Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Werkseintrag · D’Alemberts Traum
Eingang · Werke · D’Alemberts Traum
Cover D’Alemberts Traum
D’Alemberts Traum
1830
– Werkseintrag –

D’Alemberts Traum

1830 · Prosa

Ein Mathematiker spricht im Schlaf, eine besorgte Frau schreibt mit, ein Arzt deutet – und aus diesem nächtlichen Krankenzimmer entwirft Diderot eine ganze Welt ohne Schöpfer.

Überblick

Denis Diderots philosophischer Dialog D'Alemberts Traum gehört zu den späten Hauptwerken des großen französischen Aufklärers. Diderot schrieb ihn im Sommer 1769 in wenigen Wochen nieder. Der Text wagt sich an die kühnsten Fragen seiner Zeit: Wie entsteht aus toter Materie lebendiges Empfinden? Gibt es einen Schöpfer, oder erklärt sich die Welt aus sich selbst? Weil solche Gedanken brisant waren, blieb das Werk zu Lebzeiten ungedruckt. Vollständig erschien es erst 1830, lange nach dem Tod des Autors. Es zählt zu den seltenen Schriften des 18. Jahrhunderts, die naturwissenschaftliches Denken in die Form eines Gesprächs kleiden. Zugleich gilt es als ein Schlüsseltext des aufgeklärten Materialismus.

Inhalt (ohne Spoiler)

Eingebettet ist D'Alemberts Traum in eine dreiteilige Gesprächsfolge. Im ersten Teil sitzen der Mathematiker Jean d'Alembert und Diderot selbst beieinander. Sie streiten über eine ungeheuerliche Frage: Wie kann aus einem Stück Marmor, aus toter, unbelebter Materie, irgendwann Fleisch werden, ein fühlendes Lebewesen? Diderot entwickelt die Idee, dass aller Stoff der Welt eine Art Empfindungsvermögen in sich trägt. Zwischen dem Stein und dem Menschen liegt kein Abgrund, sondern ein langer Übergang. D'Alembert hört zu, widerspricht und geht schließlich erschöpft zu Bett.

Im Mittelstück, dem eigentlichen „Traum", liegt d'Alembert im Schlaf und spricht laut vor sich hin. Seine Lebensgefährtin Julie de Lespinasse, beunruhigt über das Gemurmel, hat den Arzt Théophile de Bordeu gerufen. Sie hat die wunderlichen Sätze mitgeschrieben. Nun versuchen die beiden gemeinsam herauszufinden, was der Schlafende da eigentlich gedacht hat. Der Arzt deutet, erweitert und untermauert mit Beispielen aus der Naturkunde. Dazwischen redet d'Alembert weiter, erwacht manchmal kurz und mischt sich ein. Ein Gespräch über die Grundlagen alles Lebendigen entfaltet sich an einem Krankenbett, halb wissenschaftlich, halb traumverloren.

Der dritte Teil setzt den Dialog am selben Tag fort, nun ganz zwischen Julie und dem Arzt. Was zuvor Naturphilosophie war, weitet sich auf das Zusammenleben der Menschen aus: auf Sitte, Moral und die Frage, was aus einer Lehre folgt, die keinen Schöpfer mehr kennt.

Die Handlung im Detail

Im ersten Teil, dem Gespräch zwischen d'Alembert und Diderot, eröffnet Diderot die zentrale Frage: Wie geht der Marmor ins Fleisch über, das Anorganische ins Organische? Er beginnt mit einer Klärung des Begriffs der Bewegung. Bewegung sei nicht bloß das Verschieben eines Körpers von einem Ort zum anderen, sondern eine Eigenschaft, die der Materie selbst innewohnt. Er greift dafür auf eine Unterscheidung aus der Physik seiner Zeit zurück: zwischen der „lebendigen Kraft" und der „toten Kraft" – Begriffe, die ungefähr dem entsprechen, was später als kinetische und potentielle Energie unterschieden wurde. Analog dazu setzt er eine ruhende und eine tätige Form von Empfindungsvermögen an.

Anschließend bestreitet Diderot, dass das Leben aus vorgeformten Keimen entspringe. Er wird sehr persönlich und führt die Entstehung d'Alemberts selbst als Beispiel an: dessen Mutter, dessen Vater, die Befruchtung, die Einnistung, die Entwicklung des Fötus, schließlich Geburt und Ausbildung zum Mathematiker. Er fragt weiter, welche Rolle die Sonne für das Hervorbringen der Organismen spiele, und überlegt, ob bei einem Erlöschen der Sonnenstrahlung und späterem Wiedereinsetzen die Lebewesen noch einmal so entstünden, wie sie es einmal taten. So entwirft er das Bild eines Universums, das sich aus sich selbst erklärt, ohne Schöpfer. D'Alembert verteidigt eine vorsichtigere, skeptische Haltung. Diderot wirft ihm vor, ein bequemes Gleichgewicht zwischen den Meinungen sei unmöglich – am Ende neige man immer einer Seite zu. Erschöpft verabschiedet sich d'Alembert und geht zu Bett.

Der zweite Teil, der eigentliche Traum, beginnt damit, dass d'Alembert von den Gesprächen aufgewühlt nicht ruhig schlafen kann. Er redet laut im Schlaf. Seine Lebensgefährtin Julie de Lespinasse ist besorgt und hat den Arzt Théophile de Bordeu gerufen. Sie hat die seltsamen Sätze niedergeschrieben, ohne ihren Sinn zu verstehen, und legt sie nun dem Arzt vor. Gemeinsam versuchen die beiden, die Worte zu deuten. Bordeu erkennt darin die Fortsetzung von Diderots Gedanken, ergänzt sie um Beobachtungen aus der Medizin und Naturlehre und treibt sie weiter. D'Alembert mischt sich immer wieder ein, mal indem er im Traum weiterredet, mal indem er kurz aufschreckt und die Anwesenden anspricht.

Im Lauf dieses Gesprächs entfaltet sich Diderots Weltbild. Die Materie ist bewegt, doch nicht von außen angestoßen, sondern aus sich selbst heraus. In ihr liegt die Möglichkeit zur Entwicklung, zur Bildung immer eigenständigerer Gestalten. Voraussetzung dafür ist, dass man ihr ein Empfindungsvermögen zuspricht – ruhend in der unbelebten, tätig in der belebten Welt. Das Ganze setzt sich aus winzigen Bausteinen zusammen, die Diderot „Moleküle", manchmal auch „Atome" nennt. Sie verbinden sich in unendlicher Vielfalt zu Körpern, zu Organismen, zu Bewusstsein. Als Bild dient der Bienenstock: viele einzelne, fühlende Wesen fügen sich zu einem übergeordneten Ganzen – eine Vorstellung, die schon Maupertuis verwendet hatte.

So wird der Übergang vom Stein zur Pflanze, vom Tier zum Menschen zu einem stufenlosen Kontinuum. Es gibt keine Sprünge, keinen göttlichen Eingriff. Aus dem Zusammenspiel der empfindenden Teilchen gehen neue Eigenschaften hervor, die in den einzelnen Bausteinen noch nicht angelegt waren. Die Form, in der die Dinge auftreten, ist nie endgültig; alles wandelt sich beständig. Der Schöpfergott wird in diesem Bild überflüssig – eine paradoxe Annahme, sagt Diderot durch den Mund seiner Figuren, sobald man die Materie selbst als empfindend und bildend begreife. Am nächsten Morgen muss Bordeu zu einem anderen Patienten, das Gespräch bricht ab.

Im dritten Teil kehrt der Arzt gegen zwei Uhr zu Julie de Lespinasse zurück, während d'Alembert ausgegangen ist, um auswärts zu essen. Die beiden beenden ihre Mahlzeit und setzen den Dialog fort, nun ohne den schlafenden Mathematiker. Diderot verschwindet als Figur ebenfalls ganz. Allein der Arzt führt das Wort und entwickelt die ethischen Folgen der zuvor entworfenen Naturphilosophie. Für Diderot ist eine Wissenschaft vom Menschen ohne die Medizin – er denkt sie nahezu gleich mit dem, was später Biologie heißen wird – nicht möglich; auf den Erkenntnissen der körperlichen Erfahrung soll auch das Nachdenken über Sitte und Moral gegründet werden. Der Arzt wird so zur kritischen Instanz in moralischen Fragen, und die Trilogie endet als Ausblick auf eine Lebensführung, die sich nicht mehr aus überlieferter Religion, sondern aus dem Studium der Natur ableiten will.

Stil

Ungewöhnlich für ein naturwissenschaftlich-philosophisches Werk des 18. Jahrhunderts ist die gewählte Form: der Dialog. Diderot teilt seine Gedanken nicht in einer geschlossenen Abhandlung mit, sondern lässt sie zwischen Figuren entstehen, in Rede und Gegenrede, in Einwand und Zustimmung. Der Mittelteil setzt diesem Verfahren die Krone auf, indem er die Aussagen in den Mund eines Träumenden legt. Das ist mehr als ein literarischer Einfall: Was im Schlaf gesprochen wird, kann als vorläufig, als hypothetisch, als unbewiesen ausgegeben werden. Diderot schafft sich damit einen Spielraum. In ihm kann er die kühnsten Folgerungen seines Materialismus aussprechen, ohne sie als endgültige Behauptungen unterschreiben zu müssen.

Die Sprache wechselt zwischen wissenschaftlichem Argument, anschaulicher Metapher und persönlicher Anspielung. Der Bienenstock veranschaulicht den Zusammenschluss vieler einzelner Bausteine zu einem höheren Ganzen. Die Geschichte von d'Alemberts eigener Zeugung und Geburt zieht die abstrakte These vom Werden des Lebens ins ganz Konkrete. Die drei Teile ergeben dabei eine Bewegung vom Streitgespräch über den entgrenzten Traum zur ruhigen Auswertung. In diesem Aufbau spiegelt die Form selbst etwas von der Sache: das ständige Übergehen, das Diderots Materie kennzeichnet.

Rezeption

Vor dem Druck hatte D'Alemberts Traum ein langes verborgenes Leben. Diderot hielt das Werk zu Lebzeiten weitgehend zurück. Eine anonyme Teilveröffentlichung in der Correspondance littéraire, philosophique et critique im Jahr 1782, also kurz vor seinem Tod, gab erste Auszüge an einen kleinen Leserkreis weiter. Erst 1830, mehr als vier Jahrzehnte nach seinem Tod, erschien der Text vollständig. Seither gilt er als eines der mutigsten Zeugnisse aufgeklärten Denkens: ein Versuch, das Universum allein aus den Eigenschaften der Materie zu erklären und den Schöpfer aus dieser Erklärung herauszuhalten. Mit Paul Henri Thiry d'Holbachs ein Jahr später entstandenem Système de la Nature teilt das Werk wesentliche Linien des Aufbaus und der Grundhaltung. Beide Schriften stehen für jenen radikalen Flügel der französischen Aufklärung, der die Naturphilosophie konsequent in eine neue Sicht des Menschen überführen wollte. In der Wissenschaftsgeschichte wird Diderots Idee einer empfindenden, sich selbst entwickelnden Materie heute als bemerkenswerte Vorwegnahme moderner Vorstellungen vom Entstehen komplexer Ordnung aus einfachen Bausteinen gelesen.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten