1918
Las lenguas de diamante
Überblick↑
Der Gedichtband Las lenguas de diamante erschien 1918 und war das erste Buch der uruguayischen Dichterin Juana de Ibarbourou. Sie war damals 22 Jahre alt. Das Vorwort schrieb der argentinische Romancier Manuel Gálvez. Die Sammlung löste sich von den erschöpften Formen des Modernismo, der um die Jahrhundertwende die spanischsprachige Dichtung geprägt hatte. An ihre Stelle trat eine funkelnde Bildwelt, die den Körper feiert und das lyrische Ich mit der Natur verschmelzen lässt. Der Erfolg kam sofort, im eigenen Land wie im Ausland. Nicht lange danach erhielt die Dichterin den Ehrennamen „Juana de América“.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Versammelt sind Gedichte, deren Hauptthema die Liebe ist. Die Sprecherin dieser Verse wendet sich an einen Geliebten, und sie tut das ohne die Rücksichten, die der katholischen Moral ihrer Zeit entsprochen hätten. Immer wieder rühmt sie den eigenen Körper und die eigene dunkle Haut. Natur und Sinnlichkeit rücken dabei zusammen und werden zu etwas Alltäglichem, obwohl strenge gesellschaftliche Regeln beides eigentlich voneinander trennten.
Die Titel der Gedichte deuten die Spannweite an: Es geht um Durst und Erwartung, um Leidenschaft und Überdruss, um Schlaflosigkeit, Unruhe und die nächtliche Stille. Neben Gedichten wie „Rebelde“, „Amémonos“ oder „El fuerte lazo“ stehen stillere Stücke über Veilchen, über eine Hirtin, über Melancholie. Das Buch ist dem Ehemann der Dichterin gewidmet, den sie als Gefährten und Liebenden ansieht und dem sie die Anregung ihrer Dichtung seit der Verlobungszeit zuschreibt.
Die Handlung im Detail↑
Vor dem Buch stand ein Weg über die Zeitungen. Juana de Ibarbourou veröffentlichte zunächst in Blättern von Melo, und zwar unter dem französisch klingenden Namen Jeannette d'Ybar. Später legte sie eine kleine Auswahl ihrer Gedichte Vicente Salaberry vor, der in der Montevideoer Zeitung La Razón eine Literaturseite betreute. Sein Urteil fiel sehr günstig aus. Er widmete ihr eine ganze Seite unter der Überschrift „Die Offenbarung einer außergewöhnlichen Dichterin“ und druckte mehrere ihrer Gedichte ab.
Danach stellte sie ihr erstes Buch zusammen. Es erschien unter dem Namen Juana de Ibarbourou bei einem Verlag in Buenos Aires; der Titel Las lenguas de diamante trägt noch deutlich den Klang des Modernismo. Manuel Gálvez steuerte das Vorwort bei. Die Dichterin erhielt fünfundzwanzig Belegexemplare. Eines schickte sie an Gabriele D'Annunzio, vier an Miguel de Unamuno, damit dieser sie an Juan Ramón Jiménez, Antonio Machado und Manuel Machado weiterreiche. Alle bestätigten den Empfang und lobten das Buch nachdrücklich.
Der Band selbst kennt keine fortlaufende Erzählung, sondern reiht die Gedichte aneinander. Die Reihe beginnt mit dem Titelgedicht und führt über Stücke wie „La pequeña llama“, „La espera“, „La hora“ und „La Sed“ zu „Rebelde“ und „Implacable“. In der Mitte stehen Liebesgedichte wie „Amémonos“, „El fuerte lazo“ und „Pasión“, daneben „Melancolía“, „Redención“ und „Lamentación“. Weiter hinten folgen „Vida garfio“, „Las violetas“, „Despecho“, „El dulce milagro“, „La pastora“, „Hastío“ und „Insomnio“. Den Schluss bilden unter anderem „La cita“, „La estatua“, „Fusión“, „La inquietud fugaz“, „Monja noche“ und „Angustia“.
Die Zusammensetzung blieb nicht dieselbe. In den folgenden Auflagen wechselte der Bestand der aufgenommenen Gedichte. Anfang 2011 brachte der Verlag Ediciones de la Banda Oriental das Erstlingsbuch erneut heraus, diesmal als Auswahl. Besorgt wurde sie von den Literaturwissenschaftlern Pablo Rocca und Luis Volonté. Diese Ausgabe versammelt 47 Gedichte in drei Abteilungen: „La luz interior“, „Ánforas negras“ und „La clara cisterna“.
Stil↑
Auffällig ist die einfache Sprache. Gesuchte, verrätselte Metaphern fehlen, ebenso jene Anspielungen auf andere Texte, die den Leser vom Gedicht wegführen und die zu den Kennzeichen des Modernismo gehörten. Stattdessen häufen sich Mittel, die das sprechende Ich mit der Natur verschmelzen lassen. Diese Verschmelzung wird zum Erkennungszeichen des frühen Werks der Dichterin. Das Lob des Körpers und der eigenen dunklen Haut zieht sich durch den ganzen Band und bleibt auch in den späteren Büchern erhalten. Natur und Erotik werden dabei nicht als Ausnahmezustand behandelt, sondern in den Alltag geholt, aus dem strenge gesellschaftliche und moralische Vorschriften sie herausgehalten hatten.
Rezeption↑
Bereits im Vorwort zur Erstausgabe erkannte Manuel Gálvez in diesen Versen „eine gesunde, starke, jugendliche, unerschrockene Liebe“ und sah darin einen natürlichen Sinn für Liebe und Leben schön ausgedrückt. Miguel de Unamuno bedankte sich für das ihm zugesandte Exemplar und schrieb, ihn habe die „keuscheste geistige Nacktheit“ dieser Gedichte höchst angenehm überrascht, so frisch und zugleich so glühend seien sie. In der Zeitung La Nación in Buenos Aires nannte er die Verfasserin eine vorzügliche Dichterin und sprach von Gedichten von keuscher und brennender Nacktheit, von einer verhaltenen Leidenschaft. Zugleich hielt er sie mitunter für unkorrekt und vielleicht ungeschickt, doch für intensiv, tief und beinahe immer dichterisch.
Der Erfolg stellte sich sogleich ein, im eigenen Land ebenso wie über dessen Grenzen hinaus. Er trug der Dichterin bald darauf den Ehrennamen „Juana de América“ ein. Das Buch blieb über die Jahrzehnte präsent und wurde immer wieder neu aufgelegt.
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