1907
Der Held der westlichen Welt
Überblick↑
Das Theaterstück Der Held der westlichen Welt von John Millington Synge wurde am 26. Januar 1907 im Abbey Theatre in Dublin uraufgeführt. Der englische Originaltitel lautet The Playboy of the Western World. Es ist eine Tragikomödie, die auf einer wahren Begebenheit beruht und in einem ländlichen Wirtshaus an der irischen Westküste spielt. Heute zählt das Werk zu den Klassikern der anglo-irischen Literatur. Bekannt ist es vor allem für seine kräftige, an die Alltagssprache der irischen Landbevölkerung angelehnte Sprache.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts kehrt in das Wirtshaus des Michael James Flaherty an der Küste der Grafschaft Mayo ein junger Fremder ein. Christy Mahon ist erschöpft, denn er hat nächtelang umherirren müssen. Nur zögernd rückt er mit seiner Geschichte heraus: Er habe seinen tyrannischen Vater erschlagen und sei geflohen, als der alte Mann leblos liegen blieb.
Statt Abscheu erntet Christy Bewunderung. Solch ein „mutiger“ Mann sei noch nie im Dorf vorbeigekommen, und „echte“ Männer gebe es kaum noch. Die Erzählung reizt die Vorstellungskraft der Dorfbewohner. Besonders Pegeen Mike, die Tochter des Wirts, zeigt sich an dem Neuankömmling interessiert und will ihn als Schankburschen im Haus behalten. Das missfällt ihrem Cousin Shawn, dem einzigen, der in Christys Tat keine Heldentat sieht. Doch seine Bedenken finden kein Gehör. Als sich die Nachricht vom Vatermörder rasch herumspricht, wächst Christy eine Aufmerksamkeit zu, die sein Leben verändert.
Die Handlung im Detail↑
Anfang des 19. Jahrhunderts spielt das Geschehen im Wirtshaus des Michael James Flaherty an der Küste von Mayo, einer Grafschaft in Connacht im Nordwesten Irlands. Dorthin trifft Christy Mahon ein, ein junger Mann, der behauptet, seinen Vater getötet zu haben. Aus Verzweiflung hatte Christy seinen tyrannischen Vater geschlagen und war in panischer Angst geflohen, als der alte Mahon leblos liegen blieb. Nächtelang irrte er danach umher.
Seine Geschichte erzählt er im Wirtshaus nur zögernd, doch sie reizt die Vorstellungskraft der Dorfbewohner. Solch ein „mutiger“ Mann war noch nie vorbeigekommen, und „echte“ Männer gibt es in ihren Augen kaum noch. Besonders Pegeen Mike, die Tochter des Wirts, zeigt sich an dem jungen Mann interessiert und möchte ihn zunächst als Schankburschen im Haus behalten. Das gefällt ihrem Cousin Shawn ganz und gar nicht. Er ist der Einzige unter den Gästen, der in Christys Handeln eine Straftat und keine Heldentat sieht. Seine Meinung findet jedoch kein Gehör.
Die Nachricht vom Erscheinen eines Mannes, der seinen Vater erschlagen hat, verbreitet sich schnell. So sieht sich Christy bald der Anerkennung und Bewunderung mehrerer Dorfmädchen ausgesetzt, ebenso der etwa dreißigjährigen Witwe Quin – sehr zum Missfallen Pegeens. Aus dem scheuen Ankömmling wird durch die Bewunderung der anderen ein Mann, der sich selbst in einem neuen Licht sieht und der um Pegeens Gunst zu werben beginnt.
Stil↑
Als Tragikomödie verbindet das Werk komische und ernste Züge. Ein herausragendes Merkmal ist die Sprache. Synge verwendet den hiberno-englischen Dialekt, also das von der irischen Umgangssprache geprägte Englisch der Landbevölkerung. In seinem Vorwort zur Buchausgabe, datiert auf den 21. Januar 1907, betonte er, er habe nur ein oder zwei Worte gebraucht, die er nicht bei der Landbevölkerung Irlands oder schon in seiner eigenen Kinderstube gehört habe. Die derb-lebendige Ausdrucksweise gibt dem Stück seinen eigenen Klang und stellt Übersetzer vor besondere Aufgaben. Heinrich Böll hielt schon das Wort „Playboy“ für unübersetzbar: Es hätte der Zusammensetzung vieler deutscher Wörter bedurft – Tändler, Schwätzer, Schürzenjäger, Nichtstuer, Schwindler, Angeber, Liebling und mehr –, ohne dass sich ihr Mischungsverhältnis je genau bestimmen ließe.
Rezeption↑
Bei der Uraufführung am 26. Januar 1907 im Abbey Theatre löste das Stück einen Theaterskandal aus. Das Publikum sah sich in seiner Ehre gekränkt. Zeugen berichten von stampfenden und buhrufenden Zuschauern. Betrunkene Trinity-Studenten sangen „God Save the Queen“, während Nationalisten auf der anderen Seite „God save Ireland“ und „A Nation once again“ grölten. Zunächst tobten die Auseinandersetzungen im Theatersaal, später auf den umliegenden Straßen, und die Polizei musste eingreifen. Diese Vorgänge wurden als die Playboy Riots bekannt.
Irische Nationalisten warfen dem Stück vor, es sei nicht politisch genug und verletze durch seine unmoralische Sprache die Würde Irlands, besonders die der irischen Frauen. Die Darstellung des ländlichen katholisch-irischen Milieus empfanden Nationalisten wie der Sinn-Féin-Führer Arthur Griffith als Verhöhnung. Der Schirmherr des Theaters, William Butler Yeats, hielt daraufhin eine Verteidigungsrede zur Freiheit des Theaters. Bald wandte sich die Pressemeinung gegen die Kritiker, und die Proteste ebbten ab. Dennoch blieb das Abbey Theatre erschüttert: Synges nächstes und letztes vollendetes Stück The Tinker's Wedding von 1908 wurde aus Furcht vor neuen Störungen nicht aufgeführt.
Das Werk fand in mehreren deutschen Übersetzungen seinen Weg auf die Bühne. Eine erste Fassung von Charles H. Fisher und Sil-Vara erschien 1912 unter dem Titel Der Held des Westerlands bei Georg Müller in München. Anna Elisabeth Wiede und Peter Hacks verfassten für Bertolt Brechts Berliner Ensemble die Übersetzung Der Held der westlichen Welt, deren Erstaufführung am 11. Mai 1956 im Theater am Schiffbauerdamm stattfand. Annemarie und Heinrich Böll übertrugen das Stück unter dem Titel Ein wahrer Held, uraufgeführt am 11. März 1960 in Köln. Später legte Felix Mitterer mit Der Held aus dem Westen eine weitere Fassung vor, die 1999 in Wien herauskam. Der Stoff regte auch Vertonungen und Opern an, darunter Giselher Klebes Ein wahrer Held von 1975.
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