La tía fingida
Überblick↑
Die Erzählung La tía fingida („Die vorgetäuschte Tante") ist eine kurze Novelle. Sie wird Miguel de Cervantes zugeschrieben. Seine Urheberschaft ist jedoch bis heute umstritten. Überliefert wurde der Text in zwei Fassungen: in einer Handschrift der Biblioteca Colombina in Sevilla sowie in Abschriften eines heute verlorenen Manuskripts aus dem 17. Jahrhundert. Dieses Manuskript wird nach seinem Besitzer „Porras de la Cámara" genannt. In jener verlorenen Sammlung standen auch leicht abweichende Fassungen zweier Stücke aus Cervantes' Novelas ejemplares, nämlich Rinconete und Cortadillo sowie Der eifersüchtige Extremeño. Dieser Umstand nährt die Zuschreibung. In den großen Ausgaben der Novelas ejemplares wird La tía fingida meist als Anhang mitgedruckt.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Schauplatz ist die Universitätsstadt Salamanca. Zwei junge Studenten aus der Mancha lieben das Vergnügen mehr als das Studium. Auf ihren Streifzügen durch die Stadt stoßen sie auf ein Haus. Dort lebt eine alte Frau namens Doña Claudia de Astudillo y Quiñones gemeinsam mit einer auffallend schönen jungen Frau, die Esperanza heißt. Vor diesem Haus bringen die beiden ein nächtliches Ständchen dar. Die Haushälterin weist sie jedoch grob ab. Sie wenden sich daraufhin an einen vornehmen Herrn der Stadt, Don Félix, und berichten ihm von der Schönheit Esperanzas. Don Félix knüpft eigene Verbindungen zu dem Haus. Am selben Abend will er sich selbst dorthin begeben. Versteckt im Inneren wird er Zeuge eines Gesprächs zwischen der Alten und der jungen Frau. Dieses Gespräch wirft ein ganz anderes Licht auf die scheinbar ehrbare „Tante" und ihr „Nichtchen".
Die Handlung im Detail↑
In Salamanca treiben sich zwei Studenten aus der Mancha herum, denen das Vergnügen näher liegt als die Universität. Bei einer ihrer Streifzüge entdecken sie ein Haus, in dem eine alte Frau, Doña Claudia de Astudillo y Quiñones, mit einer jungen Schönheit namens Esperanza wohnt. Eines Nachts bringen sie der jungen Frau ein Ständchen, werden aber von der Haushälterin schroff abgewiesen. Daraufhin suchen sie einen vornehmen Herrn der Stadt auf, Don Félix, und schildern ihm die Schönheit der Unbekannten. Don Félix wechselt über Botengänge mit der Haushälterin einige Nachrichten und verabredet, noch in derselben Nacht das Haus aufzusuchen.
Dort angelangt, hält er sich versteckt und wartet. Aus seinem Versteck wird er Zeuge eines Gesprächs zwischen der Alten und der Jungen, in dem die wahren Verhältnisse offen zutage treten: Die beiden leben von Prostitution und kuppelhafter Vermittlung in der Tradition der Celestina. Die scheinbare Tante hat aus ihrem „Nichtchen" eine Ware gemacht und versteht es, mit Tricks und Vorspiegelungen Käufer zu locken. Als Don Félix unversehens entdeckt wird, versucht er, das Geschäft zum Abschluss zu bringen. Doña Claudia spielt die Empörte und tut, als sei sie über ein solches Ansinnen entrüstet.
Durch den entstehenden Lärm wird die Obrigkeit auf das Haus aufmerksam. Der Corregidor erscheint mit der Justiz, lässt die beiden Frauen verhaften und ins Gefängnis bringen. Die Fürsprache des Don Félix vermag daran nichts zu ändern. Auf dem Weg ins Gefängnis aber gelingt es den beiden Studenten, Esperanza zu entführen. Einer von ihnen will sich noch in derselben Nacht an dem Mädchen vergreifen; sein Gefährte hält ihn jedoch mit Drohungen davon ab. Daraufhin entschließt sich der Student, Esperanza mit in sein Heimatdorf zu nehmen und sie mit dem Segen seines alten Vaters zu heiraten. Doña Claudia hingegen wird in Salamanca öffentlich für ihre Kuppelei und Hexereien bestraft.
Stil↑
Die Erzählung ist im knappen, anekdotisch zugespitzten Ton der spanischen Novelle des Siglo de Oro gehalten. Sie bewegt sich im selben Umfang und in derselben Bauform wie die Novelas ejemplares. Erst dieser Umstand legt die Zuschreibung an Cervantes überhaupt nahe. Schauplatz, Personal und Sprachregister wurzeln in der pikaresken und celestinesken Welt: leichtsinnige Studenten, ein vornehmer Lebemann, eine alte Kupplerin und ein gutgläubig wirkendes Mädchen treten als Typen auf. Der Leser jener Zeit erkennt sie aus zahllosen Erzählungen wieder. Komik, Sittenbild und moralisches Exempel sind eng verzahnt. Hinter der scheinbar harmlosen Verwandtschaftsfassade von „Tante" und „Nichte" liegt das vertraute Muster der Kuppelei, das mit ironischer Schärfe vorgeführt wird.
Rezeption↑
Der Text wurde 1787 durch Isidoro Bosarte bekannt gemacht, der das sogenannte Porras-Manuskript entdeckte. Sogleich entzündete sich an der Novelle die Frage nach dem Verfasser. Bosarte hielt sie für ein Werk von Cervantes. Er stützte sich dabei auf die stilistische und thematische Nähe zu dessen übrigen Erzählungen, auf das gleiche Format wie die Novelas ejemplares und auf den Umstand, dass der Text gemeinsam mit zwei Stücken aus dieser Sammlung überliefert war. Gelehrte und Cervantes-Forscher wie Agustín García Arrieta, Navarrete und Bartolomé José Gallardo schlossen sich dieser Zuschreibung an. Die erste bekannte Ausgabe erschien 1814 in Madrid in García Arrietas Espíritu de Miguel de Cervantes Saavedra.
Eine allgemeine Anerkennung hat die Zuschreibung jedoch nie gefunden. Andere Forscher wie Andrés Bello, Manuel Criado de Val, Foulché-Delbosc und Juan Bautista Avalle-Arce haben Cervantes' Verfasserschaft entschieden bestritten. Auch neuere Untersuchungen mit Mitteln der Textanalyse haben kein eindeutiges Ergebnis erbracht. So lebt die Erzählung in einem eigentümlichen Zwischenzustand. Sie wird gewöhnlich am Ende der maßgeblichen Ausgaben der Novelas ejemplares mit abgedruckt und ist zugleich in Einzelausgaben greifbar. 1983 strahlte das spanische Fernsehen TVE eine Dramatisierung des Stoffes aus.
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