1905
Der Heilige
Überblick↑
Der Roman Der Heilige (italienisch Il Santo) von Antonio Fogazzaro erschien 1905 bei Baldini & Castoldi in Mailand. Er bildet den dritten und letzten Teil einer Trilogie, die mit Piccolo mondo antico beginnt und in Piccolo mondo moderno fortgesetzt wird. Im Mittelpunkt steht ein Mann, der sein früheres Leben hinter sich lässt und als Büßer und Mahner für eine tiefgreifende Erneuerung des Glaubens eintritt. Obwohl Fogazzaro selbst ein gläubiger und der Kirche treu ergebener Katholik war, wurde das Buch auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt. Gerade dieses kirchliche Verbot trug dazu bei, dass der Roman weit über Italien hinaus bekannt wurde.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Wieder aufgenommen wird die Geschichte des Piero Maironi, eines Künstlers und Träumers, dessen Leben in den vorangegangenen Romanen erzählt wurde. Während seine Frau in einer Nervenheilanstalt lebte, hatte er sich in Jeanne Dessalle verliebt, eine von ihrem Mann getrennt lebende Frau, die sich zum Unglauben bekannte. Ein Besuch am Sterbebett seiner Gattin rief ihn zu Glauben und Gewissen zurück. Von Reue erfüllt, verschwand er darauf ganz aus dem Blick seiner Freunde und Verwandten.
Zwischen dem Ende des zweiten Romans und dem Beginn dieses Buches sind drei Jahre vergangen. Maironi tritt nun unter dem Namen Benedetto wieder in Erscheinung, durch ein Leben in Gebet und harter Selbstkasteiung gewandelt. Er findet in einem Bergdorf Zuflucht in einer Ordensgemeinschaft und erwirbt sich unter den Bauern den Ruf eines Heiligen, dem bisweilen Wunder gelingen. Zugleich ruft er zu einer gründlichen Erneuerung des christlichen Denkens und Lebens auf. Jeanne Dessalle indes irrt niedergeschlagen durch Europa und hofft gegen alle Hoffnung auf ein Wiedersehen mit dem einstigen Geliebten.
Die Handlung im Detail↑
Ausgangspunkt ist das Schicksal Piero Maironis. Während seine Frau in einer Nervenheilanstalt untergebracht war, verliebte sich der Künstler und Träumer in Jeanne Dessalle, eine von ihrem Mann getrennt lebende, agnostisch gesinnte Frau. Als seine sterbende Gattin nach ihm schickte, wurde er durch dieses Gespräch an Glauben und Ehre erinnert. Von Reue überwältigt, verschwand er vollständig aus dem Leben seiner Freunde und Verwandten. Zuvor hinterlegte er bei einem ehrwürdigen Priester, Don Giuseppe Flores, ein versiegeltes Schriftstück, in dem er eine prophetische Vision über sein Leben beschrieb, die wesentlich zu seiner Bekehrung beigetragen hatte.
Drei Jahre später tritt Maironi unter dem Namen Benedetto wieder auf, von Sünde geläutert durch ein Leben des Gebets und ausgezehrt von der Strenge seiner Bußübungen. Jeanne Dessalle wandert derweil teilnahmslos und unglücklich mit Noemi d'Arxel, der Schwester der Maria Selva, durch Europa und hofft vergeblich auf die Rückkehr ihres früheren Geliebten. Nach einer bewegenden Begegnung mit Jeanne zieht sich der gewandelte Maironi als Mönch in eine Ordensgemeinschaft im Bergdorf Jenne zurück. Dort gilt er den Bauern als Heiliger, dem bisweilen Wunder der Heilung gelingen.
Benedetto fordert eine durchgreifende Erneuerung der christlichen Frömmigkeit und des christlichen Denkens. Fogazzaro entwickelt dieses Reformprogramm aus Gedanken des italienischen Philosophen Antonio Rosmini. Gemeinsam mit Don Clemente und dem Gelehrten Giovanni Selva bildet Benedetto den Kern eines Kreises Gleichgesinnter, die sich Le Catacombe nennen. Jeanne, die Versucherin früherer Jahre, hält er streng von sich fern. Ein einziges Gespräch erzwingt sie noch, danach aber tritt sie ihm erst wieder unter die Augen, als er im Sterben liegt.
Benedetto geht nach Rom und wirkt unter den Armen der Viertel Trastevere und Testaccio. Bald jedoch erregt er Aufsehen und gerät in die Auseinandersetzungen zwischen kirchlichen und kirchenfeindlichen Kräften. Schließlich kommt es zu einer Begegnung mit dem Papst. Mit aller gebührenden Ehrerbietung spricht Benedetto von den vier bösen Geistern, die die Kirche seiner Zeit heimsuchten: dem Geist der Lüge, dem Geist der Herrschsucht unter der Priesterschaft, dem Geist der Habgier und dem Geist der Starrheit. Der Papst hört ihm zu wie der väterlichste aller Väter, gebeugt von der drückenden Last seines Amtes, und weist ernst auf die Hindernisse hin, die einer Reform im Wege stehen. Am Ende, in der Todesstunde Benedettos, darf Jeanne noch einmal an sein Lager treten.
Stil↑
Getragen wird das Buch weniger von äußerer Handlung als von der geistigen Wandlung seiner Hauptfigur. Es ist ein Roman der Ideen: In langen Gesprächen und Reden entfaltet die Titelgestalt ein Programm der religiösen Erneuerung, das Fogazzaro aus dem Gedankengut des Philosophen Antonio Rosmini schöpft. Der Bogen reicht vom stillen Bergdorf bis in die Machtzirkel Roms, und immer wieder verbinden sich seelische Innenschau, geistliche Betrachtung und die Auseinandersetzung mit den kirchlichen Verhältnissen der Zeit. Manche Gestalten tragen Züge wirklicher Personen aus Fogazzaros Umkreis; der Kritiker Jean Lebrec etwa erkannte im Gelehrten Giovanni Selva den mit dem Autor eng befreundeten Friedrich von Hügel.
Rezeption↑
Zwiespältig war die Aufnahme des Romans, denn er berührte einen empfindlichen Nerv der katholischen Kirche. Obwohl Fogazzaro ein gläubiger und der Kirche treu ergebener Katholik war, wurde Der Heilige auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt. Das vatikanische Verbot lenkte die Aufmerksamkeit erst recht auf das Werk und trug dazu bei, dass Fogazzaro weltweite Bekanntheit erlangte. So wurde das Buch zu einem vielbeachteten Zeugnis der Spannungen zwischen dem Ruf nach innerer Erneuerung und der Beharrungskraft der kirchlichen Autorität.
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