Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Autoreneintrag · Gerhard Fritsch
Eingang · Autoren · Gerhard Fritsch
Abbildung nicht verfügbar
Gerhard Fritsch
1924 – 1969
– Autorenporträt –

Gerhard Fritsch

1924 – 1969 · 44 Jahre

Österreichischer Schriftsteller der Nachkriegszeit, der als Bibliothekar, Redakteur und Herausgeber den Wiener Literaturbetrieb mitprägte – seine Romane „Moos auf den Steinen“ und „Fasching“ sind erst durch spätere Neuauflagen wieder zugänglich.

Kurzbiografie↑

Der österreichische Schriftsteller Gerhard Fritsch wurde 1924 in Wien geboren und starb 1969 ebenfalls dort. Bekannt ist er vor allem für die beiden Romane Moos auf den Steinen und Fasching, die als wichtige Romane der österreichischen Nachkriegsliteratur gelten. Daneben arbeitete Fritsch als Bibliothekar, Lyriker, Zeitschriftenredakteur, Lektor und Herausgeber und wurde so zu einer der einflussreichen Vermittlerfiguren des Wiener Literaturbetriebs der 1950er und 1960er Jahre. Seine Romane sind heute wieder greifbar. Für die Wiederauflagen setzte sich unter anderem Robert Menasse ein.


Biografie↑

Geboren wurde Gerhard Fritsch am 28. März 1924 in Wien. Sein Vater Otto Fritsch (1886–1965) war Mittelschullehrer, seine Mutter Hermine, geborene Teller (1902–1987), stammte wie er aus Nordböhmen: der Vater aus Karlsbad, die Mutter aus Oberleutensdorf. Die Urgroßeltern der Mutter betrieben in Karlsbad das Café Freundschaftssaal und eine Likörerzeugung, die später Jan Becher übernahm. Bis Mitte der 1920er Jahre führte die Familie außerdem ein Feinkostgeschäft in der Hyberner Gasse in Prag.

1942 legte Fritsch in Wien die Matura ab. Anschließend musste er den verpflichtenden Arbeitsdienst im Saarland leisten. Danach wurde er zur Luftwaffe einberufen und diente als Funker einer Transportfliegergruppe in Norwegen, Finnland und an der Ostfront. 1945 geriet er nordwestlich von Prag kurz in Kriegsgefangenschaft. Nach Monaten auf einem Bauernhof im Eichsfeld kehrte er im Herbst 1945 mit seiner ersten Ehefrau nach Wien zurück. Bis zum Beginn seines Studiums 1946 lebte er in Gföhl im Waldviertel, das damals zur sowjetischen Besatzungszone gehörte, danach in einem Studentenheim in der Porzellangasse im Wiener Alsergrund.

Fritsch studierte Geschichte und Germanistik. 1949 schrieb er an der Universität Wien seine Dissertation, trat jedoch nicht zur mündlichen Abschlussprüfung an. Erste Schreibversuche in Vers und Prosa hatte er seit Anfang der 1940er Jahre unternommen. Um die Jahreswende 1947/48 kam er mit Gleichaltrigen des Studios der Hochschulen in Berührung, unter ihnen Michael Kehlmann, Helmut Qualtinger und Franz Hiesel. Mehr noch prägte ihn der sich in Wien neu formierende PEN-Club, dessen eigens gegründete Jugendabteilung in der Zeitschrift PLAN ein kurzlebiges Forum fand. Als diese verstummte, gründete der aus Palästina nach Wien zurückgekehrte Dichter Hermann Hakel die Zeitschrift Lynkeus. Dort veröffentlichte Ingeborg Bachmann ihre ersten Gedichte, und Fritsch wurde 1949 Redakteur.

1949 und 1950 arbeitete Fritsch als Redakteur beim Abend im Globus-Verlag und als Lektor des Zwei-Berge-Verlags. Er wurde Mitglied im Arbeitskreis der Neue-Wege-Redaktion, ab 1951 zählte er zu den Mitarbeitern der publikationen. Regelmäßig veröffentlichte er Gedichte in Zeitschriften und Anthologien sowie kurze Prosa in Zeitungen. Um 1952 erschien seine erste eigenständige Buchveröffentlichung Zwischen Kirkenes und Bari, Gedichte und Kurzprosa mit Illustrationen von Fritz Fischer, in der Reihe Junge österreichische Autoren. Zu dieser zwölfbändigen Reihe trugen auch Ilse Aichinger, Marlen Haushofer, Milo Dor und Reinhard Federmann bei.

1951 wurde Fritsch Mitarbeiter der Wiener Städtischen Büchereien. Ab 1954 war er dort wissenschaftlicher Referent und Leiter der Bibliothekarausbildung; 1955 gehörte er zu den Begründern der Wiener Bücherbriefe. In diesen Jahren entstanden sein Roman Moos auf den Steinen und seine Gedichtbände. Zwischen 1954 und 1959 erhielt er zahlreiche Preise, unter anderem den Förderungspreis der Stadt Wien. 1954 lernte er Thomas Bernhard kennen. 1957 war er Außenlektor des Otto Müller Verlags.

Ende 1958 gab Fritsch seine Stelle auf und wurde freier Schriftsteller. Von beruflichen Verpflichtungen war er damit zwar frei, finanziell jedoch nicht abgesichert, sodass er weiter Lektorats- und Redaktionsarbeiten übernehmen musste. Dazu kamen Rundfunksendungen, Rezensionen und Beiträge für Zeitschriften und Zeitungen. Ab 1960 war er als Redakteur für die Literaturzeitschrift Wort in der Zeit verantwortlich und öffnete sie der Avantgarde. Ab 1961 arbeitete er auch als Lektor bei Stiasny in Graz und gewann so Einfluss auf das österreichische Verlagswesen. Nach dem Februarheft 1964 von Wort in der Zeit, das die experimentelle Literatur in den Mittelpunkt stellte, verlor er die Redaktion. Der Stiasny Verlag kündigte ihm um 1965. In diesem Februarheft erschien auch sein Gedicht „Bilanz“, mit dem er einen Schlussstrich unter seine bisherige, mythisierende Schreibweise ziehen wollte. 1966 erschien erstmals die Literaturzeitschrift Literatur und Kritik, die als Nachfolgerin von Wort in der Zeit gelten kann und bei der Fritsch als Herausgeber wirkte.

Als Herausgeber und Gründer trat Fritsch meist gemeinsam mit Otto Breicha auf. 1964 kam die Anthologie Finale und Auftakt heraus. Sie widmete sich der Kunst des Wien um 1900. 1967 folgte im Salzburger Residenz Verlag die umfangreichere Anthologie Aufforderung zum Misstrauen. Ihr Titel greift einen Titel Aichingers auf. Außenlektor war Fritsch für Otto Müller in Salzburg, Stiasny in Graz und Jugend und Volk in Wien. Außerdem wirkte er als Volksbildner in Filmen und Vorträgen. Zu seinen Brotarbeiten zählen der mit Franz Hiesel verfasste Hörspielzyklus Die Reise nach Österreich, das Sachbuch Paschas und Pest (1962) und der Band Feldherr wider Willen (1966).

Fritsch war dreimal verheiratet und Vater von vier Kindern. Am 22. März 1969 wurde er erhängt und in Frauenkleidern aufgefunden. Nachschlagewerke sprechen von Selbstmord. Robert Menasse hat auch einen Unfall für möglich gehalten. Bestattet wurde er in Wien auf dem Hietzinger Friedhof in einem ehrenhalber gewidmeten Grab. Sein gesamter schriftstellerischer Nachlass liegt in der Wienbibliothek im Rathaus.


Literarische Merkmale↑

Begonnen hat Fritsch als Lyriker. Dem Erstling Zwischen Kirkenes und Bari folgten der Gedichtband Lehm und Gestalt (1954) und das längere Gedicht Dieses Dunkel heißt Nacht (1955). Obwohl diese Bücher erst mit einigem Abstand zum Kriegsende erschienen, verarbeiten sie Kriegsdienst und Nachkriegserlebnisse und werden deshalb der Heimkehrerliteratur zugerechnet. Auch im Gedichtband Der Geisterkrug (1958) ging Fritsch dem Kriegserlebnis nach, das ihn schwer belastet zu haben scheint, nun jedoch verschlüsselter als in den Erstlingen.

Seine eigene frühere Art zu schreiben beurteilte Fritsch später kritisch: Das 1964 veröffentlichte Gedicht „Bilanz“ sollte der gesichtslosen, mythisierenden Schreibweise seiner bisherigen Werke einen Schlussstrich setzen. 1956 war im Otto-Müller-Verlag sein Roman Moos auf den Steinen erschienen, 1967 bei Rowohlt der Roman Fasching, dem ein Motto von Elias Canetti vorangestellt ist.

Wie genau Fritsch fremde Texte las, zeigt sein Gutachten für den Otto Müller Verlag über Thomas Bernhards Gedichtband Frost. Um dieses Gutachten war er 1960/61 gebeten worden. Bernhard nannte er darin „einen Besessenen seines persönlichen Weltzorns und Weltleides“. Seine Gedichte nannte er „Große und wilde Gesänge“, die „neben schwärzester Verzweiflung“ stünden. Der Zyklus bestätigte ihm, wie er schrieb, die von ihm „immer wieder aufgestellte Behauptung von Bernhards ans Genialische grenzender Begabung“, von der das „Chaotische und bewußt Disziplinlose, auch der Manierismus seiner selbst“ und zugleich die Suggestionskraft „seiner ununterbrochenen Melodie nicht zu trennen seien“. Zu einer Veröffentlichung von Frost im Otto Müller Verlag kam es nicht. Einige Gedichte daraus erschienen 1963 in einer von Fritsch herausgegebenen Anthologie.


Rezeption↑

Zu Lebzeiten war Fritsch eine wichtige Figur des Wiener Literaturbetriebs. Er zählte zu den ältesten Freunden und frühesten Förderern Thomas Bernhards; seit 1954 bestand zwischen beiden eine Verbindung gegenseitiger Anerkennung, bis Bernhard Mitte der 1960er Jahre der Durchbruch gelang. Bernhards Briefe an Fritsch werden in der Wienbibliothek im Rathaus aufbewahrt. Thomas Miessgang beschrieb den Wandel dieses Verhältnisses so: „Am Anfang begegnete Bernhard seinem Mentor mit größter Hochachtung und bat immer wieder ziemlich unverblümt um Geld. Als in den sechziger Jahren sein Ruhm wuchs, während die Wertschätzung für Gerhard Fritsch stagnierte, wurde der Tonfall deutlich derber.“

1968 war Fritsch als Jurymitglied an der Vergabe des Anton-Wildgans-Preises an Bernhard beteiligt. In seinem Buch Meine Preise schilderte Bernhard später eine Begegnung im Café Museum. Er habe Fritsch gefragt, ob dieser gegen die Absage der Preisübergabe durch die Industriellenvereinigung protestieren und aus der Jury austreten werde. Fritsch habe beides abgelehnt, weil er drei Frauen und eine Menge Kinder zu versorgen habe. Bernhards Urteil fiel hart aus: „Der arme Mensch, der inkonsequente, bedauerliche, der erbarmungswürdige.“ Bernhard stellte diese Unterredung in einen Zusammenhang mit Fritschs Tod. Dieser Zusammenhang ist eher unwahrscheinlich. Die Preisverleihung war für März 1968 angesetzt, Fritsch starb etwa ein Jahr später.

Canetti war vom Tod des erst 44-jährigen Dichters erschüttert, wie seinen Briefen zu entnehmen ist. Der Roman Moos auf den Steinen wurde 1968 von Georg Lhotsky mit Erika Pluhar verfilmt. Seit Fasching und die erst nach seinem Tod erschienene Katzenmusik als Suhrkamp-Taschenbücher lieferbar sind, klärt sich der Blick auf die Leistung dieses kurzen Schriftstellerlebens. Für die Wiederauflagen setzte sich unter anderem Robert Menasse ein.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

Aus dem Werkverzeichnis↑

Im Lexikon

Weitere Werke (Auswahl)

Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (3 weitere Titel)

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten