil gehen und lebte lange Jahre in London. Erst 1868 kehrte er nach einer Spendensammlung seiner Barmer Freunde nach Deutschland zurück. Er starb 1876 in Cannstatt bei Stuttgart.


Biografie↑

Ferdinand Freiligrath wurde am 17. Juni 1810 in der Wehmstraße 5 in Detmold geboren. Er war das älteste Kind des Lehrers Johann Wilhelm Freiligrath und seiner Frau Anna Luise Wilhelmine, geborene Tops. Von 1820 bis 1825 besuchte er das Detmolder Gymnasium. Dort förderten besonders seine Lehrer Christian Ferdinand Falkmann und Direktor Christian Gottlieb Clostermeier seine dichterischen Versuche. Nach Abbruch der Schulbildung trat er 1825 in Soest in eine kaufmännische Lehre bei den Gebrüdern Schwollmann ein, den Brüdern seiner Stiefmutter. Bereits 1828 erschienen erste Gedichte im Soester Wochenblatt.

Von 1832 bis 1836 arbeitete er als Korrespondent für die Firma Jacob Sigrist in Amsterdam. Anschließend war er von 1837 bis 1839 Kaufmannsgehilfe bei der Firma J. P. von Eynern in Barmen. Schon in diesen Jahren fand er Förderer wie Adelbert von Chamisso und Gustav Schwab. In deren "Deutschem Musenalmanach" erschienen 1835 einige frühe Gedichte. Cotta brachte 1838 eine erste Auswahl seiner Gedichte heraus. Im September 1839 ließ er sich als freier Schriftsteller in Unkel am Rhein nieder. Zusammen mit Karl Simrock und Christian Joseph Matzerath gab er 1840 das "Rheinische Jahrbuch für Kunst und Poesie" heraus. Mit seinem Freund Levin Schücking veröffentlichte er 1840 Das malerische und romantische Westphalen, für das auch Annette von Droste-Hülshoff Beiträge beisteuerte.

Im Jahr 1840 verlobte er sich in Großmonra mit Ida Melos, der Tochter eines Gymnasialprofessors. Die Hochzeit fand am 20. Mai 1841 in Großneuhausen statt. Das Paar ließ sich zunächst in Darmstadt, dann in St. Goar nieder. Aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor. Auf Empfehlung Alexander von Humboldts gewährte ihm der preußische König Friedrich Wilhelm IV. 1842 eine Pension von 300 Talern. Im Mai 1842 trat Freiligrath einer Freimaurerloge in Worms bei, stand der unpolitischen Haltung des Bundes jedoch kritisch gegenüber.

1844 vollzog sich der politische Bruch. In Assmannshausen schloss er seine Sammlung Ein Glaubensbekenntniß ab. Sie erschien im September 1844 bei Philipp von Zabern in Mainz und begründete seinen Ruf als politischer Dichter. Im selben Jahr gab er die königliche Pension zurück. Wegen drohender polizeilicher Verfolgung übersiedelte er 1845 nach Brüssel, wo ihn Karl Marx und Heinrich Bürgers für zehn Tage besuchten. Anschließend zog er in die Schweiz, lebte am Zürichsee und lernte dort Gottfried Keller und Franz Liszt kennen. 1846 erschien der Gedichtband Ça ira!. Aus finanziellen Gründen ging er noch im selben Jahr nach London. Dort arbeitete er als Korrespondent eines Handelshauses sowie als Dozent an der Londoner Universität.

Als 1848 die Revolution ausbrach, kehrte er nach Düsseldorf zurück und beteiligte sich aktiv. Im Juni 1848 besuchte er den ersten Demokratenkongress in Frankfurt und trug im Kölner Arbeiterverein sein Trotz alledem! vor. Am 1. August 1848 las er in einem Düsseldorfer Volksklub das Gedicht Die Todten an die Lebenden, das in 9.000 Exemplaren gedruckt wurde. Daraufhin wurde er Ende August verhaftet und der "Aufreizung zu hochverrätherischen Unternehmungen" angeklagt. Das Assisengericht in Düsseldorf sprach ihn am 3. Oktober 1848 frei. Nach Polizeiangaben begleiteten 15.000 Menschen den Festzug, darunter Karl Marx. Am 12. Oktober 1848 trat Freiligrath in die Redaktion der "Neuen Rheinischen Zeitung" von Marx und Engels ein und betreute die Auslandsredaktion.

Nach dem Verbot der Zeitung und neuen Verfolgungen reiste er nach Amsterdam. 1850 kehrte er nach Düsseldorf-Bilk zurück und emigrierte 1851 erneut nach London. Auf einen Steckbrief des Kölner Oberprokurators August Heinrich von Seckendorff antwortete er öffentlich in der Kölnischen Zeitung. In London war er zunächst kaufmännischer Angestellter bei Joseph Oxford, ab Juni 1856 Leiter der Londoner Agentur der "General Bank of Switzerland". Im November 1858 nahm er die englische Staatsbürgerschaft an. Die preußischen Amnestien von 1861 und 1866 schlossen ihn aus, weil er kein Gnadengesuch stellen wollte. Nach Schließung der Bankfiliale Ende 1865 war er arbeitslos. Im April 1867 rief Emil Rittershaus in Barmen zu einer Spendensammlung auf, die fast 60.000 Taler einbrachte. 1868 kehrte Freiligrath nach Deutschland zurück.

Da er in Preußen nicht amnestiert war, ließ er sich 1874 in Cannstatt bei Stuttgart nieder. Dort starb er am 18. März 1876 im Wirtshaus "Alter Hase" an Herzversagen und wurde auf dem Uff-Kirchhof beigesetzt. In der Frage des Sterbeorts gehen die Quellen leicht auseinander: Wikidata führt Stuttgart, die Deutsche Biographie nennt Cannstatt. Beide Angaben meinen denselben Ort, denn Cannstatt war damals noch eigenständig und wurde erst später nach Stuttgart eingemeindet.


Literarische Merkmale↑

Freiligraths frühe Lyrik entstand während der Amsterdamer Kaufmannsjahre zwischen 1832 und 1836. Sie schloss sich an die zeitgenössische französische Dichtung an, vor allem an Victor Hugo, und bevorzugte wie diese orientalische Motive. Gedichte wie Der Mohrenfürst oder Löwenritt verhalfen ihm zu früher Berühmtheit. Schon das früheste überlieferte Gedicht Moostee von 1826 zeigt laut der NDB die Besonderheit seines späteren lyrischen Schaffens: eine Fülle elementar empfundener Bilder und einen leidenschaftlichen Klang der Sprache.

Die Deutsche Biographie beschreibt diesen Exotismus als zwar revolutionär empfunden, aber noch in der Romantik wurzelnd. In den Jahren 1839 bis 1844 verbrachte Freiligrath ohne berufliche Bindung in Unkel, Darmstadt und St. Goar. In dieser Zeit wandelte sich seine Dichtung zu einer realistischen, sozial geprägten Thematik. Aus der wachsenden Anteilnahme am politischen Tageskampf gewann seine Sprache fortan stark kritische, streitbare Akzente.

Mit dem Glaubensbekenntnis von 1844 und vor allem mit Ça ira! von 1846 erreichte der politische Ton seinen Höhepunkt. Hinzu kamen die beiden Hefte der Neueren politischen und sozialen Gedichte (1849, 1851). Diese Kampflieder riefen, wie die NDB notiert, radikal zur Beseitigung des Absolutismus auf und entfalteten eine aufrührerische sprachliche Kraft. Sein Gedicht Die Toten an die Lebenden vom Juli 1848 verdeutlicht beispielhaft seine Fähigkeit zur wirksamen Massenansprache.

Neben dem eigenen Schaffen war das Übersetzen von Anfang an ein zweiter Schwerpunkt. Freiligrath übertrug Werke von Robert Burns, Victor Hugo, Alfred de Musset, Lord Byron, Thomas Moore, Walter Scott und Felicia Hemans. Eine besondere Leistung der Verbannungsjahre war 1857 die Übertragung des Indianerepos The Song of Hiawatha seines Freundes Henry Wadsworth Longfellow. Bleibendes Verdienst, so die NDB, erwarb er sich mit der Entdeckung und ersten Verdeutschung von Gedichten Walt Whitmans. Diese erschienen 1868 unter dem Titel Grashalme in Auswahl.

Nach 1870/71 schlug sein Ton noch einmal um. Im Spätwerk schloss er sich der nationalen Begeisterung an und feierte mit Gedichten wie Hurra, Germania! den Krieg gegen Frankreich und die Reichsgründung. Doch auch hier ist der Befund nicht eindeutig: In der Trompete von Vionville etwa wandelt sich das Heldenepos zur Klage über den Blutzoll der Schlacht bei Mars-la-Tour.


Rezeption↑

Freiligrath wurde zu Lebzeiten zu einer der bekanntesten Dichterstimmen des deutschen Sprachraums. Schon die orientalisch gefärbten Frühwerke trugen ihm Förderer wie Chamisso, Schwab und Immermann ein. Cotta verlegte 1838 eine erste Auswahl. Die politischen Gedichte machten ihn zur Symbolfigur der demokratischen Bewegung. Sein Freispruch in Düsseldorf am 3. Oktober 1848 wurde zu einer Massenkundgebung, an der nach Polizeischätzung 15.000 Menschen teilnahmen. Auch das Gedicht Aus Spanien von 1841 löste eine breite öffentliche Debatte aus. An ihr beteiligten sich unter anderem Gottfried Keller, Rudolf Gottschall, Robert Blum und Georg Herwegh. Diese Auseinandersetzung bereitete seinen Übertritt auf die Seite der politischen Opposition mit vor.

Die Verbindung zu Karl Marx prägte das spätere Bild. Aus dem Brüsseler Exil 1845 datiert die persönliche Bekanntschaft. 1848 trat Freiligrath in die Redaktion der "Neuen Rheinischen Zeitung" ein. Emil Rittershaus organisierte 1867 in Barmen eine Spendensammlung, die fast 60.000 Taler erbrachte. Sie zeigt die Wertschätzung, die ihm aus dem bürgerlichen Lager entgegengebracht wurde. 1868 wurde ihm in Deutschland, wie die NDB schreibt, ein triumphaler Empfang bereitet.

Nach seinem Tod hielt das Interesse an. Bereits 1870 erschienen seine gesammelten Dichtungen in sechs Bänden. 1907 brachte Ludwig Schröder eine zehnbändige Werkausgabe heraus. Wilhelm Buchner legte 1882 die zweibändige Biographie Ferdinand Freiligrath. Ein Dichterleben in Briefen vor. Weitere Lebensbilder folgten von Schröder (1907), Franz Mehring (1912, über den Briefwechsel mit Marx) und Herbert Eulenberg (1948). Mehrere Dissertationen widmeten sich Einzelaspekten – etwa seiner Verskunst (Blodau 1922), seinem Exotismus (Spann 1928), seinem Verhältnis zu Annette von Droste-Hülshoff (Voellmecke 1924) und seiner Wirkung auf die Münchener Dichterschule (Hallermann 1917).

Sein Nachlass wird heute im Goethe- und Schiller-Archiv Weimar verwahrt. Weitere Bestände liegen in Dortmund, Amsterdam und in der Lippischen Landesbibliothek Detmold, die das literarische Erbe betreut und eine Freiligrath-Bibliographie erstellt. Theodor Heuß würdigte ihn 1910 in der Wiesbadener Zeitung zum 100. Geburtstag. Von bleibender Bedeutung ist, so die Wikipedia, vor allem sein politischer Einsatz und idealistischer Schwung gegen die als ungerecht empfundenen Zustände seiner Zeit.

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