1903 – 1951
Sadegh Hedayat
Kurzbiografie↑
Der iranische Schriftsteller Sadegh Hedayat wurde 1903 in Teheran geboren und starb 1951 in Paris. Er stammte aus einer angesehenen aristokratischen Familie, studierte in Belgien und Frankreich und kehrte ohne Abschluss in den Iran zurück. Bekannt wurde er vor allem durch den Kurzroman Die blinde Eule, den er 1936/37 schrieb und der zu den wichtigsten Werken der modernen persischen Literatur zählt. Daneben verfasste er Erzählungen, Dramen und einen Reisebericht und übersetzte europäische Autoren ins Persische. Sein Leben endete durch Selbsttötung in Paris.
Biografie↑
Geboren wurde Sadegh Hedayat am 17. Februar 1903 in Teheran. Seine Familie gehörte zur angesehenen iranischen Aristokratie. Sein Urgroßvater Mirza Reza Qoli Khan Hedayat (1800–1871) war im Iran des 19. Jahrhunderts als Historiograph, Dichter und Prinzenerzieher bekannt.
Ab 1914 besuchte Hedayat das Teheraner Gymnasium „Dar-ol Fonun“. Schon nach einem Jahr musste er die Schule wegen einer Augenkrankheit wieder verlassen. Danach ging er auf die französische Missionsschule St. Louis in Teheran. Dort lernte er die französische Sprache und Literatur kennen, was für seinen weiteren Weg bestimmend blieb.
Im Jahr 1925 reiste er mit einer Gruppe von Studenten zu einem Studienaufenthalt nach Belgien. Zufrieden war er dort nicht: Er klagte immer wieder über das Wetter und über Schwierigkeiten im Studium. Später zog er nach Frankreich, wo er sich von 1926 bis 1930 aufhielt. Auch hier fand er keinen festen Halt und wechselte in kurzer Zeit mehrfach das Studienfach und den Studienort. Depressiv und von Selbstzweifeln geplagt, unternahm er 1929 einen Selbstmordversuch im Fluss Marne. Passanten, die in einem Boot unterwegs waren, retteten ihn.
Ohne Abschluss kehrte Hedayat in den Iran zurück. Noch im selben Jahr trat er eine Stelle als Angestellter bei der iranischen Volks-Bank an. In dieser Zeit gründete er gemeinsam mit Bozorg Alavi, Masud Farzad und Modschtaba Minavi die Gruppe Rab'eh, zu Deutsch „Vierer“. Es war ein kleiner Kreis von Schriftstellern, Malern und Schauspielern, die eine Erneuerung der persischen Kunst anstrebten.
Neben dem eigenen Schreiben arbeitete Hedayat viel als Übersetzer. Er übertrug Werke von Guy de Maupassant, Anton Tschechow, Rainer Maria Rilke, Edgar Allan Poe, Arthur Schnitzler, Jean-Paul Sartre und Franz Kafka ins Persische, dazu Schriften des Musikwissenschaftlers Gaston Sarreau. Außerdem übersetzte er aus dem Mittelpersischen ins Neupersische.
Sein erzählerisches Werk setzte um 1930 ein. In diesem Jahr erschienen die Sammlungen Die Legende von der Schöpfung und Lebendig begraben, ein Jahr später Mongolenschatten. Es folgten 1932 die Erzählungen Drei Tropfen Blut und 1933 Zwielicht. In den Jahren 1933/34 entstand die Satire Karawane Islam – Die islamische Mission in Europa. Daneben schrieb Hedayat zwei historische Dramen, ein Theaterstück und einen Reisebericht sowie zahlreiche kürzere Arbeiten über Literatur, Sprache und Musik, darunter 1940 einen Text über Tschaikowski.
In den Jahren 1936/37 entstand sein bekanntestes Buch, der Kurzroman Die blinde Eule. Weitere Erzählwerke folgten in den vierziger Jahren: 1942 Der wandernde Hund, 1944 Geschwätzig, 1945 Hadschi Aqa und 1947 Perlenkanone. Im Jahr 1948 veröffentlichte er den Aufsatz Die Botschaft Kafkas.
In Paris nahm sich Hedayat im April 1951 das Leben. Über den genauen Tag gibt es unterschiedliche Angaben: Wikidata und die Deutsche Nationalbibliothek nennen den 4. April, andere Darstellungen den 8. oder 9. April. Begraben wurde er auf dem Pariser Friedhof Père-Lachaise; sein Grab ist dort allerdings nicht ausgeschildert.
Literarische Merkmale↑
Kennzeichnend für Hedayats Erzählen ist eine düstere, bedrückende Grundstimmung. Die blinde Eule beginnt mit dem Satz: „Es gibt im Leben Wunden, die wie die Lepra, langsam, in der Einsamkeit an der Seele zehren.“ Das Buch berichtet von eigenartigen Gefühlssituationen und von Menschen, die noch viel eigenartiger sind. Beim Lesen entsteht daraus eine Art Beklommenheit, das Gefühl, in Abgründe zu blicken.
Hedayat schrieb in ganz verschiedenen Formen: Kurzgeschichten und Kurzromane, historische Dramen, ein Theaterstück, einen Reisebericht und essayistische Betrachtungen. Seine jahrelange Übersetzungsarbeit an europäischen Autoren wie Poe, Tschechow, Rilke, Schnitzler und Kafka verband die persische Prosa mit der europäischen Moderne. Auch die Satire gehörte zu seinen Mitteln, etwa in Karawane Islam.
Rezeption↑
Als Hauptwerk Hedayats gilt der Kurzroman Die blinde Eule. Er wird zu den wichtigsten Werken der modernen persischen Literatur gezählt.
Eberhard Krüger legte 1977 eine Münchner Dissertation über das Verhältnis von Autor und Werk bei Hedayat vor. Fakhrezzaman Schirazi-Mahmoudian untersuchte 1999 die persischen Fachbegriffe und Redewendungen in seinem Werk. Im englischsprachigen Raum behandelte Hassan Kamshad ihn 1966 in einer Darstellung der modernen persischen Prosa; 1979 gab Ehsan Yarshater in New York eine Hedayat-Anthologie heraus. Navid Kermani widmete ihm 2014 in seinem Band Zwischen Koran und Kafka das Kapitel „Der Auftrag der Literatur: Hedayat und Kafka“.
Einzelne Texte erschienen auf Deutsch in Zeitschriften, so 1981 die Erzählung Vor dem Teehaus aus dem Band Drei Tropfen Blut in der Übersetzung von Touradj Rahnema und Werner Bönzli.
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