1939
Pale Horse, Pale Rider
Überblick↑
Der Band Pale Horse, Pale Rider der amerikanischen Schriftstellerin Katherine Anne Porter (1890–1980) erschien 1939. Er versammelt drei Kurzromane: Old Mortality, Noon Wine und Pale Horse, Pale Rider. Diese drei Texte sind deutlich länger als Porters übrige Erzählungen. Sie gelten zugleich als künstlerischer Höhepunkt ihres literarischen Schaffens.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Drei Geschichten aus dem amerikanischen Süden stehen in diesem Band nebeneinander. Die erste, Old Mortality, spannt sich über die Jahre zwischen 1885 und 1912. Zwei Schwestern, Miranda und Maria, wachsen mit den Erzählungen ihrer Verwandten über eine früh verstorbene Tante auf. Diese Tante Amy wird für die Mädchen zur Heldin: eine Frau, die sich den Regeln ihrer Zeit widersetzte und einen rätselhaften frühen Tod fand. Was geschieht, wenn die Kinder älter werden und dem wirklichen Leben hinter der Familienlegende begegnen, davon handelt die Geschichte.
Die zweite Erzählung, Noon Wine, spielt um 1900 auf einer kleinen Farm in Texas. Dort taucht ein schweigsamer Schwede namens Helton auf und sucht Arbeit. Mr. Thompson stellt ihn ein. Der Fremde arbeitet vorzüglich und bringt die bislang kümmerliche Farm zu bescheidenem Wohlstand. Neun Jahre lang geht das gut. Dann steht eines Tages ein unangenehmer Besucher auf dem Hof und stellt Fragen über den Knecht.
Die dritte Geschichte, die dem Band den Namen gibt, führt in das Jahr 1918. Miranda, inzwischen erwachsen und Journalistin, erkrankt an der grassierenden Grippe und liegt schwer krank im Krankenhaus. Sie liebt Adam, einen jungen Soldaten, der auf seinen Einberufungsbefehl nach Europa wartet. Im Fieber vermischen sich ihre Kindheitserinnerungen mit dem Berufsalltag und mit dieser Liebe.
Die Handlung im Detail↑
Die erste Erzählung des Bandes, Old Mortality (deutsch Vergänglichkeit oder Die Leiden unsrer Sterblichkeit), ist in drei Teile gegliedert. Im ersten sind Miranda und Maria noch Kinder. Aus den Erzählungen der Verwandtschaft setzen sie sich ein Bild von Tante Amy zusammen. Amy wird ihnen zur Heldin romantischer Träume: eine junge Frau, die sich den Konventionen widersetzte und früh und geheimnisvoll starb.
Im zweiten Teil sind die Schwestern vierzehn und zehn Jahre alt und leben in einem Kloster in New Orleans. Der Vater besucht sie und nimmt sie zum Pferderennen mit. Dort begegnen sie zufällig Onkel Gabriel. Er hatte Amy einst unsterblich geliebt und schließlich auch geheiratet. Doch der Mann, den die Mädchen vor sich sehen, hat mit einem romantischen Helden nichts gemein: ein dicker, unglücklicher Trinker. Sie besuchen seine zweite Frau, die den Verwandten feindselig und unnahbar begegnet. Gabriel träumt noch immer von Amy, während er sich mit Pferderennen kärglich durchschlägt.
Im dritten Teil ist Miranda achtzehn Jahre alt. Sie fährt mit der Eisenbahn zum Begräbnis von Onkel Gabriel, der zu Hause neben Amy bestattet werden soll. Im Zug trifft sie Tante Eva, eine Lehrerin, die für das Frauenstimmrecht kämpft. Von ihr hört Miranda eine ganz andere Version: Amy sei ein egozentrisches, oberflächliches und verwöhntes Mädchen gewesen. Am Ende will Miranda von den alten Familiengeschichten nichts mehr hören. Sie legt sich stumm ein Gelöbnis ab: „Ich kann wenigstens über die Dinge die Wahrheit wissen, die ich erlebe.“ Die Erzählerin fügt hinzu, dies geschehe in ihrer Hoffnungsfreudigkeit, in ihrer Torheit.
Noon Wine (deutsch Das dunkle Lied) spielt auf einer kleinen Farm in Texas um 1900. Mr. Thompson stellt den arbeitsuchenden Fremden ein. Mr. Helton, ein Schwede, spricht kaum und erzählt nichts von sich. Er arbeitet vortrefflich und wird für das Besitzerpaar unentbehrlich, das es wegen einer gewissen Schwäche und der Kränklichkeit der Frau bisher nicht weit gebracht hatte. Nach neun Jahren kommt ein unsympathischer Mann auf die Farm. Nach einigem Hin- und Hergerede stellt sich heraus: Er ist ein Kopfgeldjäger und Helton auf die Spur gekommen. Helton habe seinen Bruder ermordet, sei in einem Irrenhaus gewesen und von dort ausgebrochen.
In Thompson wehrt sich alles gegen diese Eröffnung. Er kennt Helton nur als arbeitsamen, untadeligen Menschen, der niemandem etwas zuleide tut. Der Kopfgeldjäger bedroht in Thompsons Augen nicht nur Heltons Leben, sondern auch seine eigene Existenz, denn der Knecht ist ihm unentbehrlich geworden. Im Affekt erschlägt Thompson den Mann, weil er glaubt, dieser wolle Helton mit dem Messer angreifen. Das Gericht spricht ihn frei. Doch er selbst hält sich für schuldig, und auch seine Frau tut es. Hätte er den Streit nicht anders lösen können, ohne einen Mann zu töten? Rastlos fährt Thompson mit seiner Frau zu allen Nachbarn und erklärt dort ungefragt seine Geschichte. Er will sich rechtfertigen. Als er einsieht, dass das vergeblich ist, nimmt er sich das Leben.
Die dritte Erzählung, Pale Horse, Pale Rider (deutsch Fahles Pferd und fahler Reiter), führt ins Jahr 1918, ans Ende des Ersten Weltkriegs. Miranda hat sich bei der grassierenden Grippeepidemie angesteckt und liegt schwer krank im Krankenhaus. In ihren kunstvoll geschilderten und ineinander verflochtenen Fieberphantasien vermengen sich Ereignisse aus der Kindheit mit ihrem Berufsleben als Journalistin und mit der Liebe zu Adam, einem jungen Soldaten, der auf den Einberufungsbefehl nach Europa wartet. Als sie wieder zum Leben erwacht, erfährt sie, dass Adam sich bei ihr angesteckt hat und gestorben ist. Sie erkennt, dass sie dem Leben nicht entfliehen kann, und beginnt langsam, sich wieder mit den Dingen des Alltags zu befassen.
Stil↑
Die drei Texte stehen in Umfang und Bauart zwischen Erzählung und Roman. Sie lassen sich als Kurzromane oder ebenso gut als Novellen lesen. Jede der Geschichten ist deutlich länger angelegt als ihre übrigen Erzählungen, und diese Länge nutzt sie für lange Zeiträume und mehrere Lebensalter. In Old Mortality etwa ist die Handlung in drei Teile gegliedert, die Jahrzehnte auseinanderliegen; dieselbe Figur erscheint darin als Kind, als Halbwüchsige und als junge Frau.
Auffällig ist, wie Porter im Titeltext den Bewusstseinsstrom einer Fiebernden gestaltet. Kindheitsbilder, Berufsalltag und Liebesempfinden werden dort kunstvoll ineinander verflochten, sodass die Grenze zwischen Erinnerung, Traum und Gegenwart verschwimmt. Wiederkehrend ist auch Porters Verfahren, eine Wahrheit erst zu errichten und dann von einer anderen Figur widerlegen zu lassen: Was die eine Verwandte berichtet, klingt bei der nächsten ganz anders.
Rezeption↑
Die drei Kurzromane des Bandes gelten als künstlerischer Höhepunkt in Katherine Anne Porters Werk. Sie stehen für ihren Ruf als Erzählerin, die in kleiner Form große Lebensspannen fasst. Die Texte wurden ins Deutsche übertragen und erschienen unter den Titeln Vergänglichkeit beziehungsweise Die Leiden unsrer Sterblichkeit, Das dunkle Lied und Fahles Pferd und fahler Reiter.
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