1842
Die Geheimnisse von Paris
Überblick↑
Der Roman Die Geheimnisse von Paris von Eugène Sue erschien als Fortsetzungsroman in der Pariser Zeitung Journal des débats. Die einzelnen Folgen liefen vom 19. Juni 1842 bis zum 15. Oktober 1843. Sue zeigt darin das Elend der Pariser Unterschicht und einige Gestalten, die sich für die Gerechtigkeit einsetzen. Das umfangreiche Werk steht zwischen dem Gesellschaftsroman und dem unterhaltenden Fortsetzungsroman. Es gilt als ein früher Wegbereiter der modernen Massenliteratur.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht Rodolphe, eine zunächst rätselhafte Gestalt. In der Kleidung eines einfachen Arbeiters zieht er durch die ärmsten Viertel von Paris. Er will die Guten belohnen und die Bösen bestrafen und auf diese Weise eine Art von sozialer Gerechtigkeit herstellen. Auf seinen Wegen begegnet er armen Arbeitern ebenso wie Verbrechern.
Gleich zu Beginn greift er in einen Streit ein und beschützt ein junges Mädchen, das man wegen seiner schönen Singstimme die Goualeuse nennt. Bald lernt er auch den Chourineur kennen, einen kräftigen Mann mit dunkler Vergangenheit, sowie die fleißige Näherin Rigolette. Hinter Rodolphes Streifzügen steckt jedoch ein bestimmtes Ziel: Er sucht nach einem jungen Mann namens François Germain. Seine Nachforschungen führen ihn tief in die gefährliche Welt der Pariser Gassen, in der Wohltätigkeit und Verbrechen dicht beieinanderliegen.
Die Handlung im Detail↑
Die Handlung beginnt in den engen Gassen der Île de la Cité, die später beim Umbau von Paris unter Haußmann verschwanden. Rodolphe, der wie ein Arbeiter wirkt, wird Zeuge eines Streits zwischen einer jungen Prostituierten und einem Mann. Er weist den Mann in seine Schranken. Es kommt zu einer Schlägerei, und obwohl der Gegner körperlich stark ist, behält Rodolphe die Oberhand.
Ohne Groll lädt Rodolphe seinen Gegner danach auf ein Glas ein. So erfährt er die Lebensgeschichte dieses Mannes, den man den Chourineur nennt. Zuerst war er Fleischerlehrling und musste die Tiere schlachten. Später, beim Militär, geriet er in Zorn über einen Sergeanten und erstach ihn mit dem Messer. Dafür verbrachte er fünfzehn Jahre in der Strafkolonie. Rodolphe spürt jedoch, dass der Mann im Grunde gut ist, und gibt ihm eine Chance, indem er ihn um Hilfe bittet.
Das Mädchen, dem er zu Hilfe gekommen ist, ist kaum sechzehn Jahre alt. Trotz ihres schweren Schicksals singt sie mit schöner Stimme; deshalb nennt man sie die Goualeuse. Sie ist eine Waise und hat ihre Eltern nie gekannt. Bei einer griesgrämigen alten Frau musste sie Gerstenzucker verkaufen und wurde geschlagen. Als die Alte ihr einmal zur Strafe einen Zahn ausriss, floh das Mädchen. Man verhaftete sie als Landstreicherin und steckte sie ins Gefängnis. Dort verbrachte sie fast zehn Jahre und kam mit sechzehn wieder frei – mit einem kleinen Ersparten, das dem Lohn für ihre Gefängnisarbeit entsprach. Eine Freundin aus dem Gefängnis, Rigolette, kaufte davon mit ihrem Einverständnis einige Möbel, mietete eine winzige Kammer und verdiente sich mit Näharbeiten den Lebensunterhalt. Doch bald war das Mädchen wieder mittellos: Es vergaß seine eigene Armut und half einer Frau, die gerade in einem feuchten Keller ein Kind zur Welt gebracht hatte. Völlig verarmt, geriet sie in die Hände einer Wirtin, die sie zur Prostitution zwingen wollte.
Rodolphe löst die Schulden der Goualeuse aus und bringt sie aus Paris fort. Er gibt sie auf einen Bauernhof, den eine gütige Frau führt. Es sind einige der schönsten Tage im Leben der Goualeuse.
Rodolphe ist nicht der, der er in seiner Arbeiterkleidung zu sein scheint. Er ist nur deshalb in die schlimmsten Viertel von Paris gekommen, weil er Auskünfte über François Germain sucht, den Sohn eben jener Bäuerin, bei der er die Goualeuse untergebracht hat. Bei seinen Nachforschungen trifft er auf zwielichtige Gestalten und wird schließlich entführt. Nur der Chourineur rettet ihn. Aus Dankbarkeit kauft Rodolphe seinem Retter eine Fleischerei. Doch der merkt, dass er die Tiere nicht mehr wie früher schlachten kann. Da schickt Rodolphe ihn nach Algerien, wo er einen Bauernhof erwerben soll.
Um François Germain zu finden, mietet Rodolphe die alte Kammer, die dieser überstürzt verlassen hat. So lernt er Rigolette näher kennen. Sie erklärt ihm ihre Grundsätze des Sparens und zeigt ihm, dass man gebraucht alles billig bekommt, was ein Arbeiter braucht. Sie verlangt nichts weiter als den kargen Lohn ihrer Näharbeit. Rodolphe bewundert sie, fürchtet aber zugleich für sie: Ihr Auskommen ist so knapp, dass die kleinste Krankheit oder ein Rückgang der Aufträge sie auf die Straße bringen würde.
Trotz ihrer eigenen bescheidenen Lage nimmt Rigolette von ihrem Nötigsten, um einer noch ärmeren Arbeiterfamilie zu helfen. Der Vater schleift Edelsteine und hat nach einem Unglück einen verloren. Um ihn zu ersetzen, musste er bei einem betrügerischen Notar eine hohe Summe zu Wucherzinsen leihen. Der Notar nutzt diese Schuld aus, um die Tochter des Mannes zu sich ins Bett zu zwingen. Das Mädchen widersteht, und der Notar will den Vater wegen der Schulden verhaften lassen. Nur weil Rodolphe die Gläubiger auszahlt, entgeht der Mann dem Gefängnis. Im letzten Augenblick kommt zugleich die Tochter mit dem Geld, das ihr François Germain gegeben hat. Dieser arbeitet beim Notar und hatte gehört, dass man den Arbeiter verhaften wollte. Deshalb entnahm er die Summe der Kasse der Kanzlei, um sie am nächsten Tag zurückzulegen – er besitzt selbst genug Erspartes dafür. Zu seinem Unglück entdeckt der Notar den Griff in die Kasse. Er nutzt die Gelegenheit und erstattet Anzeige, wobei er von einer weit größeren Summe spricht. So landet François Germain im Gefängnis. Dort besucht Rigolette ihn regelmäßig und wird sich nach und nach ihrer Liebe zu ihm bewusst.
So hat Rodolphe François Germain gefunden. Nun muss er ihn nur noch aus dem Gefängnis holen. Dazu muss der Notar seine Anzeige zurückziehen. Zugleich soll der Notar dafür büßen, dass er den Arbeiter ins Gefängnis gebracht und andere Menschen beraubt hat. Rodolphe erfährt bald, dass der Notar noch weit schwererer Verbrechen schuldig ist.
Vor siebzehn Jahren hatte Rodolphe mit einer jungen Frau eine Tochter. Diese Frau wollte ihn mit allen Mitteln zur Heirat drängen. Als Rodolphes Vater sie beiseiteschob, vertraute sie das Kind dem Notar an, damit er es aufziehen lasse – in der Hoffnung, das Mädchen später als Druckmittel gegen Rodolphe einsetzen zu können. Denn Rodolphe ist in Wahrheit der Großherzog eines deutschen Staates, unermesslich reich und fast einem König gleich. Unter der Arbeiterkleidung verbirgt sich also ein mächtiger Wohltäter. Der Notar aber ließ das Kind für tot erklären, als es sechs Jahre alt war, um die Rente für sich zu behalten, die man ihm für die Erziehung des Mädchens anvertraut hatte. Er verkaufte das Kind an die Chouette, der es später entfloh. Erst vor kurzem fand er seine Spur wieder. Damit sein Verbrechen nicht ans Licht kommt, befahl er seinen Helfern, das Mädchen zu entführen und zu ertränken. Dieses Mädchen ist niemand anderes als die Goualeuse. Eine frühere Gefährtin aus dem Gefängnis zog sie unter Lebensgefahr aus dem Wasser und ließ sie von einem Arzt im Nachbardorf gesund pflegen.
Während all dieser Ereignisse hilft Rodolphe auch einer Frau aus seiner eigenen Gesellschaft. Ihre Stiefmutter hatte sie gezwungen, einen an Epilepsie leidenden Mann zu heiraten. Statt sich einen Liebhaber zu nehmen, um die Leere ihres Lebens zu füllen, solle sie lieber wie er Gutes um sich herum tun, erklärt Rodolphe ihr. Als sie wenige Monate später mit zweiundzwanzig Jahren Witwe wird, gesteht er ihr schließlich seine Liebe und heiratet sie.
Als Rodolphe seine Tochter gesund wiederfindet, drängt es ihn nur noch nach einem: in sein Land zurückzukehren und seinen Rang wieder einzunehmen, damit seine Tochter alle Vorrechte genießen kann, die ihr nie zuteilwurden. Doch das gelingt dem Mädchen nicht. Sie fühlt sich dort nicht am rechten Platz und hält sich der vornehmen Menschen um sie herum nicht für würdig. Als ein junger Adliger sich in sie verliebt, weist sie ihn deshalb zurück. Sie glaubt, keines Mannes je würdig zu sein – vor allem, nachdem sie kurze Zeit ein Freudenmädchen gewesen ist. Auf dem Bauernhof war sie weit glücklicher, als sie sich noch für eine bloße Schutzbefohlene Rodolphes hielt und nicht für eine Prinzessin.
Schließlich tritt sie in ein Kloster ein. Nach einem Jahr als Novizin legt sie ihr Gelübde ab. Ihr gutes Herz bringt ihr die Wahl zur Äbtissin durch ihre Mitschwestern ein. Doch sie kann dieses Amt nicht mehr genießen: Noch am selben Tag stirbt sie an einem Lungenleiden, das sie sich durch die harten Entbehrungen im Kloster zugezogen hat.
Stil↑
Angelegt ist das Werk als Fortsetzungsroman: Es erschien Folge für Folge in einer Zeitung, und jede Folge musste die Leser aufs Neue fesseln. Daraus ergibt sich der Bau aus vielen spannungsgeladenen Wendungen und Abenteuern, die die Figuren quer durch Paris und sein Umland führen.
Sue verbindet dabei zwei Erzählweisen. Zum einen malt er wie im Gesellschaftsroman das Elend der Armen mit vielen Einzelheiten aus. Zum anderen bedient er sich der wirkungsvollen Mittel des Unterhaltungsromans mit Entführungen, Rettungen und geheimen Herkünften. Der Roman ist breit angelegt und führt an Orte, die für bestimmte Bevölkerungsgruppen typisch sind: auf den Bauernhof, in ein Miethaus des alten Paris und in die Gassen der Stadt. So entsteht ein umfassendes Bild der verschiedenen Schichten.
Auffällig sind die sprechenden Beinamen aus der Welt der Gasse – der Chourineur, die Goualeuse, die Chouette. Sie verweisen auf die Sprache und die Herkunft der Menschen, von denen der Roman erzählt.
Rezeption↑
Als Fortsetzungsroman erreichte das Werk ein breites Publikum und gilt als ein Wegbereiter der modernen Massenliteratur. Die Verbindung aus sozialer Anklage und packender Unterhaltung trug wesentlich dazu bei, den Zeitungsroman zu einer Lektüre für breite Schichten zu machen.
Auch im 20. Jahrhundert griff man den Stoff wieder auf. Er wurde mehrfach verfilmt, unter anderem 1957 unter der Regie von Fernando Cerchio und 1962 von André Hunebelle unter dem Titel Der Graf mit der eisernen Faust.
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