1923
Die heilige Johanna
Überblick↑
Das Drama Die heilige Johanna stammt von dem irischen Autor George Bernard Shaw. Er schrieb es 1923, kurz nachdem die römisch-katholische Kirche Jeanne d'Arc heiliggesprochen hatte. Shaw stützte sich auf die Überlieferungen über ihr Leben und auf die Dokumente des Prozesses, den man ihr machte. Für dieses Werk erhielt er 1925 den Nobelpreis für Literatur. Den Preis nahm er an, das Preisgeld aber schlug er aus.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Am Anfang steht ein einfaches Bauernmädchen, das behauptet, Stimmen zu hören. Johanna erzählt zunächst einem schlichten Soldaten davon. Mit rhetorischem Geschick dringt sie schließlich bis zu Karl vor, dem Thronfolger Frankreichs. Ihre Stimmen, so sagt sie, hätten ihr befohlen, ihm zu helfen: Sie will seine Truppen anführen, die englischen Besatzer aus dem Land vertreiben und Karl zum gekrönten König machen. So will sie Frankreichs Größe wiederherstellen. Durch Charme, Verhandlungsgeschick, Führungskraft und militärisches Können hat sie bei Hofe Erfolg.
Doch ihr Aufstieg weckt mächtige Gegner. Den Lehnsherren stellt sie mit ihrem nationalen Denken die alte Ordnung infrage. Der Kirche wird sie gefährlich, weil sie ihren inneren Stimmen mehr gehorcht als den geistlichen Würdenträgern. Wohin dieser Konflikt führt, entfaltet das Stück in sechs Szenen und einem Epilog.
Die Handlung im Detail↑
Zu Beginn erzählt Johanna einem einfachen Soldaten von ihren Stimmen. Durch ihr rhetorisches Geschick gelingt es ihr, zu Karl, dem Dauphin Frankreichs, vorzudringen. Ihm berichtet sie, ihre Stimmen hätten ihr befohlen, ihm zu helfen, gekrönter König Frankreichs zu werden. Sie will seine Truppen anführen und so die englischen Besatzer aus Frankreich vertreiben, um die Größe des Landes wiederherzustellen. Bei Karl hat sie Erfolg – durch ihren Charme, ihr Verhandlungsgeschick, ihr Führungstalent und ihre militärischen Fähigkeiten. Schließlich aber wird sie verraten und nach der Belagerung von Compiègne von den Engländern gefangen genommen.
Den Boden für den Prozess bereitet ein Gespräch zwischen dem Earl of Warwick und dem Bischof von Beauvais. Johanna, so ihre Sorge, stelle mit ihrem Nationalismus das Feudalsystem infrage, in dem die Lehnsherren über der Nation stehen. Zugleich gefährde sie die Macht der Kirche, indem sie ihren inneren Stimmen und nicht den kirchlichen Würdenträgern gehorche. Für diese Haltung „erfindet" Warwick den Begriff „Protestantismus". Wegen dieser gefährlichen Gesinnung, so das Urteil der beiden, müsse sie entmachtet werden.
Die sechste Szene behandelt Johannas Prozess und dessen unabwendbaren Ausgang. Nachdem sie von ihren Verfolgern gefoltert worden ist, ergibt sie sich und erklärt sich bereit, ein Bekenntnis abzulegen, mit dem sie die Wahrhaftigkeit ihrer Stimmen selbst in Zweifel zieht. Dadurch darf sie weiterleben, wenn auch ohne Aussicht auf Begnadigung. Im letzten Augenblick jedoch – sie hält die Feder bereits in der Hand – überlegt sie es sich anders und widerruft ihr Bekenntnis. Auf dem Gang zum Scheiterhaufen ruft sie ihren Peinigern entgegen, sie fürchte weder Brot noch Wasser, wohl aber, vom Licht des Himmels und vom Anblick der Felder und Blumen ausgeschlossen zu sein. Am Ende hält sie ihnen entgegen: „Jetzt weiß ich, dass euer Ratgeber der Teufel, und meiner Gott ist."
Der Epilog spielt Jahre später. Karl hat einen Traum, in dem Johanna ihm erscheint. Sie unterhält sich fröhlich nicht nur mit ihm, sondern auch mit ihren alten Feinden, die ebenfalls in Karls Schlafzimmer Gestalt annehmen. Die Szene mündet in Johannas Verzweiflung darüber, dass die Menschheit nie an Heilige glauben werde. Ihr letzter Ausruf gilt Gott und seiner wundervollen Erde: „Wie lange, o Gott, wie lange?"
Stil↑
Angelegt ist das Werk als „dramatische Chronik" in sechs Szenen und einem Epilog. Shaw treibt die Handlung weniger durch äußere Ereignisse voran als durch das Wort: Vieles wird ausgesprochen, verhandelt und gegeneinander abgewogen. So wird die eigentliche Gefahr, die von Johanna ausgeht, nicht auf dem Schlachtfeld, sondern im Gespräch zwischen dem Earl of Warwick und dem Bischof von Beauvais entwickelt – ein Streitgespräch, in dem sich Feudalherr und Kirchenmann über die Bedrohung durch das Mädchen verständigen. Auch Johanna selbst gewinnt ihre Erfolge vor allem durch Rede und Überzeugungskraft.
Ungewöhnlich ist der Epilog, der den historischen Rahmen bewusst verlässt. In einer Traumszene treten die längst Toten noch einmal zusammen und sprechen miteinander über das Geschehene. Damit rückt Shaw die Frage nach Johannas Bedeutung aus der Vergangenheit heraus und stellt sie unmittelbar an sein Publikum.
Rezeption↑
Für dieses Drama erhielt George Bernard Shaw 1925 den Nobelpreis für Literatur. Uraufgeführt wurde das Stück am 28. Dezember 1923 am Garrick Theatre in New York durch die Theatre Guild, mit Winifred Lenihan in der Titelrolle. Am 26. März 1924 folgte die Premiere in London am damaligen New Theatre, in der Johanna von Sybil Thorndike verkörpert wurde. Die deutschsprachige Erstaufführung fand 1924 in Berlin statt. In der Folge wurde das Werk vielfach auf deutschsprachigen Bühnen gespielt.
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