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Werkseintrag · Exemplarische Novellen
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Exemplarische Novellen
1613
– Werkseintrag –

Exemplarische Novellen

1613 · Novelle

Zwölf Novellen zwischen Liebesglück und Gaunerwelt, in denen sogar zwei Hunde miteinander ins Gespräch kommen.

Überblick

Bei den Novelas ejemplares handelt es sich um eine Sammlung von zwölf Novellen von Miguel de Cervantes. Sie entstanden zwischen 1590 und 1612 und erschienen 1613 in Madrid beim Drucker Juan de la Cuesta, im Fahrwasser des Erfolgs von Don Quijote. Die Sammlung trägt auch den längeren Titel Novelas ejemplares de honestísimo entretenimiento. Die Erzählungen folgen italienischen Vorbildern, gelten aber laut Cervantes als die ersten ihrer Art in spanischer Sprache. Schon das Wort „exemplarisch" verweist auf eine erklärte lehrhafte und moralische Absicht. Damit zählen sie zu den prägenden Werken der spanischen Prosa des Goldenen Zeitalters.

Inhalt (ohne Spoiler)

Versammelt sind zwölf eigenständige Erzählungen, die sich grob in zwei Gruppen teilen lassen. Die einen, idealistisch gefärbt, leben von Liebeshändeln, Verwicklungen und edlen Figuren; die anderen, realistisch geprägt, schildern gesellschaftliche Verhältnisse und decken Heuchelei auf. Eine strenge Trennung ist allerdings nicht immer möglich.

In La gitanilla verliebt sich ein Adeliger in ein junges Mädchen, das von Zigeunern aufgezogen wurde, und teilt ihr fahrendes Leben. Rinconete y Cortadillo begleitet zwei junge Ausreißer, die in Sevilla in eine Verbrecherbruderschaft geraten. El licenciado vidriera erzählt vom Studenten Tomás Rodaja, der nach einer Vergiftung den Verstand verliert und glaubt, er sei aus Glas. In El celoso extremeño sperrt ein reicher alter Mann seine blutjunge Frau hinter Mauern ein, um ihrer Treue sicher zu sein.

Weitere Geschichten führen nach London, Toledo, Bologna und in die maurische Welt. Sie kreisen um Ehre, Liebe, Raub und Wiedererkennung. Die beiden letzten Novellen, El casamiento engañoso und El coloquio de los perros, hängen besonders eng zusammen: Die erste bereitet die zweite vor, in der sich zwei Hunde miteinander unterhalten.

Die Handlung im Detail

Die Sammlung umfasst zwölf Novellen, die im Folgenden einzeln vorgestellt werden.

Bei La gitanilla, der längsten Erzählung, geht es um ein Mädchen adeligen Geblüts, das geraubt und von Zigeunern aufgezogen wurde. Ein Adeliger verliebt sich in es und entscheidet sich, mit ihm gemeinsam das Leben der Zigeuner zu führen. Am Ende wird die wahre Herkunft des Mädchens aufgedeckt, und die Geschichte schließt glücklich mit der Ehe des Paares. Das Werk enthält möglicherweise autobiografische Anklänge an eine Liebesgeschichte, die ein entfernter Verwandter von Cervantes erlebte.

El amante liberal ist eine maurische Novelle, in der das Thema der Verschleppung auftaucht.

In Rinconete y Cortadillo fliehen zwei Jugendliche von zu Hause und führen mit Kartenspiel und Diebstahl ein Gaunerleben. In Sevilla werden sie von einer Verbrecherorganisation gezwungen, als Laufburschen zu dienen. Dieses Syndikat wird wie eine Laienbruderschaft durch den Oberbruder Monipodio geführt; auf der Bühne erscheinen korrupte Büttel, Diebe, Raufbolde, Zuhälter und Huren. Nach diesem Aufzug von Gestalten beschließen die beiden Spitzbuben, sich zu bessern.

In La española inglesa wird eine Frau bei der englischen Invasion von Cádiz verschleppt. In London wird sie am Hof von Königin Elisabeth I. aufgenommen und erzogen. Durch einen Gifttrank verliert sie Haar und Schönheit, doch am Schluss wird alles wieder gut.

El licenciado vidriera handelt von Tomás Rodaja, der durch sein Studium in Salamanca berühmt werden will und schließlich im Flandernkrieg landet. Nach der Rückkehr nach Spanien verabreicht ihm eine in ihn verliebte Dame einen Quittenkäse, um seine Liebe zu gewinnen und ihn seines Willens zu berauben. Tomás wird schwer krank; sein Hirn trocknet durch die Vergiftung aus, und er glaubt fortan, ein Mensch aus Glas zu sein. Er wird bekannter als zuvor, doch ist seine neue Berühmtheit von zweifelhaftem Ruf. Sowohl sein Verstand als auch seine Verrücktheit schließen ihn aus der Gesellschaft aus.

La fuerza de la sangre gilt als die erotischste der Erzählungen. Leocadia wird von Rodolfo entführt, auf sein Anwesen gebracht und vergewaltigt; anschließend setzt er sie an der Hauptkirche Toledos aus. Beide kennen die Identität des anderen nicht. Aus der Tat geht ein Sohn namens Luis hervor, der bei der Familie der Mutter aufwächst, während Rodolfo für viele Jahre nach Italien reist. Als der herangewachsene Luis von einem Reiter überrannt und in dessen Haus gebracht wird, erkennt Leocadia den Ort ihrer Schändung wieder. Mit einem Kruzifix als Beweis klärt sie die Frau des Reiters auf. Diese ruft ihren Sohn Rodolfo unter dem Vorwand heim, eine Braut für ihn gefunden zu haben. Rodolfo heiratet Leocadia, und ihre Ehre wird durch die Eheschließung wiederhergestellt.

El celoso extremeño erzählt von Carrizales, der sein ererbtes Vermögen verschleudert, in der Neuen Welt erneut reich wird und nach zwanzig Jahren heimkehrt. Mit 68 Jahren erkennt er, dass er einen Erben und somit eine Ehefrau braucht. Er heiratet ein dreizehn- oder vierzehnjähriges Mädchen niederer Herkunft und sperrt es in ein streng bewachtes Haus, dessen einziger Schlüssel von einem schwarzen Eunuchen namens Luis gehütet wird. Der Verführer Loaysa verkleidet sich als Bettler, gewinnt das Vertrauen des Wächters und dringt vor. In der entscheidenden Nacht werden Carrizales die Schlüssel im Schlaf entwendet. Der alte Mann stirbt infolge des Vorfalls, Leonora geht ins Kloster, und Loaysa bricht – wie einst Carrizales – in die Neue Welt auf. Die Erzählung deutet die Isolation des Alten als selbstverschuldet: Wer sich der äußeren Welt vollständig zu entziehen sucht und doch scheitert, muss untergehen.

In La ilustre fregona brennen zwei Jungen von zu Hause durch, um einem der schönsten Mädchen eines Gasthauses den Hof zu machen. Dem einen gelingt sein Vorhaben, dem anderen nicht; ihn verspottet eine Gruppe Jungen, die ihm überallhin nachläuft.

In Las dos doncellas gesteht Teodosia einem Unbekannten – der sich später als ihr Bruder erweist – ihre Beziehung und das Heiratsversprechen mit Marco Antonio. Auf der Suche nach ihm treffen sie Leocadia, der Marco Antonio ebenfalls die Ehe versprochen hatte. Am Ende wird Marco Antonio der Gatte Teodosias und ihr Bruder Rafael jener Leocadias; ein drohendes Duell wird abgewendet.

La señora Cornelia entwickelt zwei Ebenen: die Ehre zwischen Cornelia, dem Fürsten von Ferrara und Cornelias Bruder sowie die Freundschaft der beiden Edelleute Don Juan de Gamboa und Don Antonio de Isunza, die zugleich Beobachter und Beteiligte sind. Die Handlung spielt in Bologna.

Die beiden letzten Novellen gehören enger zusammen als die übrigen. In El casamiento engañoso geht es um die gegenseitige Täuschung zweier Heiratsschwindler, Campuzano und Estefanía. Der gerade aus dem Krankenhaus entlassene Unteroffizier Campuzano erzählt seinem Freund, dem Lizenziaten Peralta, von seiner Heirat mit einer Frau schlechten Lebenswandels, die ihn verließ und ihm nur die Syphilis hinterließ. Der Leser bemerkt dabei die Blindheit Campuzanos für die Fallen, in die er lief. Diese Rahmenerzählung leitet in die folgende Novelle über. Während Campuzano schläft, liest Peralta vergnügt das von ihm nachgeschriebene Zwiegespräch der Hunde.

In El coloquio de los perros liest der Lizenziat eben jene Niederschrift: die Lebensgeschichte eines Hundes, der sich mit einem zweiten Hund namens Cipión über ihre geheime Gabe des menschlichen Sprechens unterhält. Die beiden Tiere sind sich ihrer besonderen Fähigkeit bewusst und reden über ihr eigenes Sprechen – ähnlich selbstreflexiv, wie Cervantes es in seinen Werken tut.

Stil

Die Erzählungen folgen italienischen Vorbildern, beanspruchen aber, die ersten ihrer Art in spanischer Sprache zu sein. Schon der Titel und Cervantes' Vorwort betonen eine lehrhafte und moralische Absicht, daher das Wort „exemplarisch". Innerhalb der Sammlung lassen sich zwei Spielarten unterscheiden. Die idealistischen Novellen lehnen sich enger an ihre italienischen Muster an. Sie häufen Liebeshändel und Ereignisse und stellen edle Figuren in den Mittelpunkt, die kaum eine Entwicklung durchlaufen und wenig über sich selbst nachdenken. Zu ihnen zählen El amante liberal, Las dos doncellas, La española inglesa, La señora Cornelia und La fuerza de la sangre.

Die realistischen Novellen schildern dagegen gesellschaftliche Verhältnisse und stellen die Heuchelei der Menschen bloß. Dazu gehören die bekannteren Stücke Rinconete y Cortadillo, El licenciado vidriera, La gitanilla, El coloquio de los perros und La ilustre fregona. Eine klare Grenze zwischen beiden Gruppen lässt sich jedoch nicht immer ziehen. Wiederkehrende Kunstgriffe prägen die Sammlung, etwa die Wiedererkennung einer Person am Schluss oder das Ausgeschlossensein des Einzelnen aus der Gesellschaft. In den beiden letzten Erzählungen treibt Cervantes ein kunstvolles Spiel mit dem Erzählen selbst: Eine Novelle rahmt die nächste, und die sprechenden Hunde denken über ihr eigenes Reden nach.

Rezeption

Schon im 17. Jahrhundert übte die Sammlung großen Einfluss aus. Andere spanische Autoren ahmten sie nach, darunter Gonzalo de Céspedes y Meneses und María de Zayas y Sotomayor. Im deutschsprachigen Raum wurden die Erzählungen dagegen erst in der Goethezeit bekannt, im Zuge der umfassenderen Beschäftigung mit Don Quijote.

Als eine der bedeutendsten Novellen der Sammlung gilt El coloquio de los perros. Zu ihr entstanden mehrfach Fortsetzungen, etwa Jacinto Benaventes Nuevo coloquio de los perros. Auch E. T. A. Hoffmanns Nachricht von den neuesten Schicksalen des Hundes Berganza geht auf Cervantes' Erzählung zurück.

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