1826
Aus dem Leben eines Taugenichts
Überblick↑
Die Novelle Aus dem Leben eines Taugenichts gilt als Höhepunkt der deutschen Spätromantik. Joseph von Eichendorff stellte sie 1822/23 fertig. Einige Auszüge erschienen bereits 1823 in den Deutschen Blättern. Die vollständige Erstausgabe folgte 1826. Erzählt wird die Wanderung eines jungen Müllersohns. Er zieht mit der Geige in der Hand hinaus in die weite Welt. Das Werk verbindet erzählende Prosa mit zahlreichen eingestreuten Liedern und Gedichten – darunter das berühmte Wem Gott will rechte Gunst erweisen. Es gehört bis heute zu den meistgelesenen Texten der deutschen Romantik.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Ein Müller schimpft seinen Sohn einen Taugenichts, weil dieser ihn die ganze Arbeit allein machen lässt. Er schickt ihn hinaus in die weite Welt. Fröhlich nimmt der junge Mann seine Geige und verlässt das Dorf, ohne klares Ziel vor Augen. Schon bald hält neben ihm eine Kutsche mit zwei Damen. Sie finden an seinem Geigenspiel Gefallen und nehmen ihn auf ihr Schloss nahe Wien mit. Dort wird er Gärtnerbursche, später Zolleinnehmer. Und er verliebt sich in die jüngere der beiden Damen, seine „allerschönste Frau".
Die Liebe scheint aussichtslos, und so bricht der Taugenichts erneut auf. Es zieht ihn „gen Italien". Auf der Reise schließt er sich zwei geheimnisvollen Malern an. Er gerät in fremde Schlösser und hört unverhofft die Stimme der Geliebten in den nächtlichen Straßen Roms. Er jagt Schatten hinterher und stolpert von einer überraschenden Begegnung in die nächste. Eine Kette merkwürdiger Zufälle, verwechselter Gestalten und versteckter Hinweise hält ihn in Bewegung. Stets begleiten ihn Lieder, eine staunende Naturfreude und ein fast schlafwandlerisches Vertrauen darauf, dass sich am Ende alles fügen werde.
Die Handlung im Detail↑
Ein Müller schickt seinen Sohn, den er einen Taugenichts schimpft, in die Welt hinaus. Fröhlich nimmt der Sohn seine Geige und zieht los. Schon bald nimmt eine Kutsche mit zwei Damen ihn mit auf ihr Schloss nahe Wien, wo er als Gärtnerbursche eingestellt wird. Er verliebt sich in die jüngere der beiden Damen und wird bald zum Zolleinnehmer befördert. Den Garten des Zollhäuschens befreit er von den Kartoffeln, um dort Blumen für seine Angebetete anzupflanzen. Er beschließt, das Reisen aufzugeben und Geld zu sparen, um „es mit der Zeit gewiß zu etwas Großem in der Welt zu bringen", und freundet sich mit dem Portier des Schlosses an. Als er jedoch eines Tages seine „allerschönste Frau" mit einem Offizier auf einem Balkon sieht und sie für ihn unerreichbar scheint, packt er seine Sachen und verlässt das Schloss.
Er wandert „gen Italien" und kehrt an einem Wirtshaus ein, vor dem fröhliche Menschen den Sonntag genießen. Er spielt zum Tanz auf, ein Mädchen wirbt um ihn und stellt einen ruhigen, bürgerlichen Musikantenposten in Aussicht – auch ihr reicher Vater spiele die Geige. Doch der Taugenichts lehnt ab und reist weiter, im Sinn, in die Welt des Adels aufgenommen zu werden. Bei Anbruch der Nacht tauchen zwei Reiter auf, die er zunächst für Räuber hält. Sie geben sich als die Maler Leonhard und Guido aus und nehmen ihn mit nach Italien. Sie reisen Tag und Nacht. Nach einer Übernachtung im Wirtshaus findet er die beiden am Morgen verschwunden, in ihrem leeren Zimmer liegt ein voller Geldbeutel für ihn. Kurz entschlossen springt er in die Postkutsche und reist allein weiter, bis er ein Schloss erreicht, wo ihn eine alte Frau und ein hagerer Mann empfangen. Nach einem reichen Mahl wird er in ein prächtiges Zimmer geführt und kann fortan ein Leben führen, „wie sich's ein Mensch nur immer in der Welt wünschen kann".
Eines Tages erhält er einen Brief seiner Aurelie, der „allerschönsten Frau", die ihn bittet zurückzukehren, da „alle Hindernisse beseitigt" seien und sie ohne ihn „kaum mehr leben" könne. Dieser Brief ist der Schlüssel zur ganzen Novelle: Er stammt zwar von Aurelie, ist aber gar nicht an den Taugenichts gerichtet und auch kein Liebesbrief, sondern ein Freundschaftsbrief von Frau zu Frau – was sich erst ganz am Schluss aufklärt. Überglücklich bricht der junge Mann auf, gelangt nach Rom und meint nachts in den Straßen die Stimme seiner Geliebten zu hören und ihre weiße Gestalt zu sehen. Ein junger Landsmann, ein Maler, nimmt ihn am nächsten Morgen mit nach Hause. Dort entdeckt der Taugenichts zwei Bilder und fragt, ob der junge Mann sie gemalt habe – es sind Werke von Leonardo da Vinci und Guido Reni. Stolz behauptet er, mit diesen beiden Tag und Nacht gereist zu sein. Der Maler erzählt ihm außerdem, er habe eine junge Frau gemalt, die eigens nach Rom gekommen sei, um den Taugenichts, Leonhard und Guido zu suchen.
Später nimmt der Maler ihn mit in einen Garten, wo plötzlich ein streitendes Paar auftaucht: die Kammerjungfrau vom Schloss seiner Geliebten. Sie steckt ihm einen Zettel mit einer Einladung zu einem Treffen mit der jungen Gräfin zu. Am vereinbarten Haus erblickt der Taugenichts eine Gestalt im Mantel des ihm bekannten Malers und vermutet, dieser wolle sich an der schönen Gräfin vergehen. Laut schreiend stürzt er los, stolpert über Blumen, fällt zu Boden – und muss erkennen, dass die weiße Gestalt nur die Kammerjungfrau ist. Auch das Fräulein selbst, mit dem er das Rendezvous haben sollte, entpuppt sich als eine fremde korpulente Dame.
Traurig macht er sich auf die Rückreise nach Deutschland. Unterwegs trifft er drei Prager Studenten, die mit mehr schlecht als recht gespielter Blasmusik durch die Lande ziehen. Als einer erzählt, sein Vetter sei Portier auf einem Schloss bei Wien und spiele Fagott, erkennt der Taugenichts Schloss und Portier wieder. Gemeinsam reisen sie per Postschiff die Donau hinab; ein mitreisender Geistlicher weiß zu berichten, bei Hofe werde es bald eine Hochzeit geben – der Taugenichts bezieht das sofort auf sich und seine „Allerschönste".
Im herrschaftlichen Garten angekommen, hört er die Stimme des Herrn Guido, entdeckt aber stattdessen eine junge Frau mit Gitarre, die seiner geliebten Aurelie eine alte Weise vorsingt. Aurelie schreit beim Anblick des Taugenichts überrascht auf. Auch Herr Leonhard ist da. Er fasst die Schöne bei der Hand, führt sie zum Taugenichts und klärt die verwirrte Geschichte auf: Er selbst sei der Graf des Schlosses, Herr Guido sei in Wahrheit Flora, seine Geliebte. Floras Mutter habe die Verbindung anfangs nicht gebilligt, weil es einen anderen einflussreichen Bewerber gegeben habe; deshalb seien beide als Maler verkleidet nach Italien geflüchtet – und hätten den Taugenichts, als sie verfolgt wurden, gleichsam an Floras Stelle weiterreisen lassen. Auch Aurelies Geheimnis löst sich auf: Sie sei gar keine Adelige, sondern ein Waisenkind, das ihr Onkel, eben der Portier, einst aufs Schloss gebracht habe, wo die Gräfin sie als Pflegetochter annahm. So steht einer doppelten Verbindung nichts mehr im Wege. Der Graf heiratet seine Flora, der Taugenichts seine Aurelie. Die jungen Eheleute bekommen als Hochzeitsgeschenk ein kleines weißes Schlösschen samt Garten und Weinbergen. Durch eine Kette geheimnisvoller und ganz unwahrscheinlicher Zufälle ist dem Müllersohn die Flucht aus dem bürgerlichen Arbeitsleben und der Eintritt in die Welt des Adels gelungen.
Stil↑
Eichendorff wählt eine offene, lockere Form. Er reichert den Erzähltext mit zahlreichen Liedern und Gedichten an. Der Übergang von Prosa zu Vers ist fließend. Wo der Taugenichts singt, geigt oder lauscht, schiebt sich ein lyrisches Stück in die Erzählung – am bekanntesten Der frohe Wandersmann mit der Zeile „Wem Gott will rechte Gunst erweisen".
Die Sprache ist leicht, klangvoll und von einer fast schwerelosen Heiterkeit. Eichendorff verzichtet auf eine genaue Beschreibung des Helden. Lediglich dessen meist unpassende Kleidung wird gelegentlich erwähnt. Die Natur ist im Text mehr als Kulisse. Sie spiegelt die seelische Verfassung des Taugenichts und wird umgekehrt von dessen Stimmung gefärbt.
Auffällig ist der spielerisch-ironische Ton. In Goethes Italienischer Reise wird ein bewusstes Schauen und Sich-Bilden geschildert. Eichendorff dagegen setzt seinen Helden in eine programmatische Schlaftrunkenheit. Der Taugenichts wird vom Leben mitgenommen wie von einer Kutsche. Er verschläft Wesentliches und gerät doch ans Ziel. Realität und Poesie werden beide entschärft: die eine wohlwollend karikiert oder ins Idyllische verklärt, die andere reduziert auf die naive Unbewusstheit eines Märchenhelden.
Rezeption↑
Das Werk gilt als Höhepunkt der deutschen Spätromantik. Es gehört bis heute zu den meistgelesenen Texten dieser Strömung. Die eingelegten Lieder, allen voran Der frohe Wandersmann, lösten sich vom Buch und gingen in den Liederschatz über.
Die Novelle wurde immer wieder für andere Medien bearbeitet. Mehrfach entstanden Hörspielfassungen – unter anderem 1957 unter der Regie von Gert Westphal sowie weitere Produktionen 1972, 1977 und 1988. Auch das Kino griff den Stoff auf, etwa in der Verfilmung von Celino Bleiweiß aus dem Jahr 1973 und in Bernhard Sinkels Taugenichts von 1978. Eine Variation des Motivs erschien 1983 als Hörspiel unter dem Titel Aus dem Leben zweier Taugenichtse in einer Regie von Günter Bormann.
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