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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Pygmalion
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Pygmalion
1913
– Werkseintrag –

Pygmalion

1913 · Komödie

Ein selbstherrlicher Sprachforscher wettet, dass er ein armes Blumenmädchen allein durch die richtige Aussprache zur feinen Dame machen kann – und übersieht dabei den Menschen, den er formt.

Überblick

Das Schauspiel Pygmalion von George Bernard Shaw greift einen alten Stoff aus der Antike auf: die Sage von Pygmalion, der sich in sein eigenes Kunstwerk verliebt, wie sie Ovid erzählt. Shaw verlegt diesen Gedanken in das London seiner Zeit. Sein Pygmalion ist der Sprachforscher Henry Higgins, sein Kunstwerk das arme Blumenmädchen Eliza Doolittle. Higgins wettet, er könne dieses Mädchen aus der Gosse allein durch die richtige Aussprache in wenigen Monaten zu einer Dame der feinen Gesellschaft machen. Die Welturaufführung fand am 16. Oktober 1913 im Wiener Burgtheater statt, in der Übersetzung von Siegfried Trebitsch. Das Stück gehört zu Shaws bekanntesten Komödien und wurde später zur Vorlage des Musicals My Fair Lady.

Inhalt (ohne Spoiler)

An einem verregneten Abend suchen viele Menschen unter dem Portal einer Kirche in Covent Garden Schutz. Unter ihnen steht ein Mann, der sich Notizen macht und der aus dem bloßen Klang einer Stimme heraushören kann, woher ein Mensch stammt. Es ist Professor Henry Higgins, ein selbstbewusster Sprachwissenschaftler, der sein Leben der Lehre von der Aussprache widmet. Als er das arme Blumenmädchen Eliza Doolittle reden hört, behauptet er großspurig, er könne aus diesem Geschöpf der untersten Schicht binnen weniger Monate eine Herzogin machen. Nur ein einziger Zuhörer glaubt ihm: Colonel Pickering, selbst ein Sprachkenner.

Am nächsten Tag steht Eliza tatsächlich vor Higgins’ Tür. Sie will ordentliches Englisch lernen, um in einem richtigen Blumenladen arbeiten zu können. Higgins nimmt die Herausforderung an und beginnt, aus dem Mädchen sein Sprachkunstwerk zu formen. Von da an begleitet das Stück Elizas Verwandlung – und es stellt leise die Frage, die den Männern gar nicht in den Sinn kommt: Was soll aus diesem Menschen werden, wenn das Experiment eines Tages zu Ende ist?

Die Handlung im Detail

Wegen eines schweren Sommerregens haben viele Menschen unter dem Portal der St Paul’s Church in Covent Garden Schutz gesucht. Darunter ist eine Dame mit ihrer Tochter und ihrem Sohn, alle in Abendkleidung, die auf ein Taxi warten. Der Sohn läuft versehentlich in ein junges Blumenmädchen, dem die Ware zu Boden fällt; die Mutter bezahlt die ruinierten Blumen. Ein Herr kommt hinzu und gerät mit einem Mann ins Gespräch, der sich eifrig Notizen macht. Dieser kann aus dem Tonfall die Herkunft eines Menschen bestimmen. Es ist Professor Higgins, der der Phonetik verschrieben ist – „Einfach Phonetik. Die Wissenschaft der Aussprache. Mein Beruf und auch mein Hobby.“ Er behauptet, aus dem Blumenmädchen Eliza Doolittle, das hörbar zur armen Schicht gehört, in drei Monaten eine Herzogin machen zu können. Der Herr, Colonel Pickering, ist selbst Sprachforscher, versteht Higgins und glaubt ihm. Die beiden verabreden sich für den nächsten Morgen.

Am folgenden Tag platzt Eliza unangekündigt bei Higgins herein, der Pickering gerade sein Büro zeigt, und bittet um Unterrichtsstunden. Higgins zögert zunächst, sieht dann aber die Gelegenheit, sein Können zu beweisen. Eliza muss sich waschen und umziehen und erlebt zum ersten Mal, was Wohlstand bedeutet. Inzwischen taucht ihr Vater auf, ein Müllkutscher, und verlangt eine Entlohnung dafür, dass er seine Tochter überlässt. Nach der Auszahlung von fünf Pfund zieht er zufrieden wieder ab.

Etwa einen Monat später ist bei Frau Higgins, der Mutter des Professors, Besuchstag. Der Sohn platzt herein und erzählt, er habe ein Blumenmädchen zu sich genommen und darauf gewettet, dessen Sprache und Benehmen gesellschaftsfähig zu machen. Als Probe hat er Eliza eingeladen. Zunächst treffen die Eynsford-Hills ein – dieselbe Familie, die im ersten Akt unter dem Kirchenportal stand. Eliza plaudert anfangs gekonnt über das Wetter, berichtet dann aber vom Verdacht, dass ihre Tante „abgemurkst“ worden sei, und von ihrem trinkenden Vater. Higgins gibt das als „neue Art von Plauderei“ aus. Beim Abschied fragt der junge Freddy, ob sie durch den Park spaziere, worauf Eliza antwortet: „Gehen? Ein’ Scheißdreck werd ich! Ich nehme ein Taxi.“ Nachdem die Gäste gegangen sind, fragt Frau Higgins besorgt, was aus Eliza werden solle, wenn das Projekt vorüber sei. Weder Higgins noch Pickering verstehen die Frage; verärgert ruft sie ihnen nach: „Oh, Männer! Männer! Männer!“

Später kehren Higgins, Pickering und Eliza von einer Gartenparty zurück. Dort hat sich Eliza wie eine Dame der feinen Gesellschaft benommen, und Higgins hat damit seine Wette gewonnen. Erleichtert ruft er: „Gott sei Dank, es ist vorbei!“ Die Männer gehen zu Bett. Als Higgins noch einmal zurückkommt, macht Eliza ihm laut Vorwürfe: Er habe sie nur für sein Experiment gebraucht, nun aber sei sie wertlos für ihn. Higgins versucht sie herablassend zu beruhigen – sie könne ja heiraten oder einen Blumenladen eröffnen – und verlässt türknallend die Szene.

Am nächsten Morgen finden Higgins und Pickering Elizas Bett unberührt und eilen zu Frau Higgins. Higgins würde Eliza gern behalten, nicht aus Zuneigung, sondern weil sie für seinen Tagesablauf unentbehrlich geworden ist. Seine Mutter wirft ihm vor, er suche nach Eliza wie nach einem „verlorenen Regenschirm“. Da wird Elizas Vater Alfred Doolittle angekündigt. Er erscheint in prächtiger Hochzeitskleidung und ist wütend: Higgins habe ihn einst einem reichen amerikanischen Wohltäter, Ezra D. Wannafeller, als „originellsten Moralprediger“ empfohlen. Wannafeller sei nun gestorben und habe ihm eine Pension von 3.000 Pfund jährlich hinterlassen. Deshalb sehe er sich gezwungen, in den Mittelstand einzutreten und seine Lebensgefährtin, Elizas Stiefmutter, zu heiraten – worüber er unglücklich ist.

Schließlich verrät Frau Higgins, dass sich Eliza bei ihr aufhält. Sie lässt das Mädchen erst kommen, als der aufgebrachte Sohn sich beruhigt hat; der Vater wird solange hinausgeschickt. Selbstbewusst tritt Eliza ein. Higgins triumphiert, doch Eliza wendet sich betont nur an Pickering: Dieser habe sie immer menschlich behandelt, und allein durch sein Beispiel habe sie gelernt, eine Dame zu sein. Als plötzlich ihr Vater zurückkehrt, fällt sie kurz erschrocken in ihre Gossensprache zurück, worauf Higgins erneut frohlockt. Doolittle lädt Eliza zu seiner Hochzeit ein; auch Pickering und Frau Higgins wollen mitkommen.

Vor dem Aufbruch kommt es zu einem langen Gespräch zwischen Eliza und Higgins. Auf seine Frage, ob sie zurückkommen werde, antwortet sie mit Nein: Von ihm werde sie nie auch nur ein wenig Freundlichkeit erhalten. Sie kündigt an, lieber Freddy zu heiraten, der ihr täglich mehrere Liebesbriefe schreibe. Higgins tut das als unter ihrem Niveau ab. Da droht Eliza, sich als Aussprachelehrerin bei einem seiner Konkurrenten zu verdingen – und merkt, dass sie ihn damit trifft. Higgins wiederum erklärt triumphierend, er habe so erfolgreich ihren Kampfgeist geweckt. Als Eliza schließlich zur Hochzeit aufbricht, bittet Higgins sie noch, ihm einige Erledigungen zu machen, und übergeht damit das eben Gesagte. Eliza aber sagt ihm Lebewohl und rauscht hinaus. Das Stück endet mit Higgins’ Gelächter über Elizas angedrohte Heirat: „Haha! Freddy! Freddy!! Hahahahaha!!!!!“ In einem geänderten Schluss, den Shaw 1939 schrieb, machte er noch deutlicher, dass es zu einer Verbindung zwischen Higgins und Eliza gerade nicht kommen werde.

Stil

Als Komödie führt das Werk seine Wirkung vor allem über die Sprache herbei – und das ist bei einem Stück über einen Phoneticus nur folgerichtig. Die gesamte Handlung dreht sich um Aussprache, Tonfall und gesellschaftliche Herkunft, die sich am bloßen Klang eines Satzes ablesen lässt. Shaw stellt zwei Sprachwelten scharf nebeneinander: die derbe Gossensprache Elizas und das geschliffene Englisch der feinen Gesellschaft. Der Reiz und der Witz entstehen aus dem Zusammenprall dieser Register, etwa wenn Eliza mit perfektem Akzent, aber ungeniertem Inhalt vom „abgemurksten“ Verwandten plaudert. Der Kontrast zeigt zugleich die Grenzen der bloßen Politur: Feine Aussprache allein macht noch keinen anderen Menschen.

Auffällig ist Shaws Mut zur derben Alltagssprache. Für die damaligen Bühnenverhältnisse verwendete er ungewöhnlich viele Schimpfwörter; Elizas Ausruf mit dem als ordinär geltenden Wort „bloody“ wurde zum vielzitierten Aufreger. Solche Wendungen wirken wie Sprengsätze im gesitteten Salonstück und legen die gesellschaftliche Heuchelei bloß, die die Komödie aufs Korn nimmt.

Der antike Pygmalion-Stoff dient dabei als ironischer Rahmen. Wo der Pygmalion der Sage sein Werk liebt, liebt Higgins nicht die Person Eliza, sondern nur das sprachliche Kunstwerk, das er geschaffen hat. Diese Verschiebung gibt der romantischen Komödie eine kühle, satirische Kante. Bezeichnend ist, dass Shaw die erwartete Liebesgeschichte gerade nicht erfüllt und den Schluss 1939 noch einmal überarbeitete, um jedes Missverständnis über ein Happy End auszuräumen.

Rezeption

Bereits mit seiner Sprache sorgte das Schauspiel für Aufsehen: Für die damaligen Verhältnisse verwendete es geradezu übermäßig viele Schimpfwörter, und Elizas Gebrauch des Wortes „bloody“ löste einen Skandal aus. Zugleich lag der Witz auch darin, dass Eliza zwar mit feinem Akzent sprechen kann, von den Gesprächsthemen der hohen Gesellschaft aber wenig versteht.

Nach der Welturaufführung in Wien, für die Hugo Thimig die Regie führte und in der Max Paulsen und Lili Marberg spielten, folgte rasch die deutschsprachige Verbreitung. In der Berliner Produktion am Lessingtheater standen am 1. November 1913 Tilla Durieux und Albert Steinrück auf der Bühne. 1949 gab Hans Jaray den Henry Higgins am Wiener Volkstheater, mit Inge Konradi als Eliza. Rex Harrison prägte die Rolle des Higgins nachhaltig – allerdings im Musical My Fair Lady (Broadway 1956, London 1958), nicht in Shaws Sprechstück. 1974 spielte Diana Rigg die Eliza Doolittle am Londoner Albery Theatre in einer Inszenierung von John Dexter.

Über die Bühne hinaus wirkte der Stoff in zahlreichen Verfilmungen fort. Weltberühmt wurde die Umformung zum Musical My Fair Lady, das 1964 auch verfilmt wurde und den Pygmalion-Stoff einem noch breiteren Publikum bekannt machte.

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