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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Die Gesandten
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Die Gesandten
1903
– Werkseintrag –

Die Gesandten

1903 · Roman

Ein gesetzter Amerikaner reist nach Paris, um einen jungen Mann heimzuholen – und entdeckt dort, wie eng sein eigenes Leben bisher war.

Überblick

Der Roman Die Gesandten von Henry James erschien 1903. Zunächst wurde er als Fortsetzungsgeschichte in der Zeitschrift North American Review veröffentlicht. Das Werk gilt als dunkle Komödie. Es erzählt von der Reise des Lewis Lambert Strether nach Paris, der dort Chad Newsome aufspüren soll – den Sohn seiner verwitweten Verlobten, Frau Newsome. Strether soll den jungen Mann zurück ins Familienunternehmen holen. Erzählt wird die Geschichte durchgehend aus Strethers Sicht.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im Mittelpunkt steht Lewis Lambert Strether, ein gebildeter Mann von 55 Jahren aus dem fiktiven Städtchen Woollett in Massachusetts. Er ist mit der wohlhabenden Witwe Frau Newsome verlobt und nimmt in ihrem Auftrag eine heikle Aufgabe an. Ihr 28-jähriger Sohn Chad weilt schon lange in Paris und denkt nicht an Rückkehr. Strether soll ihn überreden, heimzukommen und ins Familienunternehmen zurückzukehren. Die Familie argwöhnt, eine unschickliche Liebschaft mit einer Französin, Madame Marie de Vionnet, halte Chad in Europa fest. Strether ahnt, dass auch seine eigene Verbindung zu Frau Newsome auf dem Spiel steht, sollte er scheitern.

In Paris erwartet Strether eine Überraschung. Der junge Mann, an den er sich aus Amerika erinnert, hat sich auffallend zum Vorteil verändert: gewandt, weltgewandt, von feinen Manieren. Zugleich öffnet die Stadt selbst dem alternden Strether den Blick für eine größere, reichere Vorstellung vom Leben. Begleitet von der klugen Maria Gostrey, die ihm vieles über die europäische Welt erklärt, beginnt er, seine eigene Haltung zu überdenken. Was als nüchterne Rückholaktion gedacht war, wird für ihn zu einer Erfahrung, die sein Inneres umstürzt.

Die Handlung im Detail

Strether, ein Amerikaner von bescheidenen Mitteln, reist im Auftrag seiner reichen Verlobten Frau Newsome nach Paris. Sein Auftrag lautet, deren Sohn Chad zur Rückkehr ins Familienunternehmen in Woollett zu bewegen. Die Familie verdächtigt Chad, seinen Europaaufenthalt wegen einer skandalösen Liebesbeziehung zu einer Französin, Madame Marie de Vionnet, in die Länge zu ziehen. Es wird angedeutet, dass Strethers eigene Verlobung gefährdet ist, sollte er die Aufgabe nicht erfüllen. Auf seiner Reise lernt er Maria Gostrey kennen, die ihm wertvolle Einsichten in europäische Verhältnisse vermittelt.

Als Strether Chad findet, ist er erstaunt: Der junge Mann hat sich gegenüber früher zum Besseren gewandelt. Chad zeigt zurückhaltende Weltläufigkeit, Eleganz und gute Umgangsformen – nichts davon passt zum Bild eines Mannes, der in einer unschicklichen Liebschaft gefangen sein soll. Strether fragt sich, was diese Verwandlung bewirkt hat. Chad bietet an, ihn mit seinen engen Freunden bekannt zu machen, mit Madame de Vionnet und deren erwachsener Tochter Jeanne, und Strether nimmt gern an. Maria Gostrey, ebenfalls in Paris, bleibt sein Ratgeber; sie verrät, dass sie Madame de Vionnet aus einem Mädchenpensionat in der Schweiz kennt. Bei der Begegnung erscheinen ihm Mutter und Tochter als verfeinert, tugendhaft und durchweg bewundernswert. Er fragt sich, ob die liebenswerte Tochter die Ursache von Chads Wandlung sei. Er erfährt, dass Madame de Vionnet verheiratet, aber seit Jahren von ihrem Mann getrennt lebt.

Auch Strether selbst wird Paris auf eine Weise nahegebracht, die seinen Geist und sein Herz für eine größere Sicht auf die Möglichkeiten der Welt öffnet. Er fühlt sich lebendig und erneuert. Sein eigenes Interesse an der Rückkehr nach Amerika schwindet, und es wird deutlich, dass er sich gar nicht ernstlich bemüht, Chad zur Heimreise zu überreden. Er entwickelt eine Bewunderung für Madame de Vionnet. Chad wiederum macht klar, dass er Jeanne de Vionnet nicht heiraten will; er arrangiert für sie eine passende Ehe, während seine Verbindung zu Madame de Vionnet "tugendhaft" fortbesteht.

Unterdessen verliert Frau Newsome die Geduld mit Strethers Untätigkeit. Sie schickt eine neue Abordnung, um den Auftrag zu erfüllen – darunter ihre Tochter und ihren Schwiegersohn. Diese Gruppe sieht Paris, die Möglichkeiten des Lebens, Chad und Madame de Vionnet ganz anders als Strether. Sarah Pocock, geborene Newsome, verlangt von Strether, sich zu fügen und Chad nachdrücklich zur Rückkehr zu drängen. Die Pococks brechen vor ihrer Heimreise noch zu einer kurzen Rundreise auf.

Strether gönnt sich einen Tag auf dem Land, um die Natur zu genießen. Dabei trifft er zufällig auf Chad und Madame de Vionnet – und zwar so, dass deutlich wird, dass die beiden ein Liebes- und Verhältnis im körperlichen Sinne führen. Er ist enttäuscht, erkennt aber weiterhin die Besserung in Chads Charakter an.

Chad scheint nun versucht, nach Woollett zurückzukehren, was das Ende seiner Beziehung zu Madame de Vionnet bedeuten könnte – obwohl er einräumt, dass er sie damit in gesellschaftliche und seelische Verlassenheit stürzen würde. Strether seinerseits wird nach Woollett zurückkehren. Die Erzählung endet unvermittelt und lässt offen, wie es mit den Figuren weitergeht.

Stil

Geschrieben ist der Roman in der dritten Person, doch erlebt der Leser alles ausschließlich durch die Augen Strethers. Diese strenge Bindung an eine einzige Wahrnehmung prägt das ganze Buch: Der Leser weiß nur, was Strether sieht, vermutet und versteht, und vieles wird ihm nur auf indirektem Weg klar. So bleibt manches lange in der Schwebe, und das, was sich hinter den feinen Umgangsformen verbirgt, enthüllt sich nur allmählich. Im Kern ist das Werk als dunkle Komödie angelegt – eine Geschichte über Missverständnisse und über die Kluft zwischen der amerikanischen und der europäischen Sicht der Dinge. Strethers innerer Wandel von der einen zur anderen Haltung bildet den eigentlichen Verlauf, den die Erzählung Schritt für Schritt nachzeichnet.

Rezeption

Bekannt wurde das Werk zuerst in Fortsetzungen: Es erschien 1903 als Serie in der Zeitschrift North American Review, ehe es als Buch herauskam. Der Roman gehört zu jenen Werken, in denen sich seine Erzählweise voll ausgeprägt zeigt – die durchgehende Bindung an einen einzigen Blickwinkel und das geduldige Herausarbeiten dessen, was die Figuren nur halb aussprechen.

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