1325 – 1389
Hafis
Kurzporträt↑
Hafis stammt aus dem Persien des 14. Jahrhunderts. Mit bürgerlichem Namen hieß er Mohammed Schemseddin. Er zählt zu den bekanntesten persischen Dichtern und Mystikern. Seinen Ehrennamen Hafis erhielt er, weil er die heilige Schrift schon als Kind vollständig im Gedächtnis trug. Der Name bedeutet „jener, der den Koran auswendig kann“. Sein bekanntestes Werk ist die Gedichtsammlung Diwan, die nach seinem Tod zusammengestellt wurde. Sie besteht vor allem aus kunstvollen Ghaselen. Im deutschsprachigen Raum wurde er durch Übersetzungen und durch Goethes Begeisterung berühmt.
Biografie↑
Gesicherte Daten über das Leben des Hafis sind selten. Vieles ist nur als legendenhafte Überlieferung erhalten. Schon die Lebensdaten sind in der Forschung umstritten. Wikidata nennt als Geburtsjahr 1326, die Deutsche Biographie hingegen 1315. Ältere Angaben schwanken auch zwischen 1315 und 1325. Ebenso weichen die Quellen beim Todesjahr voneinander ab: Wikidata gibt 1389 an, die Deutsche Biographie 1390. Als Geburts- und Sterbeort gilt jeweils Schiras im heutigen Iran.
Sein Vater Baha-ud-Din war Kohlenhändler und starb, als Hafis noch ein Kind war. Er hinterließ der Familie hohe Schulden. Die Rezitationen des Korans durch den Vater sollen den Jungen so beeindruckt haben, dass er das Buch mit acht Jahren auswendig konnte. Daraus erwuchs später der Ehrentitel Hafis. Früh wurde er mit den Werken bedeutender persischer Dichter wie Rumi, Saadi, Fariduddin Attar und Nezāmi vertraut gemacht. Vermutlich erhielt er eine umfassende Ausbildung an einer Madrese. Seine Gedichtwidmungen und Lobreden deuten auf eine frühe Verbindung mit dem Hof der Muzaffariden hin.
Zunächst lernte Hafis das Bäckerhandwerk und übte es einige Zeit aus. Mit etwa 21 Jahren wurde er Schüler des Muhammad Attar in Schiras. Der Überlieferung nach lernte er beim Ausliefern von Brot und Backwaren in den reichen Vierteln seine „Muse“ Schach-e Nabaat kennen. Ihrer Schönheit widmete er viele Gedichte. Bald gewann er an Bekanntheit, wurde Hofdichter des Abu Ishaq und ein vielbeachteter Koranlehrer. Zugleich gehörte er einem Sufi-Orden an. Um 1333 eroberte Mubariz Muzaffar die Stadt und entließ ihn. Für Hafis war das der Anlass, zu Protestliedern überzugehen. Als Mubariz später von seinem Sohn Schah Schudscha' gestürzt und eingekerkert wurde, erhielt Hafis seine Stellung zurück. Überliefert ist auch, dass er mit etwa 60 Jahren im Freundeskreis eine vierzigtägige meditative Nachtwache begann. An deren Ende soll er eine Art Bewusstseinserweiterung erlebt haben.
Neben seinen höfischen Aufträgen verfasste Hafis auch gelehrte Werke. Er starb als hoch geachteter Dichter seiner Zeit. Sein Grab liegt in den Musalla-Gärten von Schiras, die für ihre Rosen bekannt sind. Im Auftrag von Schah Reza Pahlavi erhielt es einen vielbesuchten Pavillon, die sogenannte Hafeziye. In seinen Formulierungen weltlicher Weisheit gilt er laut Manuel Sommer als Nachfolger des Omar Chayyām. Diese Formulierungen sind von Vorstellungen geistiger Freiheit geprägt.
Literarische Merkmale↑
Kennzeichnend für das Werk des Hafis ist die Ghasele. In dieser strengen persischen Gedichtform gilt er als formvollendet. In vielen seiner Ghaselen hängen mehrere Verse inhaltlich zusammen. Doch finden sich auch lose aneinandergereihte Gedankengänge. Zu den wiederkehrenden Motiven gehören die typischen Themen des persischen Ghasels: unerwiderte Liebe, Trennung und Sehnsucht sowie das Schwärmen für die Schönheit der angebeteten Person. Daneben stehen Betrachtungen über die Vergänglichkeit des Lebens und die Unausweichlichkeit des Schicksals. Hinzu kommen die Aufforderung zum Lebensgenuss, die Kritik an religiöser Scheinheiligkeit und Verse aus dem Bereich der Mystik.
Bezeichnend ist die Doppeldeutigkeit seiner Bilder. In Europa nahm man seine Verse oft wörtlich. Im persisch-islamischen Kulturkreis wurden sie dagegen vielfach im übertragenen Sinn gedeutet. So etwa das Motiv des Weins, das in der mystischen Dichtung schon lange vor Hafis allegorisch verstanden wurde.
Rezeption↑
Der Diwan ist über etwa tausend Handschriften in Europa und im Orient überliefert. Er wurde erst nach dem Tod des Dichters zusammengestellt. Die Abschriften weichen voneinander ab, und es existieren mehrere hundert teils unterschiedliche Editionen. Im deutschsprachigen Raum wurde das Werk vor allem durch die Übersetzung von Joseph von Hammer-Purgstall (1812) bekannt. Dazu kam die Übersetzung von Vinzenz Rosenzweig von Schwannau (1858–1864).
Eine besondere Wirkung entfaltete Hafis auf Johann Wolfgang von Goethe, der zu seinen hingebungsvollsten Lesern zählte. Angeregt durch die Übersetzung Hammer-Purgstalls schrieb Goethe ab 1814 seinen Gedichtzyklus West-östlicher Divan (1819). Seine Beziehung zu Hafis bezeichnete er als die zweier „Zwillingsbrüder im Geiste“. An diese Begegnung erinnert das im Jahr 2000 enthüllte Hafis-Goethe-Denkmal in Weimar, eine Schenkung der UNESCO. Auch Friedrich Rückert setzte sich intensiv mit ihm auseinander, denn er konnte dank seiner Sprachkenntnisse Hafis im Original lesen. Mit den Östlichen Rosen (1822) stellte er seine Dichtung ausdrücklich in die Tradition des persischen Vorbildes.
Die Nachwirkung reicht bis in die Musik. Komponisten wie Karol Szymanowski, Gottfried von Einem und Viktor Ullmann vertonten Nachdichtungen seiner Gedichte. Ullmann schrieb sein Liederbuch nach Hafis 1940 in Prag, kurz vor seiner Deportation in das KZ Theresienstadt.
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