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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Don Segundo Sombra
Eingang · Werke · Don Segundo Sombra
Cover Don Segundo Sombra
Don Segundo Sombra
1926
– Werkseintrag –

Don Segundo Sombra

1926 · Roman

Ein vierzehnjähriger Waisenjunge schließt sich in der argentinischen Pampa einem schweigsamen Gaucho an, der ihn fünf Jahre lang das harte Landleben lehrt und ihm zur Vaterfigur wird.

Überblick↑

Der Roman Don Segundo Sombra von Ricardo Güiraldes erschien 1926 in Argentinien und gilt als eine der bedeutenden argentinischen Erzählungen des 20. Jahrhunderts. Das Buch schildert in der Ich-Form, wie ein Junge auf dem Land unter der Anleitung eines erfahrenen Gaucho erwachsen wird. Anders als in dem älteren Gedicht Martín Fierro von José Hernández geht es hier nicht darum, dem Gaucho zu seinem Recht zu verhelfen. Güiraldes ruft ihn vielmehr als „Schatten“ auf, als legendäre Gestalt in wehmütigem Ton. Für die argentinische Literatur bedeutet das Werk zugleich einen brillanten Abschluss jener Gaucho-Dichtung, die im 19. Jahrhundert begonnen hatte. Der Schauplatz ist San Antonio de Areco, der Geburtsort des Autors.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Erzählt wird die Geschichte des vierzehnjährigen Fabio Cáceres. Er ist ein Waisenjunge, den sein Vater nie anerkannt hat und der bei „ein paar Tanten“ aufwächst. Eines Tages begegnet ihm ein Fremder, der ihm gleich wie eine Erscheinung vorkommt: „Mir schien, ich hätte ein Gespenst gesehen, einen Schatten, etwas, das vorüberzieht und mehr eine Idee ist als ein Wesen.“ Dieser Mann ist Don Segundo Sombra, ein kluger, ernster und wortkarger Gaucho.

Fabio schließt sich ihm an. In den folgenden Jahren lernt er das harte Handwerk der Pampa: Vieh treiben, Pferde zureiten, sich im Gelände zurechtfinden. Doch die Lehre bleibt nicht beim Handwerklichen. Der Junge lernt auch Ausdauer und Festigkeit im Kampf, Gelassenheit gegenüber dem, was ohnehin geschieht, Zurückhaltung gegenüber Frauen und Alkohol, Vorsicht unter Fremden und Vertrauen zu Freunden. Der Ältere wird ihm zu einer Art Vaterfigur, und der hungrige Wunsch des Jungen nach Vaterschaft findet hier eine Antwort.

Im Mittelpunkt steht damit die Bindung zwischen einem schweigsamen Mann und einem heranwachsenden Burschen. Fabio erzählt rückblickend, und immer wieder tritt er an ein Gewässer, an dessen Ufer ihm die Bilder der vergangenen Jahre erscheinen. Was aus dem Jungen wird und wie sein Weg neben dem des Gaucho verläuft, entfaltet der Roman in seiner zweiten Hälfte.

Die Handlung im Detail↑

Zu Beginn ist Fabio Cáceres ein vierzehnjähriger Waisenjunge, ein kleiner Viehtreiber ohne Aussichten. Sein Vater hat ihn nicht anerkannt, aufgezogen wurde er von einigen Tanten. Die Begegnung mit Don Segundo Sombra verändert alles. Fabio beschreibt den Fremden vom ersten Augenblick an als flüchtige Erscheinung, als Schatten. Die Bewunderung, die dabei entsteht, wächst noch, als der Junge sein Leben an das des Gaucho bindet.

Güiraldes hat die Titelfigur nach einem wirklichen Landsmann gestaltet, einem Mann namens Segundo Ramírez. Die Beschreibung im Buch stimmt in allem mit dem erhaltenen Foto dieses Ramírez überein: die breite Brust, die knochigen Gelenke wie bei einem Fohlen, die kurzen Füße, die dicken, ledrigen Hände, die indianisch getönte Haut, die kleinen, leicht zu den Schläfen ansteigenden Augen. Zum Reden schiebt er den schmalkrempigen Hut nach hinten und gibt eine Stirnfranse frei, kurz geschnitten wie eine Mähne.

Fünf Jahre lang zieht Fabio mit ihm durch die Pampa. Er wird zum Viehtreiber, zum Kenner der Wege und zum Pferdezureiter. Kleidung und ein eigenes Pferd zeugen von seiner Verwandlung; er selbst erkennt, wie aus ihm ein Gaucho wird. Diese Wandlung schreibt er ganz dem Älteren zu: Der habe in fünf Jahren einen Mann aus ihm gemacht. Neben dem Können erwirbt er einen festen Charakter und eine klare Haltung zum Leben.

Am Ende blickt Fabio auf die letzten drei Jahre zurück, in denen aus dem einfachen Viehtreiber der Herr eines unerwartet ererbten Besitzes geworden ist. Er sitzt an der kleinen Böschung einer Lagune auf seinem eigenen Land und geht im Kopf sein Tagebuch als Gutsherr durch. Das Wasser wirkt für ihn wie ein Spiegel, in dem die Bilder der Vergangenheit vorüberziehen. An einem Bach hatte er einst seine Kindheit zusammengefasst; als er sein Pferd an einer Furt tränkte, überblickte er fünf Jahre Gaucholeben.

Nun ahnt er, dass der traurigste Augenblick seines Lebens bevorsteht: der endgültige Abschied von seinem „Paten“. Fabio ist an das Erbe gebunden und hat sich entschlossen, ein gebildeter Mann zu werden. Zerrissen spürt er, dass er den Lehrer nicht an seiner Seite wird halten können, denn dieser ist, wie der Schüler genau weiß, ein anarchischer und einsamer Geist. So endet der Roman mit der Trennung. Fabio wird ein kultivierter Mann, der jedoch niemals verbirgt, welch tiefe Zufriedenheit ihm das Landleben weiterhin schenkt. Gegenwart und Vergangenheit verschmelzen dabei, und der Leser gerät unmerklich in eine erinnernde Wehmut.

Stil↑

Geschrieben ist der Roman in einer schlichten Sprache. Besonders in den Dialogen häufen sich Ausdrücke aus der Mundart der argentinischen Ebene. Der Wortschatz ist voll von Wörtern, die in Argentinien und vor allem im Landleben der Provinz Buenos Aires gebräuchlich sind. Wie bei vielen Werken der Gaucho-Dichtung braucht eine gute Ausgabe deshalb ein Glossar. Auffällig sind auch die Verkleinerungsformen, die in Argentinien in Stadt und Land verbreitet sind.

Hörbar bleibt daneben die Stimme des Dichters, der Güiraldes zuvor gewesen war. Immer wieder färben lyrische Wendungen die Seiten. So heißt es über die Ebene, die Eindrücke seien dort rasch und ruckartig, um sich dann in der Weite zu verlieren, ohne eine Spur zu hinterlassen. Manche Vergleiche bleiben haften: Der Schlaf fiel über den Erzähler wie ein Heuschober über einen kleinen Vogel. Anderswo mischen sich die Sinne, wenn die Wasser seinen Augen kalt werden. In bewegten Augenblicken wird der Vergleich sehr sprechend: „Ich ging fort wie einer, der verblutet.“ Für die Landschaft findet Güiraldes Bilder wie das frische Licht, das Gold über das Feld rinnen lässt, oder die Grasflächen ringsum, die schweigend wieder aufleben und von Tau funkeln.

So treffen im Autor zwei Herkünfte zusammen: die literarische Schulung, die zuerst bei der Dichtung ansetzte, und der Tonfall des Gutsmannes, der die Dinge seiner Heimat liebt. Sein Stil fängt die Zurückhaltung des Landmannes gut ein, in Ironie, in Scherzen, in verschmitzten Anspielungen und in Vergleichen, die Menschen wie Dinge beseelen. Die Zeitebenen sind kunstvoll gefügt: Die Gegenwart verbindet sich mit dem Vergangenen, wodurch der elegische Ton verstärkt wird, der mit heiteren und unbeschwerten Augenblicken abwechselt.

Rezeption↑

Als Erneuerung der Gaucho-Dichtung wurde das Buch zum wichtigsten Versuch seines Autors auf diesem Feld. Es zählt zu den herausragenden Beispielen des argentinischen Romans im 20. Jahrhundert und schließt den Zyklus jener Literatur, der im 19. Jahrhundert begonnen hatte, auf glänzende Weise ab. Güiraldes selbst galt als bedeutender Kopf des sogenannten Grupo Florida, einer Gruppe von Schriftstellern, die sich in der Confitería Richmond in Buenos Aires traf. Ihr gehörten unter anderen Victoria Ocampo, Leopoldo Marechal und Oliverio Girondo an. Ihr stand, aus einfacheren Verhältnissen kommend, der Grupo Boedo gegenüber, zu dem etwa Roberto Arlt zählte.

Umstritten blieb die Figur des Don Segundo. Literaturkritiker der argentinischen Linken sahen in ihm nicht den kämpferischen, für sein Recht streitenden Gaucho vom Schlage des Martín Fierro, sondern die wehmütig verklärte Rückschau der großen Gutsbesitzer. Ernesto Sabato hat dieser marxistischen Kritik widersprochen. Ein linker Kritiker, der sich auf Marx berufe, behaupte, der Don Segundo Sombra von Güiraldes existiere gar nicht, er sei kaum mehr als die Sicht eines Gutsherrn auf den alten Gaucho der Provinz Buenos Aires. Das sei ungefähr so, als klage man Homer der Fälschung an, weil gründliche Erhebungen in den kalabrischen und sizilianischen Bergen keinen einzigen Zyklopen zutage gefördert hätten.

Ángel Mazzei würdigte das Werk in der Einleitung zu einer Ausgabe als ein Buch, in dem sich die gelungene Konzeption ganz mit der Ausführung verbinde. Es gebe Werke, bei denen die Form über dem Stoff zu stehen scheine, und andere, die eine nicht zu heilende Kluft zwischen Absicht und Ergebnis zeigten. Güiraldes habe die größtmögliche Annäherung zwischen seinem Romanentwurf und dem Roman selbst erreicht.

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