1817 – 1893
Louise von François
Kurzporträt↑
Zu den bedeutenden Erzählerinnen des deutschen Realismus im 19. Jahrhundert zählt Marie Louise von François. Sie wurde am 27. Juni 1817 in Herzberg an der Elster geboren und starb am 25. September 1893 in Weißenfels. Ihr Werk umfasst vor allem Romane und Novellen sowie eine Geschichte der preußischen Befreiungskriege. Erst mit 38 Jahren begann ihre schriftstellerische Laufbahn, doch mit dem Familienroman Die letzte Reckenburgerin von 1871 gelang ihr ein Erfolg, der Jahrzehnte anhielt. Ihre Geschichten spielen meist in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen und verbinden genaue Beobachtung mit einer konservativ-protestantischen Sittlichkeit.
Biografie↑
Marie Louise von François kam am 27. Juni 1817 in Herzberg an der Elster zur Welt, das damals zur preußischen Provinz Sachsen gehörte. Sie war die Tochter des Offiziers Friedrich von François (1772–1818) und seiner Frau Amalie, geborene Hohl. Der Vater diente zunächst als sächsischer, dann als preußischer Major und befehligte ein Landwehrbataillon. Die Familie stammte aus hugenottischen Wurzeln. Die Mutter entstammte einem angesehenen und wohlhabenden Weißenfelser Bürgerhaus.
Schon 1818 starb der Vater. Die Witwe zog mit der Tochter und dem jüngeren Sohn Ernst in ihre Heimatstadt Weißenfels zurück und heiratete bald darauf in zweiter Ehe den späteren Justizrat Herbst. In sorglosen Verhältnissen wuchs Louise auf, doch der Privatunterricht, den sie mit einigen Gefährtinnen erhielt, blieb mäßig. Als lebhaftes Kind konnte sie ihren Wissensdurst darin nicht stillen und bildete sich durch eifrige Lektüre und Selbststudium autodidaktisch weiter. Durch die Fahrlässigkeit ihres Vormunds verlor sie ihr nicht unbeträchtliches väterliches Erbe.
Erste literarische Anregungen empfing sie durch den Kontakt mit der Schriftstellerin Fanny Tarnow, die 1829 für mehrere Jahre in Weißenfels wohnte, sowie durch Adolf Müllner. Im Haus Tarnows lernte sie den jungen Offizier Alfred Graf von Görtz kennen, mit dem sie sich 1834 verlobte. Weil ihr das Vermögen fehlte, verschob sich die Heirat um Jahre. Schließlich gab sie dem Verlobten ihr Wort zurück. Danach zog sie sich weitgehend aus dem Gesellschaftsleben zurück, für das sie ohnehin wenig Interesse gezeigt hatte. Beide blieben freundschaftlich verbunden.
Von 1847 an lebte Louise von François im Haushalt ihres Onkels, des preußischen Generalleutnants Karl von François, der in dieser Zeit in Minden, Halberstadt und Potsdam eingesetzt war. Nach dessen Tod 1855 kehrte sie nach Weißenfels zurück, um ihre kranke Mutter und den erblindenden zweiten Stiefvater zu pflegen. Diese Aufgabe füllte die beiden folgenden Jahrzehnte, bis die Mutter 1871 und der Stiefvater 1874 starben. Materiell verarmt, konnte sie in dieser Zeit doch bereits von ihrem Schreiben leben. Ihr Hauptwerk, der Roman Die letzte Reckenburgerin, erschien 1871 und wurde von der Kritik mit größter Anerkennung aufgenommen. Besonders Gustav Freytag pries den hohen Wert des Buches.
In den folgenden Jahren erschienen weitere Romane, darunter Frau Erdmuthens Zwillingssöhne (1873), Stufenjahre eines Glücklichen (1877) und Der Katzenjunker (1879). Daneben veröffentlichte sie zahlreiche Novellen und Erzählungssammlungen sowie 1873 eine Geschichte der preußischen Befreiungskriege in den Jahren 1813–15. Von 1880 an stand sie in Briefkontakt mit Marie von Ebner-Eschenbach, ab 1881 mit Conrad Ferdinand Meyer. Am Gesellschaftsleben nahm sie sonst nur noch wenig teil. Ihr zurückgezogenes Leben unterbrach sie allein durch kleinere Reisen im deutschsprachigen Raum. Sie blieb unverheiratet und starb am 25. September 1893 in Weißenfels. Ihre Grabstätte befindet sich dort auf dem Friedhof III.
Literarische Merkmale↑
Kennzeichnend für das Erzählen der Louise von François ist der genaue Blick auf ihre mitteldeutsche Umgebung. Ihre Geschichten spielen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen und zeigen die genaue Beobachterin, die wichtige Ereignisse ihrer Zeit auf besondere Weise widerspiegelt. Geprägt war ihr Schreiben von einer konservativ-protestantischen Sittlichkeit. Ihre schriftstellerische Laufbahn begann sie meist anonym mit kleineren Novellen in Cottas Morgenblatt für gebildete Stände.
Von der zeitgenössischen Literatur ließ sie sich kaum berühren und ging beharrlich ihren eigenen Weg. Bewusst griff sie sowohl in ihrer Erzähltechnik als auch in den moralisierenden Zügen ihres Werks auf das 18. Jahrhundert zurück. Gerade das Altmodische gab ihrer Dichtung einen eigenen Reiz. Das Konservative ihrer künstlerischen und weltanschaulichen Haltung blieb dabei frei von bloßer Nachahmung. Ihr erfinderischer Kunstverstand eröffnete ihr reiche Möglichkeiten des Aufbaus, und ihr Menschenbild öffnete sich in Schuld und Sühne auch dem Abgründigen.
Ein zeitgenössisches Urteil hob hervor, dass ihr die modernen Salonfiguren in den Romanen eher schablonenhaft und wenig abgestuft gerieten. Umso besser gelang ihr die Zeichnung ihrer Vollbluthelden adeligen und bürgerlichen Geschlechts, ihrer wackeren Philister, ihrer seltsamen Käuze und verlotterten Taugenichtse. In ihrem Hauptwerk Die letzte Reckenburgerin hat sie sich am unverkennbarsten selbst gestaltet: die strenge Herbheit, die Verschlossenheit, den karitativen Ernst und die Güte ihres Charakters.
Rezeption↑
Ihren literarischen Durchbruch erlebte Louise von François vergleichsweise spät. Erst mit 38 Jahren schrieb sie ihre erste Erzählung, wurde dann aber Mitarbeiterin an Cottas Morgenblatt und zahlreichen anderen Zeitschriften. Ihr Weg führte sie zu drei großen Romanen: Die letzte Reckenburgerin (1871), Frau Erdmuthens Zwillingssöhne (1873) und Stufenjahre eines Glücklichen (1877). Laut der Neuen Deutschen Biographie gehören sie der Geschichte des historischen Romans in Deutschland an, wobei das Napoleonische Zeitalter, die Befreiungskriege und die Jahre vor 1848 nur den Hintergrund für individuelle Konflikte bilden.
Den nachhaltigsten Erfolg brachte Die letzte Reckenburgerin. Durch Gustav Freytags Besprechung im Neuen Reich errang der Roman einen Erfolg, der Jahrzehnte hindurch andauerte. In den Jahrzehnten nach ihrem Tod entstand eine Reihe von Untersuchungen und Hochschularbeiten zu ihrem Werk. Anlässlich ihres 100. Geburtstags 1917 würdigte Ernst Schroeter die Dichterin, und mehrere Neudrucke ihrer Romane erschienen noch im 20. Jahrhundert. So legte Emil Staiger 1954 der Neuauflage von Frau Erdmuthens Zwillingssöhne ein Vorwort bei. In Weißenfels erinnert ein Schauraum an die Dichterin und ihr Werk.
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