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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Hildgund
Eingang · Werke · Hildgund
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Hildgund
1805
– Werkseintrag –

Hildgund

1805 · Drama

Eine Burgundertochter kehrt an den Hof des Tyrannen zurück, der sie zur Königin machen will – und trägt einen Entschluss im Herzen, den nur sie selbst gefasst hat.

Überblick

Das Drama Hildgund entstand wahrscheinlich noch vor 1804 und erschien 1805 unter dem Pseudonym „Tian" als Teil der Sammlung Poetische Fragmente. Es ist vermutlich Karoline von Günderrodes erstes Drama und der Romantik zuzuordnen. Im Mittelpunkt steht die Burgundertochter Hildgund, die sich in einer von Männern beherrschten Welt gegen die Macht ihres Vaters Herrich und gegen den Hunnenkönig Attila zur Wehr setzt. Das Stück verbindet alte Sagenstoffe zu einer Erzählung über eine Frau, die ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt.

Inhalt (ohne Spoiler)

Zu Beginn kehren Hildgund und ihr Verlobter Walther von Aquitanien an den Palast ihres Vaters Herrich, des Fürsten der Burgunder, zurück. Jahrelang waren die beiden unfreiwillig am Hof des Hunnenkönigs Attila festgehalten worden. Hildgund berichtet ihrem Vater von dieser Zeit. Sie schildert Attila als barbarisch und gierig, der die ganze Welt erobern will, im persönlichen Umgang aber bescheiden und großzügig sein kann. Eine enge Freundschaft mit Attilas Frau Ospiru brachte ihr dessen Gunst ein, sodass sie sogar zur Hüterin seines Schatzes aufstieg. Mit Walthers Hilfe gelang ihr schließlich die Flucht.

Doch Attila will Hildgund zurück. Er fordert sie als seine Königin und bietet den Burgundern im Gegenzug Frieden. Herrich ist dem Angebot nicht abgeneigt und drängt seine Tochter sanft zur Annahme. Walther dagegen ist entsetzt. Zwischen Vaterland, Liebe und eigenem Willen muss Hildgund eine Entscheidung treffen, die sie als die größte Tat begreift, die eine Frau je vollbracht hat.

Die Handlung im Detail

Das Werk ist eine Neuerzählung der Judith-Sage, die in die Zeit Attilas verlegt ist. Günderrode verknüpft die Attila-Sage mit dem Stoff des Walthari-Liedes; als Vorbild diente ihr wahrscheinlich auch der Roman Attila, König der Hunnen von Ignaz Aurelius Feßler.

In der ersten Szene treffen Hildgund und ihr Vater Herrich am Palast zu Cabilonum zusammen, nachdem Hildgund und Walther aus der jahrelangen Gefangenschaft heimgekehrt sind. Hildgund betont, wie schmerzlich sie ihr Vaterland und ihren Vater vermisst hat. Auf seine Fragen schildert sie ihre Erfahrungen mit Attila und bestätigt die Gerüchte über ihn: Er sei barbarisch und gierig und wolle die ganze Welt einnehmen, sei aber persönlich bescheiden und großzügig. Anfangs habe sie sich einsam gefühlt, zumal sie von Walther getrennt wurde. Durch ihre Freundschaft mit Attilas Frau Ospiru aber gelangte sie in dessen Gunst und wurde sogar seine Schatzwächterin. Bei einem Bankett begegnete sie Walther wieder; dieser forderte sie auf, nützliche Dinge aus Attilas Schatz zu stehlen und auf sein Signal zu warten. Auf das Zeichen hin entwendete sie unter anderem ein goldenes Schwert, goldene Armbänder und ein Schild, und gemeinsam gelang ihnen die Flucht. Auf die Frage, ob die Götter ihr geholfen hätten, antwortet Hildgund, der Gott, der sie befreit habe, wohne in ihrem eigenen Herzen.

Die zweite Szene zeigt Attila bei der Belagerung der römischen Stadt Aquilegia. Sein Untergebener Edezon tritt ins Zelt und berichtet von Unruhen im Heer. Er fragt Attila, ob ihm die bereits eroberten Reiche nicht genügten und ob er der verzweifelten Bevölkerung nicht Gnade gewähren könne. Attila erklärt, er könne erst ruhen, wenn er alle Völker besiegt habe. Gnade gewähre er nur denen, die sich unterwerfen; wer das nicht tue, solle noch am selben Tag sterben. Als Edezon gegangen ist, wundert sich Attila, dass ihn trotz des nahen Sieges Trauer erfüllt. Er vermisst Hildgund und will sie zurückfordern, um sie zu seiner Königin zu machen. Ihren Verrat will er ihr verzeihen, weil ihr Herz sich nach Freiheit gesehnt habe.

In der dritten Szene, zurück in Cabilonum, berichtet Herrich Walther und Hildgund von Attilas Forderung. Da Attila im Gegenzug Frieden anbietet, ist Herrich nicht abgeneigt und drängt seine Tochter zurückhaltend zur Annahme, überlässt ihr aber die Entscheidung. Walther ist entsetzt und will Attila töten. Hildgund jedoch ist, wenn auch nicht glücklich, fest entschlossen, das Angebot anzunehmen, und schlägt Walther die Flucht vor. Herrich geht erleichtert. Allein geblieben, wirft Walther ihr vor, sie nehme die Heirat nur aus Habgier an und wolle Attilas Thron. Hildgund widerspricht: Sie plane die größte Tat, die eine Frau je getan habe. Solange Attila lebe, könnten sie und Walther nicht fliehen und nicht glücklich werden. Ein Mann könne sein Schicksal selbst gestalten, eine Frau aber sei durch strenge Sitte gefangen. Walther solle Herrich beschützen; dafür wolle sie ihm einen Wunsch erfüllen. Er bittet sie, seinen Namen nie mehr auszusprechen und ihn zu vergessen, und will ihr verzeihen. Allein gibt Hildgund schließlich preis, dass sowohl ihr eigenes Glück als auch das Schicksal aller Völker von ihr abhänge: Sie will Attila mit einem Dolch töten.

Die vierte Szene spielt in Attilas Palast zu Curta in Pannonien. Edezon begrüßt Hildgund in Attilas Namen und rät ihr, dem König treu zu sein, damit auch dieser ihr ein edler und gütiger Mann sein könne. Hildgund täuscht vor, den Rat anzunehmen, und dankt ihm. Auf ihre Frage erfährt sie, dass es Ospiru gut geht. Edezon geht mit dem Hinweis, Attila werde sie gleich begrüßen. Kurz allein, bekräftigt Hildgund ihre Bereitschaft, Attila zu töten, um die Völker von seiner Herrschaft zu befreien. Dann tritt Attila hinzu und begrüßt sie. Hildgund täuscht Reue und Dankbarkeit vor; Attila verzeiht ihr und lädt sie zu einem Fest. Für sich murmelt Hildgund, Attila möge nur feiern, denn es seien die schnell verrinnenden Stunden seines letzten Tages.

Hier bricht das Drama ab. Der angekündigte Mord an Attila wird nur ausgesprochen, nicht mehr dargestellt. Das Ende bleibt offen: Um den nicht ausgeführten Schluss zu erahnen, braucht es die Fantasie der Leser und die Kenntnis der Sagentat Ildikos, die in der Attila-Überlieferung den Tyrannen tötet. Ob dieser offene Schluss von der Autorin beabsichtigt war, ist in der Forschung umstritten.

Stil

Geprägt ist das Werk von einem alexandrinischen Grundmaß, das jedoch häufig aufgebrochen wird – durch fünfhebige, vierhebige und einmal sogar siebenhebige Jamben. Walter Morgenthaler und andere sehen darin, zusammen mit der fehlerhaften Form des Alexandriners, eine beträchtliche metrische Unsicherheit. Auffällig ist, dass Elisionen durchgängig vermieden werden, etwa in Wendungen wie „ewige Freude" oder „unserer Väter". Umgekehrt schiebt der Text Zusatzvokale ein, um den Wechsel von betonten und unbetonten Silben zu vervollständigen, so bei „Hildegunde" oder „Verzweiflung". Morgenthaler verweist außerdem auf die syntaktisch ungewöhnliche Häufung vorangestellter Genitive.

Auch das Schriftbild der Originalfassung ist eigen: Die Sprechernamen erscheinen im Sperrdruck und sind mittig gesetzt, die längeren Verszeilen sind gebrochen, und die Anfänge der Sprechtexte sind eingerückt.

Rezeption

Bei Hildgund handelt es sich um ein Dramenfragment, und gerade sein abrupter Schluss hat die Forschung beschäftigt. Walter Morgenthaler und andere nehmen an, dass der offene Schluss ursprünglich nicht so gedacht war. Eine andere Lesart betont dagegen, das Werk sei von Günderrode durchaus als poetisches Fragment angelegt worden. Beleuchtet wird zudem, wie die Autorin überlieferte Stoffe verarbeitet: Sie deutet die Judith-Sage in die Zeit Attilas um und verbindet die Attila-Sage mit dem Walthari-Lied. Im Mittelpunkt des Interesses steht die Figur Hildgund selbst – eine Frau, die sich in einer von Männern bestimmten Ordnung behauptet und ihr Handeln als Tat von welthistorischem Gewicht begreift.

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