1871 – 1909
John Millington Synge
Kurzbiografie↑
Zu den prägenden Gestalten der irischen Renaissance gehört der Dramatiker John Millington Synge. Er wurde 1871 in Rathfarnham bei Dublin geboren und starb 1909 in Dublin. In nur wenigen Jahren schuf er sechs Dramen, die im einfachen, oft archaischen Leben der irischen Landbevölkerung wurzeln und dennoch weit über Irland hinaus gewirkt haben. Seine bekannteste Arbeit, das Stück The Playboy of the Western World, löste 1907 bei der Uraufführung in Dublin einen der ersten großen Theaterskandale der irischen Theatergeschichte aus. Mit der bühnenfähigen Gestaltung des irischen Dialekts und seiner Wendung zu Wanderarbeitern, Kesselflickern und einfachen Landmenschen prägte er das irische Drama.
Biografie↑
Geboren wurde Synge 1871 in Rathfarnham bei Dublin. Er stammte aus einer nicht sehr wohlhabenden Familie der Protestant Ascendancy, der protestantischen anglo-irischen Oberschicht. Standesgemäß besuchte er das Trinity College in Dublin, die traditionelle protestantische Universität. Dort studierte er Sprachen und Musik. Ein Semester verbrachte er 1894 in Würzburg an der dortigen Königlichen Musikakademie; für 1893/94 ist zudem ein Aufenthalt in Koblenz nachgewiesen. Einige Jahre lebte er in Paris, ungefähr zwischen 1895 und 1903.
Eine konventionelle oder gutbürgerliche Laufbahn wollte Synge nicht einschlagen. Lange konnte er sich nur schwer zwischen einer musikalischen und einer literarischen Laufbahn entscheiden. In Paris traf er Yeats, der ihm riet, anstelle eines ziellosen Bohème-Lebens die Aran-Inseln vor der Westküste Irlands zu besuchen, um dort eine Lebensweise kennenzulernen, die bislang noch keinen literarischen Ausdruck gefunden habe. Diese Jahre auf Inis Meáin, einer der Aran-Inseln, wurden für sein Werk entscheidend. Das Leben war dort in mancherlei Hinsicht noch archaisch, spontan und von der Zivilisation unberührt. Hier entwickelte er sich zum poetischen Realisten. Programmatisch meinte er, die echte, reine Freude finde man nur in der wilden, hinreißenden Wirklichkeit, doch Realismus allein genüge nicht: Die Bühne müsse Wirklichkeit und Fröhlichkeit ausstrahlen.
Im semi-autobiografischen Prosa-Band The Aran Islands von 1907 schilderte Synge die naturverbundenen, aber gleichzeitig brutalen Lebensbedingungen der Inselbewohner, ohne sie zu romantisieren. Seine zahlreichen Besuche und Wanderungen in abgelegenen Gebieten Irlands schlugen sich auch in seinen Dramen nieder, die alle an zivilisationsfernen Schauplätzen spielen. Im Mittelpunkt stehen durchgehend nicht-sesshafte Menschen wie Wanderarbeiter oder Kesselflicker. Deren Lebensweise hatte er persönlich erlebt und gab ihr den Vorzug gegenüber bürgerlichen Werten.
Bereits sein erstes Drama The Shadow of the Glen von 1903, ursprünglich unter dem Titel In the Shadow of the Glen, ist in einer einsamen Bergschlucht der Wicklow Mountains angesiedelt. Der gesicherten, aber freudlosen Existenz im Schatten des Tales wird das ungesicherte Dasein an der Seite eines Tramps auf den Höhen des Lebens gegenübergestellt. Wie in The Playboy of the Western World von 1907 wird der ungebundene Lebensstil bevorzugt und bestimmt den Ausgang.
Synge ging in seinen Werken gern von Volkssagen aus und machte seine Version des hiberno-englischen Dialekts bühnenfähig. Mit der Gründung des Abbey Theatre 1904 wurde er einer von dessen Direktoren. Bis zu seinem frühen Tod verfasste er sechs Dramen, die in spezifisch irischen Lebensverhältnissen verwurzelt sind, aber einen allgemeineren Gültigkeitsanspruch erheben. Sein letztes Werk Deirdre of the Sorrows wandte sich Deirdre zu, einer eindrucksvollen Gestalt der irischen Mythologie; es wurde erst 1910 postum aufgeführt. Daneben war Synge auch als dokumentarischer Fotograf zum irischen Alltag tätig. Er starb 1909 in Dublin und wurde auf dem Friedhof Mount Jerome beigesetzt.
Literarische Merkmale↑
Charakteristisch für Synge ist ein poetischer Realismus, den er auf den Aran-Inseln entwickelte. Er schilderte das Leben der einfachen Landbevölkerung ungeschönt, in seiner Naturverbundenheit ebenso wie in seiner Härte. Seine Figuren sind nicht-sesshafte Menschen wie Wanderarbeiter und Kesselflicker, deren ungebundenes Dasein er dem gesicherten, aber freudlosen bürgerlichen Leben vorzog. Seine Schauplätze liegen fern der Zivilisation, in einsamen Bergschluchten und abgelegenen Gegenden Irlands.
Eine Besonderheit seiner Sprache ist, dass er seine Version des hiberno-englischen Dialekts bühnenfähig machte. Vielfach ging er von Volkssagen aus. Sein Ziel war nicht ein bloßer Realismus: Die Bühne sollte zugleich Wirklichkeit und Fröhlichkeit ausstrahlen. So sind seine Dramen zwar tief in irischen Lebensverhältnissen verwurzelt, erheben aber einen allgemeineren Anspruch und blieben deshalb auch auf Bühnen anderer Länder wirksam.
Rezeption↑
In Irland selbst wurden Synges Dramen und ihr undogmatisches Weltbild von Kritikern und Publikum mit gemischten Reaktionen aufgenommen. Seine Stücke wurden als unmoralisch, religionsfeindlich und un-irisch angegriffen. Die Uraufführung von The Playboy of the Western World löste 1907 in Dublin einen der ersten großen Theaterskandale der irischen Theatergeschichte aus, da man das Stück als Schmähung der Moral, des Frauenbildes und der religiösen Werte Irlands ansah. Seine Werke galten in Irland lange Zeit, bis weit über seinen Tod hinaus, als unspielbar. Zugleich wurden sie über Irland hinaus zeitlos wirksam und zählen zur irischen Nationaldichtung.
Sein Nachleben zeigt sich bis heute an mehreren Orten. Das Irish Writer's Museum in Dublin widmet ihm einen eigenen Ausstellungsraum. Auf der Insel Inishmaan lässt sich das Museum „Teach Sing“ besichtigen. Seine Liebe zu Molly Allgood erzählt Joseph O’Connor in dem Roman Ghost Light von 2010, der 2012 in deutscher Übersetzung unter dem Titel Irrlicht erschien.
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