1605
Don Quijote
Überblick↑
Der sinnreiche Edelmann Don Quijote von der Mancha gilt als das berühmteste Buch der spanischen Literatur. Er gilt zugleich als erster moderner Roman der Weltliteratur. Miguel de Cervantes veröffentlichte den ersten Teil 1605, den zweiten 1615. Erzählt wird die Geschichte eines Landadligen, der sich vom Lesen alter Ritterromane den Verstand verwirrt. Er zieht selbst als fahrender Ritter aus, begleitet von seinem bauernschlauen Knappen Sancho Panza. Das Buch wurde in über siebzig Sprachen übersetzt und ist mit rund 2300 Auflagen weltweit verbreitet. Oft wird es als das wirkungsmächtigste nach der Bibel bezeichnet.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Ein verarmter spanischer Edelmann hat so viele Ritterromane gelesen, dass er sich selbst für einen fahrenden Ritter hält. Er nennt sich Don Quijote von der Mancha und erwählt eine derbe Bauerntochter zur unerreichbaren Herzensdame Dulcinea. Den gutmütigen, bauernschlauen Sancho Panza überredet er, ihm als Knappe zu dienen. Auf klapprigem Pferd und Esel ziehen die beiden durch Spanien. Sie suchen Abenteuer, wollen Unrecht rächen und Ruhm gewinnen.
Aus alltäglichen Begegnungen werden in Don Quijotes Kopf ritterliche Heldentaten. Windmühlen werden zu Riesen, Wirtshäuser zu Burgen, Schafherden zu feindlichen Heeren. Sancho sieht meist die nüchterne Wirklichkeit. Er hofft aber auf die Insel, die sein Herr ihm als künftige Statthalterschaft versprochen hat.
Im zweiten Teil wissen viele Leute bereits aus dem gedruckten ersten Buch, wer Don Quijote ist. Ein Herzogspaar lädt die beiden ein. Es inszeniert wochenlang aufwendige Späße, um sich an ihrer Narrheit zu belustigen. Sancho darf tatsächlich kurz eine Statthalterschaft antreten. Don Quijote zieht weiter nach Barcelona, wo ihn am Strand eine entscheidende Begegnung erwartet. Die Spannung zwischen Wahn und Wirklichkeit trägt das Buch von der ersten bis zur letzten Seite. Ebenso trägt es der Gegensatz zwischen edlem Anspruch und derbem Alltag.
Die Handlung im Detail↑
Der zweite Teil setzt nur wenige Wochen nach dem Ende des ersten ein, behauptet aber, der erste Band sei bereits gedruckt und einem breiten Publikum bekannt. Don Quijote und Sancho Panza erfahren staunend, dass ein gewisser "Cide Hamete Benengeli" ihre Abenteuer aufgeschrieben habe. Sie diskutieren die Ungereimtheiten der Geschichte – etwa, dass Sanchos gestohlener Esel im ersten Buch einfach wieder auftaucht. Cervantes lässt seine Helden so eine komisch-absurde Rezension ihres eigenen Buchs vortragen und nutzt sie, um über den Unterschied zwischen Dichtung und Geschichtsschreibung nachzudenken.
Die beiden ziehen erneut auf Abenteuerfahrt. Vieles endet diesmal glimpflicher als im ersten Teil, denn Don Quijote trifft immer wieder auf Menschen, die ihn aus dem Buch bereits kennen und entsprechend mit ihm umgehen.
Zu Beginn der Reise will Don Quijote nach Toboso, um seine angebetete Dulcinea aufzusuchen. Als die Suche erfolglos bleibt, greift Sancho zu einer List: Er erklärt eine vorbeikommende derbe Bäuerin zur zauberhaften Dulcinea. Don Quijote erschrickt über deren Anblick und schließt daraus, böse Zauberer ließen ihn die Geliebte nur in dieser garstigen Gestalt erblicken, während sie für alle anderen eine strahlende Schönheit sei.
Bei einer weiteren Begegnung trifft Don Quijote auf einen Transport zweier wilder, hungriger Löwen. Er bedrängt den Wärter so lange, bis dieser einen Käfig öffnet. Der Löwe dehnt sich kurz, legt sich dann wieder hin und kehrt dem Ritter das Hinterteil zu. Don Quijote sieht das Abenteuer als bestanden an und nennt sich fortan "Ritter von den Löwen".
Auf dem Weg zu einem Turnier nach Saragossa lernt er ein Herzogspaar kennen, das Cervantes' Buch genau gelesen hat. Mit großer Begeisterung lädt es Ritter und Knappen in seine Residenz ein und inszeniert wochenlang Späße, um sich an ihrer Narrheit zu vergnügen. Auch Sanchos Wunsch nach einer Insel wird erfüllt: Der Herzog ernennt ihn zum Statthalter eines Städtchens. Sancho regiert mit erstaunlicher Weisheit und fällt salomonische Urteile, hat das Amt aber nach zehn Tagen für immer satt und kehrt zu Don Quijote zurück.
Schließlich nimmt Don Quijote "Urlaub" vom Hof des Herzogpaars, weil ihm die Unfreiheit dort zuwider ist. Mit Sancho zieht er nach Barcelona. Dort begegnet ihm am Strand ein Gegner, der sich "Ritter vom silbernen Mond" nennt, ihn zum Turnier fordert, ihn vom Pferd wirft und ihm bei seiner ritterlichen Ehre auferlegt, in die Heimat zurückzukehren. Hinter dem fremden Ritter verbirgt sich ein Freund des Dorfpfarrers und des Barbiers, der den Verirrten auf diese Weise nach Hause zwingen will.
Betrübt von Niederlage und erzwungener Heimkehr fasst Don Quijote neue Pläne: Die Auszeit von seiner "irrenden Ritterschaft" will er als "geputzter Schäfer" in der Einsamkeit verbringen. Er ersinnt romantische Vorstellungen und neue ehrenvolle Namen und teilt diese mit dem Dorfpfarrer und dem Bakkalaureus Simson Carrasco – alle staunen über die neue Narrheit. Doch aus den Plänen wird nichts. Schon wenige Tage nach seiner Rückkehr befällt Don Quijote ein Fieber. Auf dem Sterbebett erkennt er plötzlich den Unsinn der Ritterbücher und beklagt, dass ihm diese Einsicht so spät gekommen sei. Damit enden sein Leben und das Buch.
Stil↑
Cervantes verbindet eine derbe Abenteuerhandlung mit erstaunlich modernen Erzählverfahren. Schon das Spiel mit dem angeblichen arabischen Chronisten "Cide Hamete Benengeli" prägt den Roman. So gibt das Buch vor, nur die Übersetzung einer fremden Handschrift zu sein. Im zweiten Teil treibt Cervantes diese Brechung auf die Spitze: Seine Helden lesen den ersten Band, kommentieren ihn und ärgern sich über Ungereimtheiten. Es ist Literatur, die sich selbst betrachtet.
Das Werk lebt von der ständigen Spannung zwischen erhabener Ritterrede und nüchterner Wirklichkeit. Don Quijote spricht im hohen Ton der alten Romane. Sancho antwortet mit Sprichwörtern und bäuerlichem Witz. Aus diesem Kontrast entsteht ein Großteil der Komik. Cervantes mischt dabei die Erzählformen: Reiseabenteuer, eingeschobene Novellen, Briefe, Gedichte, gelehrte Gespräche. Die Forschung hebt seit dem zwanzigsten Jahrhundert besonders die Selbstreferenzialität, den Pastiche, die Gattungsvielfalt und die Metafiktion hervor. Cervantes wendet diese Mittel meisterlich an.
Auch das berühmte Figurenpaar ist Teil des Stils. Der lange, hagere Ritter und der kleine, dicke Knappe bilden ein Komikerduo. Diese Grundkonstellation haben die Weltliteratur und später Theater, Film und Musical immer wieder aufgegriffen.
Rezeption↑
Don Quijote ist eines der einflussreichsten und bekanntesten Bücher der Weltliteratur. Es wurde in über siebzig Sprachen übersetzt. Mit rund 2300 Auflagen gilt es als das wirkungsmächtigste Werk nach der Bibel. Im Jahr 2002 wählten hundert bekannte Schriftsteller, organisiert vom Osloer Nobelinstitut, das Werk zum "besten Buch der Welt". Es ist auch in die Zeit-Bibliothek der 100 Bücher aufgenommen.
Ab der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts entstanden zahlreiche literarische Adaptionen. Der schottische Philosoph David Hume setzte sich mit dem Roman auseinander. Im neunzehnten Jahrhundert taten dies Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Friedrich Schlegel sowie die Dichter Ludwig Tieck und Heinrich Heine. Im zwanzigsten Jahrhundert folgten José Ortega y Gasset, Miguel de Unamuno, Michel Foucault und Ernst Bloch. Friedrich Schlegel nahm in der Vorrede zu seinem Roman Lucinde ausdrücklich Bezug auf Cervantes. Er nannte den "hohen Cervantes" als Vorbild für das selbstreflexive Vorreden-Schreiben.
Heinrich Heine konnte den Wert des Romans gar nicht hoch genug schätzen. Cervantes' Werk sei nicht nur die berühmte Satire gegen die damals beliebten Ritterromane. Diese Satire ließ nach ihrem Erscheinen den Geschmack für jene Bücher in ganz Spanien erlöschen. Cervantes habe zugleich "die größte Satire gegen jede menschliche Begeisterung" geschaffen. Was Goethe im Lyrischen und Shakespeare im Dramatischen sei, das sei Cervantes im Epischen: der Dichter, der in seiner Gattung das Höchste geschaffen habe.
Das Komikerduo aus großem, hagerem Herrn und kleinem, dickem Diener wurde immer wieder im Film, im Theater und im Musical neu besetzt. Die Reihe reicht von Pat & Patachon (1926) über die Verfilmung mit Fjodor Schaljapin (1933) bis zum Mann von La Mancha mit Peter O'Toole (1972) und der Fassung mit Johnny Depp (2002). Sätze aus dem Buch wie "an dessen Namen ich mich nicht erinnern möchte" sind im Spanischen zu geflügelten Worten geworden.
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