1931
Die gute Erde
Überblick↑
Der Roman Die gute Erde von Pearl S. Buck erschien 1931 unter dem Originaltitel The Good Earth. Er erzählt vom Aufstieg eines chinesischen Bauern und seiner Familie zur Zeit der Qing-Dynastie. Das Buch erhielt 1932 den Pulitzer-Preis und 1935 die William Dean Howells Medaille. Es bildet den ersten Teil einer Trilogie, die mit Söhne und Das geteilte Haus fortgesetzt wird. In den Jahren 1931 und 1932 war es das meistverkaufte belletristische Buch in den Vereinigten Staaten. 1937 wurde der Stoff verfilmt.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht Wang Lung, ein armer chinesischer Bauer, der mit seinem alten Vater vom Ertrag eines kleinen Stück Landes lebt. Mehr als die hässliche O-lan kann er sich nicht leisten: Sie dient der angesehenen städtischen Familie Hwang als Sklavin. Die Ehe beginnt nüchtern, doch O-lan erweist sich als tüchtige Arbeiterin und schenkt ihm Söhne und Töchter.
Ein glücklicher Umstand erlaubt es Wang Lung, gutes Land von der Familie Hwang dazuzukaufen. Dann aber bleibt der Regen aus, und eine Hungersnot trifft auch ihn. Die abgezehrte Familie bricht nach Süden auf. In der fremden Stadt betteln Frau und Söhne, während Wang Lung sich als Rikscha-Fahrer verdingt. Dort lernt er das Leben der wohlhabenden Chinesen und der ansässigen Weißen kennen.
Buck begleitet Wang Lung über Jahrzehnte hinweg, durch Armut und Wohlstand, durch Familienstreit und politische Unruhen. Immer wieder geht es um dieselbe Frage: Was ist das Land wert, und was hält eine Familie zusammen, wenn das Geld sie verändert?
Die Handlung im Detail↑
Erzählt wird die Lebensgeschichte des Wang Lung von seiner Hochzeit bis zu seinem Tod. Als armer Bauer kann er sich nur die hässliche O-lan als Ehefrau leisten, eine Sklavin im Haus der wohlhabenden Familie Hwang. Sie arbeitet hart und bringt ihm zwei Söhne und zwei Töchter zur Welt. Durch einen glücklichen Umstand kauft Wang Lung gutes Land von den Hwangs dazu.
Dann bricht nach einer Dürre eine Hungersnot aus. Die Familie beschließt, nach Süden zu ziehen. Vor dem Aufbruch tötet O-lan ihr viertes Kind unmittelbar nach der Geburt. Auf ihren Rat verkauft Wang Lung Möbel und Gerätschaften, um die Reise zu bezahlen, doch sein Land gibt er nicht her. In der Stadt im Süden betteln O-lan und die beiden Söhne, er selbst zieht eine Rikscha. So bekommt er einen Blick auf das Leben der reichen Chinesen und der dort lebenden Weißen. Eine der Töchter bleibt geistig zurück, möglicherweise infolge der Mangelernährung.
An eine Rückkehr ist mit dem kargen Verdienst nicht zu denken. Erst als bei Revolutionswirren das Haus einer reichen Familie geplündert wird, wendet sich das Blatt: Wang Lung und O-lan beteiligen sich daran und erbeuten viel Geld und Schmuck. Damit kehren sie heim und kaufen im großen Stil weiteres Land der Familie Hwang.
Wang Lung wird Großgrundbesitzer und kann sein Land nicht mehr allein bewirtschaften. O-lan bringt Zwillinge zur Welt. Er nimmt eine sinnliche und verwöhnte Frau aus dem Freudenhaus in sein Haus auf, was O-lan verbittert. Auch der verhasste Onkel zieht mit Frau und Sohn bei ihm ein; dessen Mitgliedschaft in einer Bande schützt die Familie immerhin vor Überfällen. O-lan stirbt, danach auch Wang Lungs Vater.
Die beiden älteren Söhne besuchen die Schule, der eine wird »Gelehrter«, der andere Kaufmann, beide heiraten. Den jüngsten Sohn hat der Vater als Nachfolger auf dem Land vorgesehen, doch der weigert sich, Bauer oder Grundbesitzer zu werden, und schließt sich den Revolutionären an. Auf Betreiben des ältesten Sohnes zieht die Familie in die Stadt und übernimmt das Haus der inzwischen verarmten Hwangs.
Wang Lung erlebt im Alter noch eine späte Liebe mit einer Sklavin. Für ihn bleibt »die gute Erde«, sein Land, das Fundament allen Reichtums. Seine beiden ältesten Söhne aber planen bereits, den Grund nach seinem Tod zu verkaufen.
Stil↑
Der Aufbau des Romans folgt der Lebenszeit einer einzigen Figur: Buck erzählt geradlinig von der Hochzeit bis zum Tod. Die Erzählweise ist einfach, die Personenzeichnung klar umrissen, die Struktur traditionell. Genau das brachte dem Buch in den Vereinigten Staaten zunächst den Vorwurf ein, es sei Trivialliteratur. Heute wird derselbe Zug anders gewertet: Man lobt gerade die realistische Schilderung des bäuerlichen Alltags als Beitrag zum Verständnis der Kulturgeschichte Chinas.
Prägend ist die Doppelperspektive von Land und Stadt. Dem harten Leben der Bauern, die ihre Töchter verkaufen müssen und Banditen ausgeliefert sind, stellt Buck den Luxus der Großgrundbesitzer in ihren Stadtresidenzen gegenüber. Der Kontrast trägt das Buch und liefert ihm zugleich seine gesellschaftliche Schärfe.
Rezeption↑
Für viele amerikanische Leser der 1930er Jahre war das Buch die erste Begegnung mit einem ihnen fremden Land. Es fand großen Widerhall und war 1931 und 1932 das meistverkaufte belletristische Buch. Sheila Melvin hat in einem Aufsatz im Wilson Quarterly die unterschiedliche Aufnahme in den USA und in China zusammengetragen. Einige Wissenschaftler vermuten, die Geschichte der Familie Wang Lungs habe mit dazu beigetragen, dass das seit 1882 geltende chinesische Ausschlussgesetz 1943 aufgehoben wurde. Bucks Bücher hätten das Bild vieler Amerikaner vom chinesischen Volk verändert und sie im Krieg gegen Japan für China Partei ergreifen lassen.
Zugleich stufte ein Teil des literarischen Betriebs den Roman wegen seiner schlichten Machart als Unterhaltungsware ein. Als Buck 1938 überraschend den Nobelpreis erhielt, schrieb William Faulkner an einen Freund, er würde den Preis lieber nicht gewinnen, als in die Gesellschaft von „Mrs. China and Buck“ zu geraten. Die Abwertung wirkte praktisch: Das Buch stand auf Leselisten der High Schools, fand aber keinen Weg in die Lehrpläne der Colleges. Erst in den letzten Jahren hat sich das Urteil gedreht, weil die Grenze zwischen Unterhaltungs- und Hochliteratur durchlässiger geworden ist.
In China war die Aufnahme lange von Nationalstolz und politischen Interessen bestimmt. In den 1930er und 1940er Jahren erschien der Roman mindestens achtmal in Übersetzung, doch den nationalistischen Regierungen missfiel das Bild, das er zeichnete. Einer der ersten chinesischen Übersetzer warf Buck im Vorwort vor, ihr Land schlecht darzustellen, und fragte, ob sie sich als Weiße überlegen fühle. Der Schriftsteller Lu Xun meinte, es sei authentischer, wenn ein Chinese über China schreibe. Für die Verfilmung durch Metro-Goldwyn-Mayer verlangte die Regierung, in einem ansehnlichen Dorf zu drehen, die Darsteller sauber zu kleiden und die Büffel durch Traktoren zu ersetzen. Am Ende brannte das Studio des Regisseurs in Shanghai; Buck beschuldigte Regierungsvertreter der Brandstiftung, die Filme waren vernichtet.
Nach dem Sieg der Kommunisten verschärfte sich die Ablehnung. Buck hatte den Kommunismus eine „ausländische“, für die Chinesen unpassende Philosophie genannt, und ihr Missionshintergrund galt zusätzlich als belastend. Eine chinesische Literaturzeitschrift nannte sie 1950 eine „reaktionäre Schriftstellerin“, die zur „Avantgarde der imperialistischen US-Kulturaggression“ gehöre. 1972 wurde ihr Antrag abgelehnt, mit Richard Nixon nach China zu reisen. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich das gewandelt: Neue Übersetzungen, wissenschaftliche Aufsätze und Fernsehdokumentationen sind erschienen. Man errichtete Denkmäler und Museen und renovierte ihre früheren Wohnhäuser in Zhenjiang, Lushan und Nanjing, wo sie das Buch im Dachgeschoss schrieb. Auch in den USA wurde ihr Engagement misstrauisch beobachtet: Das FBI legte eine fast 300 Seiten starke Akte an, in der J. Edgar Hoover ihr kommunistische Sympathien vorwarf.
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