1926
Pu der Bär
Überblick↑
Das Kinderbuch Pu der Bär von A. A. Milne erschien am 14. Oktober 1926. Die Erstausgabe wurde von Ernest Shepard illustriert, dessen Zeichnungen bis heute untrennbar mit den Figuren verbunden sind. Es ist die erste von zwei Geschichten um den Plüschbären Pu und seine Freunde; die Fortsetzung Das Haus an der Pu-Ecke folgte 1928. Vorausgegangen war 1924 der Gedichtband Als wir noch sehr klein waren, in dem ein Teddybär bereits eine Rolle spielte. Das Buch wurde ein großer Verkaufserfolg und ist bis heute eines der bekanntesten Werke seines Autors geblieben, der zuvor vor allem als Bühnenautor bekannt war. Auf der Grundlage der Geschichten entstanden zahlreiche Spiel- und Zeichentrickfilme, Serien und Videospiele.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Schauplatz ist ein abgeschlossener, friedlicher Wald, in dem eine Reihe von Stofftieren lebt. Im Mittelpunkt steht der Bär Pu, ein gutmütiger Kerl mit wenig Verstand, aber großer Vorliebe für Honig. Um ihn versammeln sich das ängstliche Ferkel, der schwermütige Esel I-Aah, das geschäftige Kaninchen, die kluge Eule sowie das Känguru Kanga mit seinem Kind Klein Ruh. Über allen steht der Junge Christopher Robin, dem die Tiere gehören und der als eine Art freundlicher Beschützer eingreift, wenn es nötig wird.
Das Werk ist weniger eine durchgehende Erzählung als eine Sammlung von Geschichten. Die einzelnen Kapitel lassen sich weitgehend für sich lesen; jeder Kapiteltitel kündigt bereits an, worum es gehen wird. Erzählt werden kleine Alltagsabenteuer: Pu jagt dem Honig wilder Bienen nach, die Freunde gehen auf die Jagd nach einem geheimnisvollen Wesen, ein verlorener Schwanz muss wiedergefunden werden, und ein Geburtstag will gefeiert werden. Der Ton ist heiter, verspielt und liebevoll, und die Schwierigkeiten der Figuren lösen sich stets glimpflich.
Die Handlung im Detail↑
In der Originalfassung besteht das Werk aus zehn Kapiteln. Im ersten wird der Leser mit Pu und einigen Bienen bekannt gemacht: Der Bär will an den Honig eines hohen Baumes gelangen und versucht, sich mit Hilfe eines Luftballons als Wolke getarnt zu den Bienen emporzuheben. Im zweiten Kapitel macht Pu einen Besuch und gerät dabei in eine missliche Lage, weil er sich beim vielen Essen so vollgestopft hat, dass er im Ausgang eines Baus stecken bleibt.
Das dritte Kapitel schildert, wie Pu und Ferkel auf die Jagd gehen und beinahe einen Woozle fangen – ein Wesen, dessen Spuren sie im Schnee verfolgen, bis sich der Schrecken aufklärt. Im vierten Kapitel verliert der Esel I-Aah seinen Schwanz, und Pu findet ihn wieder. Im fünften begegnet Ferkel einem Heffalump, einem eingebildeten Ungeheuer. Das sechste Kapitel erzählt von I-Aahs Geburtstag, an dem er zwei Geschenke erhält.
Im siebten Kapitel kommen Kanga und das kleine Ruh in den Wald, und Ferkel muss ein Bad über sich ergehen lassen. Das achte Kapitel schildert, wie Christopher Robin eine „Ausdedition“ zum Nordpol anführt. Die eng miteinander verbundenen Kapitel neun und zehn bilden eine Ausnahme von der sonst lockeren Reihung: Ferkel ist von Wasser vollständig eingeschlossen, als der Wald überflutet wird, und die Freunde müssen zu seiner Rettung zusammenhalten. Zum Schluss richtet Christopher Robin für Pu ein Fest aus, und das Buch verabschiedet den Jungen und den Bären an einem verzauberten Ort.
Einige Kapitel gehen auf ältere Erzählungen zurück, die Milne zuvor in Zeitschriften veröffentlicht hatte. Das erste Kapitel etwa ist eine Bearbeitung einer im Dezember 1925 erschienenen Geschichte. In der berühmten Nacherzählung von Boris Sachoder für den russischsprachigen Raum wuchs die Zahl der Kapitel von zehn auf achtzehn an, weil er beide Pu-Bücher unter einem gemeinsamen Titel zusammenfasste.
Stil↑
Kennzeichnend ist die episodische Form: Das Werk ist eher eine Sammlung in sich abgeschlossener Geschichten als ein durchgehender Roman. Nur die Kapitel um die Überschwemmung sind eng verzahnt. Die Kapitelüberschriften nehmen jeweils knapp vorweg, wovon die Geschichte handelt, und stimmen so auf den spielerischen Ton ein.
Die Sprache ist einfach und heiter, getragen von liebenswürdigem Unsinn und komischen Einfällen. Die Welt des Waldes ist bewusst als abgeschlossener, von den Sorgen der Wirklichkeit befreiter Ort gestaltet. Fachleute beschreiben ihn als eine ländliche, unschuldige Gegend, fern von Maschinen, Straßen und ernsten Problemen. Obwohl das Buch kurz nach dem Ersten Weltkrieg entstand, findet sich davon in ihm keine Spur. Untrennbar mit dem Text verbunden sind die Illustrationen von Ernest Shepard, die den Figuren ihr bis heute vertrautes Aussehen gaben.
Rezeption↑
Nach dem Erscheinen am 14. Oktober 1926 wurde das Buch von den Lesern begeistert aufgenommen und war ein großer geschäftlicher Erfolg: Bis zum Jahresende verkauften sich innerhalb von zweieinhalb Monaten rund 150.000 Exemplare. In Großbritannien brachte es der Verlag Methuen heraus, in den Vereinigten Staaten E. P. Dutton; die ersten hundert Bücher beider Ausgaben signierte Milne eigenhändig. Der Autor war zuvor als Dramatiker bekannt gewesen, doch der Erfolg dieses Buches stellte alles Übrige in den Schatten. John Rowe Townsend zählte Pu der Bär und Das Haus an der Pu-Ecke zu den eindrucksvollen britischen Erfolgen der 1920er Jahre.
Die Nachwirkung ist außergewöhnlich. In einer BBC-Umfrage von 2003 stand das Werk auf Platz sieben einer Liste der 200 beliebtesten Romane, und das School Library Journal führte es 2012 unter den hundert besten Kindergeschichten. Übersetzt wurde es in rund zweiundsiebzig Sprachen. Die lateinische Fassung Winnie ille Pu von 1958 gelangte als erstes nicht-englisches Buch auf die Bestsellerliste der New York Times.
Das Buch zog auch die Literaturwissenschaft an. 1963 veröffentlichte Frederick Crews The Pooh Perplex, eine Verspottung der Literaturkritik in Gestalt erfundener Aufsätze über Pu. Spätere Deutungen sahen in dem Werk eine friedliche, von der Wirklichkeit abgeschottete ländliche Idylle. Die Autorin Alison Lurie führte die Beliebtheit 1990 auf die allgemeine Anziehungskraft der Figuren zurück, die vertraute Gefühle des Kindseins verkörpern, etwa die Schwermut I-Aahs oder die Schüchternheit Ferkels. Feministische Lesarten kritisierten hingegen, dass die einzige weibliche Figur, Kanga, durchweg als schlechte Mutter dargestellt werde.
Die Zusammenarbeit von Milne und Shepard setzte sich fort: 1927 folgte der Gedichtband Jetzt sind wir sechs, 1928 die Prosafortsetzung Das Haus an der Pu-Ecke, in der die Figur Tigger neu hinzukam. Weitere Pu-Bücher schrieb Milne nicht. Erst 2009 erschien mit Rückkehr in den Verwunschenen Wald von David Benedictus eine offizielle Fortsetzung, 2016 folgte ein weiterer Band. Wie sehr die Figuren geschätzt werden, zeigte sich 2018, als fünf Originalillustrationen für 917.500 Pfund versteigert wurden; die Karte des Waldes erzielte allein 430.000 Pfund.
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