1695 – 1723
Johann Christian Günther
Kurzporträt↑
Johann Christian Günther (1695–1723) gilt als bedeutendster deutscher Lyriker des frühen 18. Jahrhunderts. Sein Werk steht am Schnittpunkt zweier Epochen. Formal ist es noch dem Barock verpflichtet. Durch seine starke innere Bewegtheit und seinen ausgeprägt persönlichen Ton weist es aber bereits auf die Aufklärung voraus. Der aus Schlesien stammende Dichter starb nur 27 Jahre alt, krank und mittellos, in Jena. Die Encyclopædia Britannica nennt ihn einen der wichtigsten deutschen Lyriker zwischen dem Mittelalter und dem frühen Goethe.
Biografie↑
Johann Christian Günther wurde am 8. April 1695 in Striegau in Schlesien geboren. Er war der Sohn des verarmten Stadtarztes Johann Günther und seiner Frau Anna, geborene Eichbänder. Weil Privatlehrer zu teuer waren, unterrichtete ihn der Vater zunächst selbst. Von 1710 bis 1715 besuchte Günther das Gymnasium in Schweidnitz. Dort erkannte und förderte Rektor Johann Christian Leubscher sein literarisches Talent. Bereits als Zwölfjähriger nahm er 1707 an den später verbotenen evangelischen Kinderandachten der Betenden Kinder teil und schrieb darüber ein Gedicht. Als einziger Schüler in der Geschichte des Gymnasiums durfte er zum Abschluss sein Jugenddrama Die von Theodosio bereute Eifersucht aufführen. Noch in der Schweidnitzer Zeit verlobte er sich mit Magdalena Eleonore Jachmann, der »Leonore« seiner späteren Gedichte.
1715 nahm er auf Wunsch des Vaters ein Medizinstudium auf, zunächst in Frankfurt an der Oder, kurz darauf in Wittenberg. Sein Entschluss, vom Dichten zu leben, führte zum Zerwürfnis mit dem Vater. 1716 ließ er sich in Wittenberg zum »Poeta laureatus Caesareus« krönen. Die damit verbundenen Kosten brachten ihn 1717 ins Schuldgefängnis. Schon in den ersten Studententagen begannen die Klagen über die ermüdende Suche nach einem Mäzen oder einer bezahlten Stelle als Hofdichter oder Erzieher. Diese Klagen, so notiert die Deutsche Biographie, verließen ihn von nun an nicht mehr. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich allein durch Gelegenheitsgedichte.
Im Spätsommer 1717 wechselte er an die Universität Leipzig. Dort fand er in dem Schriftsteller und Historiker Johann Burckhardt Mencke einen Förderer, der von seiner Begabung überzeugt war. 1719 versuchte Mencke vergeblich, ihm am Hof Augusts des Starken in Dresden eine Stelle als Pritschmeister zu verschaffen. Günther wurde abgewiesen und kehrte verbittert nach Schweidnitz zurück. Berühmt wurde er 1718 durch seinen Hymnus auf den Frieden von Passarowitz, in dem er Prinz Eugen und Kaiser Karl VI. enthusiastisch feierte. Das Gedicht brachte ihm großen Ruhm, aber weder Anstellung noch Belohnung.
Zwei Jahre hindurch hielt er sich in verschiedenen Städten Schlesiens auf, laut der Deutschen Biographie verleumdet, krank und verelendet. 1720 misslang ein Versuch, sich in Kreuzburg als Arzt niederzulassen. Auch die wiederholten Versöhnungsversuche mit dem Vater scheiterten, ebenso ein neues Verlöbnis. In dieser Zeit lebte er als Gast bei den Familien verschiedener Studienfreunde. Vermutlich Ende 1722 ging er nach Jena, um sein Medizinstudium abzuschließen. Kurz vor der Promotion zum Doktor der Medizin starb er dort am 15. März 1723 im Alter von 27 Jahren an Tuberkulose.
Literarische Merkmale↑
Günthers Lyrik entstand, wie die Neue Deutsche Biographie hervorhebt, am Schnittpunkt zweier Epochen. Sein Geburtsjahr war zugleich das Erscheinungsjahr des ersten Bandes der Neukirchschen Anthologie, in der sich noch einmal ein repräsentativer Querschnitt spätbarocker Lyrik darstellt. In seinen letzten Jahren erschienen die Discourse der Mahlern von Bodmer und Breitinger. Kurz vor seinem Tod erreichte der Pietismus mit der Gründung Herrnhuts seinen Höhepunkt. Alle diese Strömungen klingen in seinem Werk an.
Die ersten Gedichte stehen in der Tradition des Manierismus der »Zweiten Schlesischen Schule«. Schon im Vaterhaus war Günther mit den Schriften von Leibniz und später Wolff bekannt geworden. In Leipzig öffnete er sich dem Einfluss der »galanten Dichtung«, vorbereitet durch die Lektüre des Horaz und des Johannes Secundus. Später verwahrte er sich allerdings ausdrücklich dagegen, »galant« zu sein. Dort vollzog sich, so die NDB, die Trennung vom Schwulst der »Zweiten Schlesischen Schule« und die Wendung zu Opitz und Fleming. Unter dem Einfluss seiner Übersetzungen des Johannes Secundus entstanden die Studenten- und Liebeslieder wie Brüder laßt uns lustig sein.
Seine religiöse Lyrik und die geistlichen Oden im fragmentarischen Zyklus des Geistlichen Jahres tragen pietistische Züge. Zeit seines Lebens litt Günther, so die Deutsche Biographie, unter dem Widerspruch zwischen Leibniz' prästabilierter Welt-Harmonie und dem christlich-asketischen »Jammerthal« des Barockjahrhunderts. Formal hielt er sich an die Tradition der Opitzschen Verskunst. Sein fast ausschließlich lyrisches Werk ist Bekenntnis- und Erlebnisdichtung. Es ist Ausdruck einer geistigen Entwicklung der Zeit. Zugleich ist es, wie die NDB urteilt, ein über die Zeit hinausweisendes Denkmal eines schöpferischen Individualismus, der von Goethe später in seiner höchsten Form repräsentiert wurde.
Rezeption↑
Schon zu Lebzeiten verschaffte ihm 1718 die Ode auf den Frieden von Passarowitz großen Ruhm. Doch die moralische Verurteilung des Menschen überdeckte lange Zeit, wie die Deutsche Biographie schreibt, die gerechte Wertung des Lyrikers Günther. Diese Gefahr lag nahe, da sich Werk und Leben bei ihm schwerer als sonst bei einem Dichter dieser Zeit trennen lassen. Bereits in Schweidnitz hatte Th. Krause, der Herausgeber der Vergnügung Müßiger Stunden, seine moralische Integrität bezweifelt. Er machte ihn vor den bürgerlichen Kreisen Schlesiens zum verkommenen Studenten par excellence.
Den eigentlichen Nachruhm begründete die postume Sammlung Johann Christian Günthers aus Schlesien, Theils noch niegedruckte, theils schon herausgegebene, Deutsche und Lateinische Gedichte, die ein Jahr nach seinem Tod erschien. Die erste Gesamtausgabe seiner Werke von 1742 erlebte sechs Auflagen. Wilhelm Krämer legte zwischen 1930 und 1937 eine historisch-kritische Gesamtausgabe vor. 1950 veröffentlichte er die maßgebliche Biographie Das Leben des schlesischen Dichters J. C. Günther.
Goethe urteilte in Dichtung und Wahrheit über ihn: »Ein entschiedenes Talent, begabt mit Sinnlichkeit, Einbildungskraft, Gedächtnis, Gabe des Fassens und Vergegenwärtigens, fruchtbar im höchsten Grade, rhythmisch bequem, geistreich, witzig und dabei vielfach unterrichtet.« Die Encyclopædia Britannica nennt Günther einen der wichtigsten deutschen Lyriker der Zeit zwischen dem Mittelalter und dem frühen Goethe. Heute gilt er als bedeutendster deutscher Lyriker des frühen 18. Jahrhunderts. Formal ist er dem Barock zuzuordnen. Durch die innere Bewegtheit und individuelle Prägung seiner Dichtung ist er aber bereits als Vorläufer der Aufklärung zu lesen.
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