1916
Pallieter
Überblick↑
Der Roman Pallieter des flämischen Schriftstellers und Dichters Felix Timmermans erschien 1916. Sein Titel geht auf die Hauptfigur zurück, einen Lebemann, der ganz nach dem Grundsatz „Nutze den Tag“ lebt. Erzählt wird von diesem lebenslustigen Pallieter, der mit seiner Haushälterin Charlot im flämischen Städtchen Lier wohnt und Tag für Tag sorglos die Landschaft des Nete-Tals genießt. Sowohl in Flandern als auch in den Niederlanden wurde das Buch außerordentlich beliebt. Dass es gerade mitten im Krieg erschien, trug wohl zu diesem Erfolg bei: In einer solchen Zeit wurde ein Roman voller Lebensfreude mit offenen Armen aufgenommen. Bis heute gilt Pallieter in den Niederlanden wie in Flandern als ein sehr einflussreiches Buch.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht der junge Lebensgenießer Pallieter, der mit seiner Haushälterin Charlot auf einem Hof im Nete-Tal bei Lier lebt. Er hat keine Familie, geht nicht zur Kirche und schert sich nicht um die Regeln der Gesellschaft. Sein Zuhause ist die freie Natur: Er braucht nicht zu arbeiten, denn das Land stillt alle seine Bedürfnisse, und so genießt er nach Herzenslust alles Schöne, das ihm die Natur und das Leben bieten.
Anlass der Handlung ist die jährliche Kirmes, zu der Pallieter die Verwandtschaft seiner Haushälterin zu einem großen Fest einlädt. Bei diesem ausgelassenen Gelage begegnet er Marieke, dem Patenkind Charlots. Zwischen den beiden entsteht rasch eine Zuneigung. Der Roman folgt keinem spannungsreichen Handlungsfaden, sondern dem Lauf der Jahreszeiten und den Festen des Kirchenjahres. Zwischen ausgelassenem Feiern, Singen, Essen und Trinken stehen immer wieder ruhige, stille Augenblicke, die Pallieter meist am Abend oder in der Nacht findet.
Die Handlung im Detail↑
Der Roman erzählt rund dreizehn bis vierzehn Monate aus dem Leben Pallieters in zeitlicher Abfolge und ist in achtundzwanzig Kapitel gegliedert. Gerüst der Erzählung ist der Kreislauf der Jahreszeiten: Sie beginnt und endet im Frühling und führt über Sommer, Herbst und Winter wieder dorthin zurück. Pallieter wohnt gemeinsam mit seiner Haushälterin Charlot auf einem Hof im Nete-Tal bei Lier. Bei ihm im Haus leben zahlreiche Tiere, darunter die Stute, der Ziegenbock, der Hund, die Katze und ein Storch. Sein Freund Fransoo, ein Landschaftsmaler, wohnt in der Mühle seines Vaters. Auch mit dem Pfarrer versteht sich Pallieter gut, und die beiden trinken hin und wieder zusammen.
Zur jährlichen Kirmes lädt Pallieter Charlots Verwandtschaft zu einem großen Fest. Bei diesem ausgelassenen Essen lernt er Marieke kennen, das Patenkind Charlots, die mit deren Familie zur Kirmes gekommen ist. Pallieter verliebt sich in sie, und schon bald verloben sich die beiden. Am 21. September heiraten Pallieter und Marieke. Ihre Hochzeitsnacht verbringen sie auf einem Boot auf der Nete.
Nach der Hochzeit erfährt Pallieter, dass die Nete begradigt werden soll. Diese Ankündigung der einbrechenden Modernisierung stört den paradiesischen Frieden seines Lebens. Pallieter beschließt daraufhin, nicht länger in Lier zu bleiben. Neun Monate später bringt Marieke Drillinge zur Welt, zwei Jungen und ein Mädchen. Gemeinsam mit der Haushälterin Charlot, die sich entschließt, die beiden zu begleiten, zieht die junge Familie hinaus in die weite Welt und erfüllt so Pallieters Wunsch nach Aufbruch.
Stil↑
Kennzeichnend für den Roman ist eine überschwängliche Feier der Natur. Der Mensch ist bei Timmermans ein untrennbarer Teil von ihr, und Pallieter überträgt seine Gefühle und menschlichen Züge auf die ganze Umgebung, sodass selbst das Leblose lebendig wird. Das geschieht vor allem durch Personifikationen: Da „wandert“ der Duft der Gewürznelken über den Tisch, und das Rot der Sonne „jubelt“ in die Wolken. Pallieter fühlt sich mit der ihn umgebenden Natur eng verbunden; sie ist ihm Wohnstube, Salon und Zuhause zugleich – die Luft sein Zimmerdach, die Sonne seine Uhr, das Gras sein Teppich, der Regen sein Vorhang. Von dieser Verbundenheit her lebt er auch seinen Glauben: Gott sucht er nicht in der Kirche oder in Prozessionen, sondern in der freien Natur, wo ihm mystische Erfahrungen zuteilwerden.
Erzählt wird in der Vergangenheitsform durch eine mehr oder weniger allwissende Erzählinstanz. Der Leser erlebt alles durch die Augen Pallieters und nimmt so wahr, was auch dieser sieht und fühlt. Neben den Momenten von Ungestüm, Fest, lauthalsem Singen und ausgiebigem Essen und Trinken stehen Augenblicke der Ruhe, der Verinnerlichung und der Stille. Diese ruhigen Passagen unterbrechen den reißenden Strom der Lebensfreude und verlangsamen das Erzähltempo. Die Schauplätze sind dabei nicht getreu abgebildet, sondern ins Mythische überhöht: Timmermans mythologisiert das Nete-Land um Lier zu einem sorglosen, leidlosen Raum, einem neuen Garten Eden. Alle Illustrationen des Buches stammen von Timmermans selbst; seine Zeichnungen erinnern an Volkserzählungen und flämische Feste. Bezeichnenderweise hat er darin nie eine Gestalt gezeichnet, die Pallieter darstellen sollte, als habe er die Idee dieser Figur nicht in einen leiblichen Körper kleiden wollen.
Rezeption↑
Sowohl in Flandern als auch in den Niederlanden wurde das Buch gewaltig populär. Dass es mitten in der Kriegszeit erschien, trug zu diesem Erfolg bei: Ein Roman voller Lebensfreude und Genuss traf den Nerv der Zeit. Im Lauf der 1920er Jahre begann Timmermans' Ansehen in den feineren literarischen Kreisen jedoch nachzulassen. Im Jahr 1920 wurde Pallieter von der katholischen Kirche verboten, weil Timmermans darin über den katholischen Glauben gespottet haben soll.
Die Literaturkritik sieht den Roman vor allem als Idealisierung des vormodernen, ländlichen Flandern, die dem Leser eine Flucht aus der Wirklichkeit bietet. Weil das Buch als Verherrlichung des eigenen Bodens gedeutet wurde, galt es als „flämisches Symbol“, und seine Titelfigur wurde zu einer Art „Ur-Flame“ erklärt. In der Folge wurde der Roman während des Zweiten Weltkriegs von flämisch-nationalistischen Bewegungen vereinnahmt. Dazu trugen wohl auch Timmermans' eigene politische Ansichten bei: Er bewegte sich schon vor dem Ersten Weltkrieg in flämisch gesinnten, anti-belgischen Kreisen und setzte sich während dieses Krieges für ein unabhängiges Flandern ein. Die antisemitischen und rassistischen Auffassungen der Deutschen teilte er allerdings nicht. Heute wird Pallieter vor allem als brave Heimatliteratur eingeordnet, in der die Verherrlichung der eigenen Scholle im Mittelpunkt steht, und in diesem Zusammenhang oft mit dem flämischen Nationalismus in Verbindung gebracht.
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