1780 – 1806
Karoline von Günderrode
Kurzporträt↑
Karoline von Günderrode (1780–1806) gehört zu den eindringlichsten Stimmen der deutschen Romantik. Sie lebte in einem Frankfurter Damenstift und veröffentlichte unter dem Pseudonym Tian Gedichte, Dramen und philosophische Prosa. Schon Zeitgenossen verglichen diese Werke mit Hölderlin und trugen ihr den Beinamen "deutsche Sappho" ein. Berühmter noch als ihre Werke wurde ihr Schicksal. Mit 26 Jahren nahm sie sich das Leben, am Rheinufer bei Winkel, nach der gescheiterten Liebe zum verheirateten Heidelberger Philologen Friedrich Creuzer. Ihre eng verflochtene Lebens- und Werkgeschichte hat sie zu einer der vielzitierten Frauengestalten der Romantik gemacht.
Biografie↑
Karoline Friederike Louise Maximiliane von Günderrode wurde am 11. Februar 1780 in Karlsruhe geboren. Ihre Familie war ein weitverzweigtes adeliges Geschlecht hessisch-badischer Beamter und Diplomaten. Der Vater Hector Wilhelm von Günderrode war badischer Regierungsrat und Historiker. Er starb früh, 1786, als Karoline sechs Jahre alt war. Die literarisch dilettierende Mutter Louise zog mit den Kindern nach Hanau.
1797, im Alter von 17 Jahren, wurde Karoline in das Cronstetten- und Hynspergische adelige evangelische Damenstift zu Frankfurt am Main aufgenommen. Das geschah aus Versorgungsgründen und auf Drängen der Mutter. Dort verbrachte sie den Rest ihres Lebens. Laut der Deutschen Biographie litt sie schwer unter dem Stiftsleben. Ihre Isolierung versuchte sie durch häufige und längere Reisen zu Verwandten und Freunden zu durchbrechen. Hinzu kamen anhaltende körperliche Beschwerden: heftige Kopfschmerzen und Sehstörungen. Diese ließen sie befürchten, am schwarzen Star zu erblinden.
Eng befreundet war sie mit der fünf Jahre jüngeren Bettina Brentano, der späteren Bettina von Arnim. Karoline wurde deren schwesterliche Erzieherin und Vertraute. Bettina sollte ihr 1840 eine Brief-Biographie widmen, die biographisch nur bedingt zuverlässig ist. 1799 entzündete sich eine erste, unerwiderte Liebe zu dem zwanzigjährigen Friedrich Karl von Savigny. Nach dessen Heirat mit Kunigunde Brentano, der Schwester Bettinas und Clemens Brentanos, entwickelte sich daraus eine ruhige Freundschaft. Auf deren Hofgut Trages bei Gelnhausen fand Karoline häufig Aufnahme. Auch das pathologische Werben Clemens Brentanos versuchte sie in Freundschaft umzulenken.
Ihr Schicksal entschied sich im August 1804 in Heidelberg. Dort lernte sie den Philologen und Mythologenforscher Friedrich Creuzer kennen. Creuzer war verheiratet mit einer um dreizehn Jahre älteren Professorenwitwe. Die Deutsche Biographie beschreibt ihn als "grundhäßlich und kränkelnd". Eine tiefe geistige Verwandtschaft band die beiden aneinander. Creuzer förderte ihre Dichtung, sie wiederum prägte mit ihrem intuitiven Denken seine mythologischen Studien. Doch zur Tiefe und Unbedingtheit ihrer Hingabe fand er keinen Zugang. Von seiner Frau vermochte er sich nicht zu trennen.
Zwei Jahre lang schwankte Creuzer zwischen Lösungsversuchen und Rückkehr. Während eines schweren Nervenfiebers hatte seine Frau ihn gepflegt. Danach entschied er sich endgültig gegen Karoline. Sein Freund, der Theologe Carl Daub, verfasste den "Lossagungsbrief" an eine Freundin Karolines. Dieser Brief fiel ihr in Winkel am Rhein unvorbereitet in die Hände. Inzwischen hatte sie auf Creuzers eifersüchtiges Drängen hin auch den Kontakt zu Bettina abgebrochen. Mit ihren Freunden Lisette und Christian Nees von Esenbeck hatte sie sich wegen des Verhältnisses zerstritten. Am 26. Juli 1806 tötete sie sich am Rheinufer mit drei Stichen ins Herz. Sie blieb unverheiratet.
Literarische Merkmale↑
Karoline von Günderrode dichtete empfindungstief, pathetisch-heroisch und formstreng. Sie steht damit, wie die Deutsche Biographie es formuliert, "zwischen Klassik und Romantik". Schon zu Lebzeiten wurde sie wegen ihres Lebens und ihrer Poesie die "deutsche Sappho" genannt und mit Friedrich Hölderlin verglichen.
Ihr literarisches Werk ist breit gefächert. Sie schrieb Gedichte und Dramen, dazu prosaische und philosophische Texte. Veröffentlicht hat sie unter dem Pseudonym Tian. Bezeichnend ist die ungewöhnlich gelehrte Grundlage ihres Schreibens: Sie war historisch und mythologisch gebildet. Zuerst prägten sie der Ossian, Herder und Goethe. Später kamen Schelling, Novalis, Jean Paul und Hölderlin hinzu. Friedrich Creuzer machte sie mit Heraklit, Plotin sowie mit der griechischen und vorderasiatischen Mythologie vertraut. Dieses Bildungsgut kam ihr als wesensverwandt entgegen.
Ein wiederkehrender Vorwurf der Zeitgenossen galt dem vermeintlich "männlichen" Ton ihrer Dichtung. Er kam durchaus auch gerade von denen, die ihr nahestanden. Savigny sprach von ihrem "männlichen Geist", Creuzer fand ihre Poesie "zu kühn, zu männlich". Was die Zeitgenossen irritierte, war jene Kühnheit, mit der sie große Stoffe der Antike und der Mythologie aufgriff. Sie verband dabei Empfindung mit gedanklicher Strenge.
Rezeption↑
Schon zu Lebzeiten Karolines war die Aufnahme ihrer Werke "verheerend", wie es im Quellenmaterial heißt. Die männlich dominierte Literaturkritik reduzierte ihre Veröffentlichungen oft auf den "weiblichen Gestus" der Texte. Sie diffamierte sie, ohne sich auf die Inhalte selbst einzulassen. Der spöttische Begriff der "Büchelchen" markiert diese Verniedlichung. Als der Hofmeister Engelmann die Identität hinter dem Pseudonym Tian in der Frankfurter Gesellschaft ausplauderte, schlug Karoline Spott und Häme entgegen. Auch Clemens Brentanos berühmt gewordene Bemerkung "Eine Frau die dichtet, ist fatal" gehört in diesen Zusammenhang.
Nach ihrem Tod überdauerte vor allem das "romantische" Leben, Lieben und Sterben Karolines. Es sicherte ihr ein sentimentales Interesse, das die Dichterin lange überstrahlte. Bettina von Arnim setzte ihr 1840 mit der zweibändigen Brief-Biographie Die Günderode ein Denkmal. Mehrfach erschienen Auswahlbände ihres poetischen Werks und ihrer Briefe.
In den 1970er Jahren wurde Karoline zu einer Identifikationsfigur der Frauenbewegung. Christa Wolf gab in der "Sammlung Luchterhand" die Anthologie Der Schatten eines Traumes heraus, versehen mit einem einfühlsamen Essay. Zeitgleich machte sie Karoline zur Protagonistin ihrer Erzählung Kein Ort. Nirgends. Darin trifft die Dichterin in fiktiver Begegnung auf Heinrich von Kleist. Prägend für die Forschung wurde Margarete Lazarowicz' Studie, die einen "untrennbaren Zusammenhang von Schreiben und Leben" postuliert. Walter Morgenthaler gab eine historisch-kritische Gesamtausgabe heraus. 2006 legte Dagmar von Gersdorff eine ausführliche Biographie vor.
Karolines Nachleben reicht über die Literatur hinaus. Auf dem Hof Trages ist ein kleines Haus nach ihr benannt. In der Oper Kleist von Rainer Rubbert und Tanja Langer begegnet sie wiederum Heinrich von Kleist. Auf der Rückseite des letzten 5-DM-Scheins von 1990 erscheint ihre Unterschrift als Faksimile. Und in Edgar Reitz' Film Heimat 3 taucht das fiktive "Günderodehaus" bei Oberwesel auf.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →