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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · La vida breve
Eingang · Werke · La vida breve
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La vida breve
1950
– Werkseintrag –

La vida breve

1950 · Roman

Ein Redakteur in Buenos Aires erfindet einen Arzt in einer Stadt, die es nicht gibt, und beginnt daneben ein zweites Leben unter falschem Namen.

Überblick↑

Der 1950 bei Sudamericana erschienene Roman La vida breve stammt von dem uruguayischen Schriftsteller Juan Carlos Onetti, der 1909 in Montevideo geboren wurde und 1994 in Madrid starb. Die Handlung spielt im Wesentlichen in zwei Welten: im wirklichen Buenos Aires und in Santa María, einer erfundenen, traumhaft anmutenden Stadt. Diese Stadt entsteht in diesem Buch zum ersten Mal. Sie kehrt später in El astillero (1961) und Juntacadáveres (1964) wieder und wurde zum Schauplatz eines großen Teils von Onettis erzählendem Werk.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Mittelpunkt steht Juan María Brausen, ein vierzigjähriger Redakteur in Buenos Aires. Er steckt in einer Krise der Lebensmitte. Seine Frau Gertrudis, mit der er seit fünf Jahren verheiratet ist, muss sich einer Brustoperation unterziehen. Sein alter Freund Julio Stein warnt ihn, der Agenturchef MacLeod wolle ihn entlassen.

Um dem finanziellen Ruin zu entgehen, versucht Brausen auf Steins Rat, ein Filmdrehbuch zu schreiben und zu verkaufen. Allein in seiner Wohnung beginnt er sich einen Arzt vorzustellen: Díaz Grey, ebenfalls vierzig Jahre alt, in seiner Praxis in dem erfundenen Ort Santa María. Zu ihm kommt die verführerische Elena Sala de Lagos, die Rezepte für Morphium verlangt, von dem sie abhängig ist.

Zur gleichen Zeit zieht in die Nachbarwohnung eine Prostituierte, die alle nur La Queca nennen. Brausen hört ihre Gespräche durch die Wand und malt sich ihre Wohnung und ihr Leben aus. Schließlich dringt er in ihre Räume ein. Als seine Ehe zerbricht und er die Stelle verliert, tritt er der Nachbarin unter falschem Namen gegenüber und nennt sich Arce. Während sein eigenes Leben zerfällt, wächst die erfundene Welt von Santa María weiter.

Die Handlung im Detail↑

Zwei Erzählstränge laufen nebeneinander her. In Buenos Aires verliert Brausen nach und nach den Halt. Gertrudis verlässt ihn, die Agentur entlässt ihn, und die Abfindung gibt er langsam aus. Er betritt die Wohnung der Nachbarin und gibt sich als Arce aus, zunächst als Freund eines früheren Liebhabers von La Queca, später mit einer anderen Lüge als Mann, der sie in einer Bar gesehen und ihr nach Hause gefolgt sei. Zwischen beiden beginnt eine gewalttätige Beziehung, in der viel Gin getrunken wird. Einmal trifft Ernesto, einer der Liebhaber La Quecas, ihn in ihrer Wohnung an und schlägt ihn zusammen. Dass er in Wahrheit der Nachbar von nebenan ist, erfährt sie nie.

Brausen mietet ein Büro, stiehlt eines der Familienfotos La Quecas und lässt sich von Bekannten tagsüber dort anrufen. Ein erfundener „Onetti“, angelehnt an den wirklichen Autor, taucht kurz als Bürogenosse auf. Brausens Gedanken werden immer gewalttätiger. Er stellt sich vor, wie er Gertrudis und La Queca töten würde, kauft eine Waffe und wartet auf die Gelegenheit. Bevor er zur Tat schreiten kann, tötet Ernesto die Frau. Aus unerklärten Gründen hilft Brausen ihm bei der Flucht, und beide verlassen Buenos Aires mit dem Zug. Zugleich hinterlässt Brausen in der Wohnung eine Notiz, die Ernesto als Mörder belastet. Die Flucht führt die beiden nach Santa María, wo die Polizei sie aufspürt. Was aus Brausen wird, bleibt am Ende offen.

Im erfundenen Strang will Díaz Grey Elena Sala und ihrem Mann Lagos helfen, deren verschwundenen Geliebten Oscar, genannt El Inglés, zu finden, der mit ihrem Geld durchgebrannt ist. Die Suche wird zu einer Reise von einem Monat und führt sie in ein Hotel, auf ein Landhaus und in das Haus eines Bischofs, wo Oscar sich aufgehalten hat. Díaz Grey begehrt Elena, die ihn zunächst verspottet. Eines Nachts schläft sie mit ihm und stirbt danach auf rätselhafte Weise im Bett. Nach ihrem Tod verbündet sich der Arzt mit Lagos und Oscar zu einem Racheplan, bei dem sie Morphiumrezepte verkaufen.

Zu dritt, begleitet von einer jungen Geigerin, der Tochter des Landhausbesitzers, tauchen sie in der Nacht vor dem Karneval in Buenos Aires auf, verkleidet, um der Polizei zu entgehen. Am Ende werden sie entdeckt und müssen erkennen, dass Lagos die versprochene Flucht mit dem Boot nicht vorbereitet hat. Díaz Grey und die Geigerin Annie gehen gemeinsam in die Nacht davon, was eine mögliche Liebesgeschichte andeutet. So verliert sich Brausen in der Erfindung, die er selbst geschaffen hat, während Díaz Grey seinen Platz im wirklichen Buenos Aires einnimmt. Brausens Wunsch, selbst zur Erfindung zu werden, geht damit in Erfüllung.

Stil↑

Kennzeichnend für das Buch ist der Bau aus zwei ineinander verschränkten Ebenen. Die eine spielt im nüchtern geschilderten Buenos Aires, die andere in der erfundenen Stadt Santa María. Beide Ebenen laufen zunächst getrennt und nähern sich einander immer weiter an, bis sie am Schluss ineinander übergehen.

Onetti spielt dabei mit den Grenzen zwischen Erfinder und Erfundenem. Sein Held legt sich unter dem Namen Arce eine zweite Person zu, und ein erfundener Namensvetter des Autors tritt kurz als Nebenfigur auf. Der Schluss bleibt bewusst offen und verweigert eine eindeutige Auflösung.

Rezeption↑

Eine der größten Nachwirkungen des Romans liegt in der Stadt, die er hervorgebracht hat. Santa María blieb nicht auf dieses eine Buch beschränkt. Onetti kehrte immer wieder dorthin zurück, unter anderem in El astillero von 1961 und in Juntacadáveres von 1964. Ein großer Teil seines erzählenden Werks spielt in diesem erfundenen Ort. Damit gilt der Roman als Ausgangspunkt von Onettis eigener literarischer Landschaft.

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