1967
Fasching
Überblick↑
Der Roman Fasching von Gerhard Fritsch erschien 1967 bei Rowohlt in Reinbek bei Hamburg. Er erzählt von dem Deserteur Felix Golub, der sich am Ende des Zweiten Weltkriegs als Dienstmädchen verkleidet versteckt. Zwölf Jahre später kehrt er in die österreichische Kleinstadt zurück. Die Kritik lehnte das Buch weitgehend ab. Seit 1995 liegt es bei Suhrkamp vor, mit einem Nachwort von Robert Menasse.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Felix Golub ist 17 Jahre alt, als er aus der Wehrmacht desertiert. In einer Kleinstadt nimmt ihn eine Baronin auf, die als Miedermacherin arbeitet. Er lebt bei ihr in Frauenkleidern als Dienstmädchen, und sie nutzt ihn sexuell aus.
Zwölf Jahre nach Kriegsende kommt er zurück und will sich mit seiner Braut Hilga Pengg dort niederlassen. Gerade ist Faschingszeit. Als Heimkehrer begrüßt ihn niemand. Die Leute verspotten ihn, denn für sie ist er ein Verräter und ein Feigling in Frauenkleidern.
Die Handlung im Detail↑
Kurz vor Kriegsende soll die Stadt in einer letzten Abwehrschlacht verteidigt werden. Der Kommandant des letzten Aufgebots verliebt sich in das vermeintliche Dienstmädchen. Golub geht auf seine Annäherungen ein, entwaffnet ihn und zwingt ihn zur Kapitulation. So bewahrt er die Stadt vor der Zerstörung. Danach liefern ihn die Bewohner an die Sowjets aus, und er kommt nach Sibirien.
Bei seiner Rückkehr stört er die Ordnung einer Stadt, die ihr Verhalten im Krieg lieber vergessen möchte. Seine Braut rät ihm, sich zu fügen und nicht mehr von früher zu reden. Ausgerechnet Golub wird zur Faschingsprinzessin gewählt. Die aufgestauten Aggressionen entladen sich schließlich in Gewalt.
Stil↑
Innere Monologe und indirekte Rede sind im Roman ineinander verwoben, und die Erzählung wandert ständig zwischen den Zeitebenen. Die Süddeutsche Zeitung nannte den Text 2015 fiebrig und grausam komisch. In einer Szene reiht Fritsch Orden und Kriegsschauplätze aneinander. Über die aufmarschierenden Männer der Kleinstadt heißt es: „alle hatten ihren Mann gestellt für Franz Joseph Karl Hitler.“
Die Hauptfigur ist kein reiner Held. Die Wiener Zeitung beschrieb sie 2015 als Figur zwischen Held und Feigling, Außenseiter und Mitläufer. Fritsch selbst legte dem Manuskript einen Begleitbrief bei. Darin nannte er als Ziel „die Darstellung eines exemplarischen Falles von der Vernichtung eines Außenseiters durch die freundliche, durchaus nicht böswillige, kompakte Mehrheit“.
Rezeption↑
Beim Erscheinen 1967 reagierten dieselben Rezensenten verstört, die Fritschs ersten Roman Moos auf den Steinen gelobt hatten. Man warf dem Autor Schwarzmalerei vor, und das Buch geriet in Vergessenheit. Das Store norske leksikon nennt es eine Satire auf den latenten österreichischen Antisemitismus und Faschismus. Schon 1970 erschienen Übersetzungen bei Gallimard in Frankreich und bei Shinchōsha in Japan.
Robert Menasse setzte sich für das Buch ein. Sein Nachwort steht in der Suhrkamp-Ausgabe von 1995, und seitdem wird der Roman zu den Hauptwerken der österreichischen Nachkriegsliteratur gezählt. 2014 erschien in der Fachzeitschrift Colloquia Germanica ein Aufsatz, der ihn als Auseinandersetzung mit österreichischen Mythen vom Krieg und Nachkrieg liest. 2023 kam in Novi Sad eine serbische Ausgabe heraus.
Am 5. September 2015 eröffnete Anna Badora ihre Direktion am Wiener Volkstheater mit einer eigenen Bühnenfassung, die sie gemeinsam mit dem Dramaturgen Roland Koberg erarbeitet hatte. Felix Golub trat doppelt auf, gespielt von Nils Rovira-Muñoz und als Puppe von Nikolaus Habjan. Die Kritik blieb überwiegend zurückhaltend, lobte aber vielfach Habjans Puppe.
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