Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Autoreneintrag · Ricardo Güiraldes
Eingang · Autoren · Ricardo Güiraldes
Porträt Ricardo Güiraldes
Ricardo Güiraldes
1886 – 1927
– Autorenporträt –

Ricardo Güiraldes

1886 – 1927 · 41 Jahre

Argentinischer Schriftsteller, der die Welt der Gauchos mit der Formsprache der Pariser Avantgarde verband – berühmt wurde er 1926 mit dem Roman „Don Segundo Sombra“.

Kurzbiografie↑

Der argentinische Schriftsteller Ricardo Güiraldes wurde 1886 in Buenos Aires geboren und starb 1927 in Paris. Bekannt wurde er international durch seinen 1926 erschienenen Roman Don Segundo Sombra, der auf Deutsch als Das Buch vom Gaucho Sombra erschien. Aufgewachsen zwischen Europa und dem Landgut seiner Eltern in der argentinischen Provinz, verband er beide Welten in seinem Werk: die französische Avantgarde, der er in Paris begegnete, und das Leben der Gauchos, das er als Kind und Jugendlicher aus nächster Nähe kennengelernt hatte. Vor dem späten Erfolg lagen Jahre der Erfolglosigkeit; erst mit dem Aufkommen der literarischen Avantgarde in Buenos Aires fanden seine Bücher ein Publikum. Er starb mit einundvierzig Jahren an einer Krebserkrankung.


Biografie↑

Geboren wurde Ricardo Güiraldes am 13. Februar 1886 in Buenos Aires. Seine Familie gehörte dem wohlhabenden Landadel an. Der Vater war ein kultivierter, gebildeter Mann, dessen Interesse für die Kunst auf den Sohn abfärbte. Als Ricardo ein Jahr alt war, zog die Familie nach Europa. Dort lernte er schon als Kind Französisch und Deutsch.

Einen großen Teil seiner Kindheit und Jugend verbrachte er dann auf der Estancia seiner Eltern in San Antonio de Areco bei Buenos Aires. Hier erlebte er das Landleben der Gauchos aus unmittelbarer Nähe. Diese Erfahrung wurde Jahrzehnte später zum Stoff seines bekanntesten Romans.

Güiraldes studierte Architektur, Jura und Sozialwissenschaften. Keines dieser Studien schloss er ab. 1910 brach er zu ausgedehnten Reisen auf, die ihn nach Europa, nach Indien, Japan und Russland sowie in den Nahen Osten führten. In Paris blieb er länger. Dort fand er Zugang zur französischen Literatur der Avantgarde und fasste den Entschluss, Schriftsteller zu werden. Zunächst aber zog ihn das Kultur- und Nachtleben der Stadt stärker an als die Arbeit am Schreibtisch, und seine literarischen Pläne blieben unausgeführt.

1912 kehrte er nach Buenos Aires zurück. Im Jahr darauf heiratete er Adelina del Carril, die aus einer vornehmen Familie der Stadt stammte. Im selben Jahr erschienen seine ersten Erzählungen. 1915 folgte sein erstes Buch, der Gedichtband El cencerro de cristal; im gleichen Jahr kam der Erzählungsband Cuentos de muerte y sangre heraus. Ermutigt wurde er zu dieser Arbeit von Leopoldo Lugones. Erfolg stellte sich vorerst nicht ein.

1916 reiste er mit seiner Frau an die Pazifikküste, nach Kuba und nach Jamaika. Aus den Notizen dieser Reise entstand der Entwurf zu einem Roman, den er erst 1923 fertigstellte: Xaimaca schildert die Fahrt von Buenos Aires nach Jamaika, und unterschwellig entwickelt sich dabei eine Liebesgeschichte. 1917 erschien der autobiografisch gefärbte Roman Raucho. Er erzählt von einem reichen Argentinier, der in Paris sein Vermögen und seine Gesundheit verliert und sich zurück aufs Land seiner Jugend sehnt. Im selben Jahr veröffentlichte Güiraldes die Erzählungsbände Aventuras grotescas und Trilogía cristiana.

1919 und 1922 reiste er erneut mit seiner Frau nach Europa. 1922 kam der Roman Rosaura heraus, eine melancholische, ironisch getönte Liebesgeschichte aus ländlichem Milieu. In diesen Jahren veränderte sich sein Denken: Er begann sich für Theosophie und für orientalische Philosophie zu interessieren.

Zugleich wendete sich das Blatt für seine Bücher. In Buenos Aires kamen die avantgardistischen Bewegungen auf, allen voran der Ultraismus, und in diesem Klima fanden seine Werke breite Zustimmung. 1924 gehörte Güiraldes zu den Gründern der ultraistischen Zeitschrift Proa. In Argentinien war das Blatt allerdings kein Erfolg.

Den Höhepunkt seines Schaffens erreichte er 1926 mit Don Segundo Sombra. Die Titelfigur ist die Idealgestalt eines Gaucho, des argentinischen Helden der Pampa.

1927 trat Güiraldes seine letzte Europareise an. Er erkrankte an Lymphdrüsenkrebs und starb am 8. Oktober 1927 im Haus seines Freundes Alfredo González Garaño in Paris. Sein Leichnam wurde nach Argentinien überführt und in San Antonio de Areco beigesetzt. Aus dem Nachlass erschienen mehrere Bände, darunter 1928 die Gedichtsammlungen Poemas místicos und Poemas solitarios, 1929 die Erzählungen Seis relatos sowie später noch El libro bravo und Pampa.


Literarische Merkmale↑

Prägend für sein Schreiben war die Verbindung zweier Welten. Auf der einen Seite stand die französische Avantgarde, der Güiraldes in Paris begegnete; auf der anderen das argentinische Landleben, das er auf der Estancia seiner Eltern kennengelernt hatte. Beide Erfahrungen fließen in sein Werk ein.

Er arbeitete in mehreren Gattungen. Neben Gedichtbänden stehen Erzählungen und vier Romane. Die Romane sind von seinem eigenen Leben durchzogen: Raucho ist autobiografisch gefärbt, Xaimaca geht auf eigene Reisenotizen zurück. In Rosaura mischen sich Melancholie und leise Ironie zu einer ländlichen Liebesgeschichte.

In seinem bekanntesten Buch verdichtete er die Gaucho-Welt zu einer Idealgestalt. Don Segundo ist die Verkörperung des argentinischen Helden der Pampa. In den 1920er Jahren traten neue Interessen hinzu: Theosophie und orientalische Philosophie beschäftigten ihn.


Rezeption↑

Anerkennung fand Güiraldes erst spät. Seine frühen Bücher blieben ohne Resonanz, obwohl ihn Leopoldo Lugones zum Schreiben ermutigt hatte. Erst als in Buenos Aires die avantgardistischen Bewegungen aufkamen, vor allem der Ultraismus, stießen seine Werke auf breite Zustimmung.

Internationale Bekanntheit brachte ihm Don Segundo Sombra von 1926. Der Roman erschien in deutscher Übersetzung unter dem Titel Das Buch vom Gaucho Sombra, versehen mit einem Nachwort von Hans-Otto Dill, und später auch als Die Geschichte vom Gaucho Sombra.

Einzelne kürzere Texte wurden im deutschen Sprachraum in Anthologien aufgenommen. Ein Gedicht erschien in einer Sammlung von Dichtungen aus der Pampa, ein weiteres in einem Band mit Gaucho-Dichtung. Erzählungen von ihm fanden sich in Sammlungen mit lateinamerikanischer und argentinischer Prosa. Sein schriftlicher Nachlass ist heute über den Kalliope-Verbund nachgewiesen.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

Aus dem Werkverzeichnis↑

Im Lexikon

Weitere Werke (Auswahl)

Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (2 weitere Titel)

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten