1874 – 1963
Robert Frost
Kurzbiografie↑
Zu den bekanntesten amerikanischen Dichtern des 20. Jahrhunderts zählt Robert Frost, geboren am 26. März 1874 in San Francisco, gestorben am 29. Januar 1963 in Boston. Sein Werk umfasst vor allem Lyrik, dazu längere Texte in Blankvers und zwei dramatische Stücke. Viermal erhielt er den Pulitzer-Preis. In den USA war er nach Angaben aus Wikipedia zu Lebzeiten an Popularität unübertroffen. Einer festen literarischen Strömung lässt er sich nicht eindeutig zuordnen.
Biografie↑
Bis zum Alter von elf Jahren wuchs Frost in San Francisco auf. Seine Mutter Isabelle stammte aus Schottland und gehörte der Neuen Kirche an, in der sie ihn taufen ließ; als Erwachsener verließ er diese Glaubensgemeinschaft. Sein Vater William P. Frost Junior war ein herausragender Student an der Harvard University gewesen. Er arbeitete als Mitherausgeber der San Francisco Daily Evening Post und engagierte sich für die Demokratische Partei. 1885 starb der Vater an Tuberkulose. Die Mutter zog daraufhin mit den Kindern nach Lawrence in Massachusetts, zum Großvater.
Schon während der Schulzeit schrieb Frost Gedichte, die in einer Schülerzeitung erschienen. 1892 verließ er die Highschool als Jahrgangsbester. Die Großeltern waren mit einem Studium in Harvard nicht einverstanden, deshalb besuchte er zunächst das Dartmouth College in Hanover, New Hampshire. Er verließ es bald wieder. Zurück in Lawrence arbeitete er unter anderem als Lehrer, Schustergehilfe und Fabrikarbeiter und schrieb Artikel für Zeitungen. 1894 verkaufte er erstmals ein Gedicht: My Butterfly: An Elegy erschien am 8. November auf der Titelseite des New Yorker Independent.
Schon zur Schulzeit hatte er sich in seine Mitschülerin Elinor Miriam White verliebt, die ebenfalls Jahrgangsbeste war. Einen ersten Heiratsantrag lehnte sie ab, weil sie erst ihr Studium beenden wollte. Aus Liebeskummer brach Frost zu einer Wanderung durch den Great Dismal Swamp auf. Nach seiner Rückkehr nahm Elinor den Antrag an; 1895 wurde das Paar in Lawrence getraut. Trotz starker Liebe war die Ehe von häufigen Auseinandersetzungen überschattet.
Frost nahm nun doch ein Studium in Harvard auf, auch um Vorlesungen von William James zu hören. Nach zwei Jahren verließ er die Universität, um seine wachsende Familie und seine Mutter zu ernähren; einen Abschluss erlangte er nie. Sein Großvater beschaffte ihm 1900 eine Farm in Derry, New Hampshire, die er rund ein Jahrzehnt bewirtschaftete. Viele Gedichte schrieb er spät nachts, ohne dass ihm Veröffentlichungen gelangen. Weil die Farm zu wenig einbrachte, arbeitete er ab 1906 nebenbei als Englischlehrer, vor allem an der Pinkerton Academy. In diesen Jahren beschäftigte er sich intensiv mit den Ideen von Henri Bergson und erneut mit William James, die sein Denken und Dichten stark prägten.
1911 verkaufte er die Farm und übersiedelte im Jahr darauf mit seiner Familie nach England, wo er sich in Beaconsfield bei London niederließ. Rasch fand er Anschluss an den Kreis der „Georgian Poets“ und lernte Schriftsteller wie William Butler Yeats und Edward Thomas kennen, mit dem ihn eine enge Freundschaft verband. Auch der ausgewanderte Amerikaner Ezra Pound gehörte zu seinen Freunden; Pound schrieb Rezensionen und trug zur Bekanntheit seines Werks bei. 1958 setzte sich Frost maßgeblich für Pounds Freilassung ein. In London erschien 1913 seine erste Gedichtsammlung A Boy’s Will, 1914 folgte dort North of Boston. An seinen Freund John Bartlett schrieb Frost 1913, er wolle ein Dichter für alle sein und die breite Leserschaft erreichen. Allen Ginsberg nannte ihn später einen „Unternehmer in Sachen Dichtkunst“.
Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs kehrte die Familie nach Neuengland zurück. Der New Yorker Verlag Henry Holt hatte dort eine amerikanische Ausgabe von North of Boston herausgebracht, die eine für einen Gedichtband beispiellose Auflage erreichte. Die Dichterin Amy Lowell nannte das Buch den „amerikanischsten Gedichtband, der seit geraumer Zeit erschienen ist“. Frost erhielt Unterstützung durch die Kritiker William Stanley Braithwaite und Louis Untermeyer, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband. Er wählte eine Farm in Franconia, New Hampshire, zum Wohnsitz und nahm seine Lehrtätigkeit wieder auf, unter anderem als Professor für Englisch am Amherst College, wo er mit Unterbrechungen bis zu seinem Tod unterrichtete.
1916 erschien der Band Mountain Interval. 1920 wurde seine Schwester Jeanie in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, in der sie 1929 starb; das verursachte Frost über Jahre Angstzustände. Viele Gedichte spiegeln diese dunklen Seiten wider, so das bekannte Fire and Ice, andere den Willen, ihnen zu widerstehen, etwa Come In und Dust of Snow. Auf einer Farm in South Shaftsbury, Vermont, entstand im Wesentlichen die Sammlung New Hampshire. Sie erschien 1923, wurde vom Holzschneider J. J. Lankes illustriert und brachte ihm den ersten Pulitzer-Preis. Von 1921 bis an sein Lebensende hielt er fast jedes Jahr Kurse an der Bread Loaf School of English in Ripton.
1928 erschien West-Running Brook. Die Collected Poems von 1930 trugen ihm den zweiten Pulitzer-Preis ein, 1937 folgte für A Further Range der dritte. Das Familienleben blieb von schweren Schicksalsschlägen bestimmt: 1900 starb der erste Sohn Elliott, 1907 die Tochter Elinor Bettina kurz nach der Geburt, 1934 die Tochter Marjorie. Frosts Ehefrau Elinor erkrankte an Brustkrebs und starb 1938. In einem Brief an Louis Untermeyer schrieb er, sie sei „die unausgesprochene Hälfte von allem, was ich jemals geschrieben habe“. Zwei Jahre später nahm sich der an Depressionen leidende Sohn Carol das Leben. 1946 musste die Tochter Irma in einer Klinik untergebracht werden.
1939 erschien eine Neuauflage der Collected Poems mit dem Vorwort The Figure a Poem Makes, in dem Frost seine dichterischen Grundsätze umriss. Auf der 1939 erworbenen Homer Noble Farm verliebte er sich in seine verheiratete Nachbarin Kay Morrison, die ihm Managerin, Freundin und Sekretärin war. Ihr widmete er den Band A Witness Tree, der ihm den vierten Pulitzer-Preis einbrachte. 1945 veröffentlichte er das Kurzdrama A Masque of Reason, zwei Jahre später A Masque of Mercy. 1947 erschien die Sammlung Steeple Bush, deren kontroverse Aufnahme ihm ernste Herzbeschwerden auslöste. 1949 kamen die Complete Poems heraus. Im Sommer 1953 schrieb er das Langgedicht Kitty Hawk, das er als sein wichtigstes Gedicht der vergangenen zehn Jahre bezeichnete.
In seinen letzten Jahren übernahm Frost auf vielfachen Wunsch die Rolle eines Diplomaten. 1954 reiste er nach Brasilien, 1957 nach Großbritannien, wo ihm Oxford und Cambridge die Ehrendoktorwürde verliehen. 1961 trug er zur Amtseinführung John F. Kennedys sein Gedicht The Gift Outright vor. 1962 erschien mit In the Clearing ein letzter Gedichtband. Trotz schwerer Erkrankung reiste er im August 1962 in die Sowjetunion, um Nikita Chruschtschow zu treffen, und verlas dort unter anderem sein Gedicht Mending Wall. Robert Frost starb im Januar 1963 und wurde im Familiengrab auf dem Old Bennington Cemetery in Vermont beigesetzt.
Literarische Merkmale↑
Seinen Weg zur eigenen Sprache fand Frost erst allmählich. Seine frühen Gedichte waren noch der viktorianischen Tradition verhaftet, weshalb selbst Elinor White sich davon wenig begeistert zeigte. In den englischen Jahren entwickelte und präzisierte er sein dichterisches Credo. Sein Werk stützt sich stark auf den Blankvers; die Sammlung North of Boston versammelt vorwiegend solche Dichtungen.
Ausdrücklich verstand er sich als Dichter für alle. 1913 schrieb er, er hoffe die breite Leserschaft zu erreichen, die Bücher zu Tausenden kaufe. Sein Denken und Dichten prägten die Philosophen Henri Bergson und William James bis an sein Lebensende. Viele seiner Gedichte spiegeln dunkle Seiten seiner Persönlichkeit wider, andere zugleich den Willen, den depressiven Zuständen zu widerstehen. Im Vorwort The Figure a Poem Makes zur Neuauflage seiner gesammelten Gedichte legte er 1939 seine dichterischen Grundsätze selbst dar.
Rezeption↑
Wie kaum ein zweiter Lyriker seines Landes gelangte Frost zu öffentlicher Anerkennung. Viermal erhielt er den Pulitzer-Preis, und nach Angaben aus Wikipedia war er in den USA an Popularität unübertroffen. Amy Lowell feierte North of Boston als den „amerikanischsten Gedichtband, der seit geraumer Zeit erschienen ist“. Die Dichterin Gladys Campbell zählte ihn bereits in seinen späteren Jahren zu den unsterblichen Klassikern der englischsprachigen Dichtung.
Zahlreiche Institutionen ehrten ihn. Schon 1916 durfte er in Harvard als Phi Beta Kappa poet ein Gedicht vortragen. Zu seinem 75. und seinem 85. Geburtstag verabschiedete der US-Senat Resolutionen zu seinen Ehren; darin hieß es, seine Gedichte hätten dazu beigetragen, „Denken, Humor und Weisheit des Amerikaners zu lenken“. 1957 hielt der Nobelpreisträger T. S. Eliot eine Ansprache zu seinen Ehren, obwohl Frost zu ihm zeitlebens ein zwiespältiges Verhältnis hatte. Kurz vor seinem Tod entstand die später mit einem Oscar ausgezeichnete Filmdokumentation Robert Frost: A Lover’s Quarrel with the World.
Auch nach seinem Tod blieb sein Andenken lebendig. Seine früheren Wohnsitze wurden zu Literaturmuseen und historischen Stätten, die Bibliothek des Amherst College und die Robert Frost Library in Amherst tragen seinen Namen. Bei deren Einweihung sagte John F. Kennedy, indem man Frost ehre, ehre man „die tiefste Quelle unserer nationalen Stärke“.
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