1804 – 1857
Eugène Sue
Kurzporträt↑
Eugène Sue, eigentlich Joseph-Marie Sue (1804–1857), war ein französischer Schriftsteller. In den 1840er Jahren zählte er zu den meistgelesenen und einflussreichsten Romanciers Frankreichs. Er gilt als einer der Begründer des Fortsetzungsromans, der in den Tageszeitungen Folge für Folge abgedruckt wurde. Sein Roman Die Geheimnisse von Paris wurde nach seinem Erscheinen 1842/43 zu einem literarischen und gesellschaftlichen Ereignis ersten Ranges. Mit seinen Schilderungen des Pariser Unterschichten-Milieus wandte er sich den sozialen Nöten der wachsenden Industriestadt zu. Damit übte er weit über Frankreich hinaus großen Einfluss aus.
Biografie↑
Geboren wurde Sue am 26. Januar 1804 in Paris. Sein Vater war ein wohlhabender und hochangesehener Chefarzt, seine Mutter dessen zweite Frau. Mit sechzehn Jahren verließ er vorzeitig das Gymnasium. Ohne akademische Ausbildung ging er bei seinem Vater als Arzthelfer in die Lehre. 1823 nahm er als Hilfschirurg am Spanienfeldzug der französischen Armee teil und blieb noch eine Weile bei den in Cádiz stationierten Truppen. 1825 wechselte er zur Marine nach Toulon. Dort betätigte er sich erstmals nebenher als Journalist. Als junger Marinearzt unternahm er 1826 zwei längere Seereisen in die Südsee und zu den Antillen. 1827 war er beim Sieg der vereinigten englisch-französisch-russischen Flotte gegen die türkisch-ägyptische Flotte vor Navarino dabei, der entscheidend zur Unabhängigkeit Griechenlands beitrug.
Seit 1828 war Sue wieder in Paris. Er interessierte sich für die Malerei und schrieb Artikel für die Zeitschrift La Mode von Émile de Girardin. Für dieses Blatt verfasste er auch erste erzählende Texte, etwa Kernock le pirate und El Gitano. Im Jahr 1830 erbte er von seinem Vater ein bedeutendes Vermögen. Er begann ein Dandy-Leben in den besten Pariser Kreisen, schrieb aber nebenher weiter Erzählungen und Romane für verschiedene Zeitschriften. Zwischen 1835 und 1837 veröffentlichte er eine fünfbändige Histoire de la marine française. 1838 hatte er das väterliche Erbe fast aufgebraucht und suchte nun mit der Schriftstellerei seinen Unterhalt zu verdienen. Zunächst arbeitete er im damals modischen Genre des Sittenromans. Mit einem Co-Autor versuchte er sich auch als Dramatiker.
Im Jahr 1841 wandelte sich Sue vom unpolitischen Dandy zum engagierten Sozialisten. Er begann sich für die Probleme des mit der Industrialisierung rasch wachsenden Pariser Proletariats zu interessieren und versuchte, dieses Interesse literarisch umzusetzen. Schlagartig berühmt wurde er mit den Geheimnissen von Paris. Sie erschienen vom 19. Juni 1842 bis zum 15. Oktober 1843 fast täglich in der eher konservativen Tageszeitung Le Journal des Débats. Das Werk besteht aus locker gereihten Episoden, in die auch zahllose Leser-Vorschläge eingeflossen sind. Es schildert intrigante Adelsparteien und vor allem das Pariser Unterschichten-Milieu zwischen Arbeit, Elend und Verbrechen. Eine zentrale Figur ist der Comte de Gérolstein. Als „Rodolphe“ begibt er sich inkognito unter das Volk und tritt rettend und rächend auf. Auch eine siebenstündige Theaterversion, die Sue mit einem Co-Autor 1844 verfasste, wurde ein großer Erfolg.
Daran knüpfte er mit Le Juif errant (Der ewige Jude) an. Der Roman erschien von Juni 1844 bis Oktober 1845 im eher linken Blatt Le Constitutionnel. In ihm verstärkte er sein soziales und vor allem sein politisches Engagement im Sinne eines radikalen Antiklerikalismus. Weniger erfolgreich waren zwei weitere Werke: der ebenfalls sozial engagierte Roman Martin l’enfant trouvé (Martin das Findelkind) von 1846/47 und das dem Sittenroman nahestehende Fortsetzungswerk Les sept péchés capitaux (Die sieben Todsünden) von 1847 bis 1851.
Bei der Februarrevolution 1848 trat Sue als linker Journalist und Politaktivist auf. 1850 wurde er zum Abgeordneten gewählt. Nach dem Staatsstreich von Louis-Napoléon Bonaparte 1851 wurde er kurz verhaftet und emigrierte ins damals noch piemontesische Savoyen. Dort schrieb er ein schon 1849 begonnenes Werk zu Ende, das rund 6000 Seiten umfasste: Les Mystères du peuple (Die Geheimnisse des Volkes). Es ist eine aus der Perspektive der einfachen Leute gesehene Geschichte Frankreichs von der Keltenzeit bis 1848, erzählt als Familiensaga einer bretonischen Unterschichtfamilie. Nach dem Abschluss dieses Buches 1856 unternahm er eine größere Europareise. Wenige Monate nach der Rückkehr starb er am 3. August 1857 in Annecy-le-Vieux. Ein weiteres monumentales Werk, Les Mystères du monde (Die Geheimnisse der Welt), kam über erste Anfänge nicht hinaus.
Literarische Merkmale↑
Kennzeichnend für Sues Erfolg war die Form des Fortsetzungsromans, der Folge für Folge fast täglich in der Tageszeitung erschien. Seine Geheimnisse von Paris folgten keinem zielstrebigen Plan, sondern reihten lose Episoden aneinander. In diese flossen sogar zahllose Vorschläge der Leser aus allen Bevölkerungsgruppen ein. Den schwierigen Alltag der Unterschichten zwischen Arbeit, Elend und Verbrechen schilderte Sue teils realistisch, teils pittoresk idealisierend, aber stets spannend und mit wachsender Anteilnahme.
Die Wirkung seiner Erzählungen beruht nicht nur auf überraschenden Wendungen und häufigen Spannungsmomenten. Sie beruht auch auf der atmosphärisch dichten Schilderung unterschiedlicher Milieus und der anschaulichen Darstellung verschiedener Charaktere. In seiner Wirklichkeitsdarstellung ging er während der 1840er Jahre deutlich radikaler vor als die späteren Autoren des Poetischen Realismus. Dadurch kann er als Vorläufer der naturalistischen Bewegung gelten.
Rezeption↑
Mit seinen Fortsetzungsromanen der 1840er Jahre und ihren zahllosen Übersetzungen und Nachahmungen in ganz Europa bewirkte Sue den Durchbruch des neuen Genres des Feuilletonromans. Es entstand in den vielen neu gegründeten Tageszeitungen, die sich von leicht konsumierbarem Lesestoff höhere Käuferzahlen erhofften. Von allen ausländischen Autoren des 19. Jahrhunderts übte er neben Charles Dickens den tiefgreifendsten Einfluss auf die zeitgenössische deutsche Literatur aus, von der Hochliteratur bis in die Bereiche der Trivialliteratur und Kolportage. Das gilt besonders für die Geheimnisse von Paris. Sie kursierten unmittelbar nach ihrem Erscheinen in Deutschland in zahlreichen Parallelübersetzungen und riefen eine Flut von Nachahmern hervor. Sue färbte sowohl auf den sozialen Roman des Vor- und Nachmärz als auch auf Autoren des Realismus ab, von Karl Gutzkow und Raabe über Gustav Freytag bis zum alten Fontane. Dieser rechnete noch 1889 Sues Geheimnisse von Paris und Der ewige Jude zu den „besten Büchern“ überhaupt. Auch auf die Entwicklung des Kolportageromans von John Retcliffe bis Karl May wirkte er stark ein.
Zugleich leistete Sue einen Beitrag zur Bewusstmachung der sozialen Probleme seiner Zeit. Friedrich Engels äußerte sich im Februar 1844 anerkennend. Ein Jahr später nahmen Karl Marx und Friedrich Engels jedoch eine Rezension des Werks zum Anlass, sich in der Heiligen Familie kritisch mit dem Roman auseinanderzusetzen. Sie zerpflückten Sues journalistische Einfälle sowie die Widersprüche seines von Charles Fourier entlehnten Sozialutopismus. Eine bedenkliche Nachwirkung hatte Les Mystères du peuple: Maurice Joly übernahm 1864 Passagen daraus in seine Gespräche in der Unterwelt zwischen Machiavelli und Montesquieu. Diese wurden wiederum zu einer wesentlichen Grundlage der antisemitischen Kampfschrift Protokolle der Weisen von Zion. Im 20. Jahrhundert wurden die Geheimnisse von Paris häufig verfilmt, darunter allein drei Stummfilm-Adaptionen sowie mehrere Tonfilme. 1980 entstand mit dem Fernseh-Fünfteiler von André Michel in französisch-deutscher Koproduktion die bis dahin aufwändigste Verfilmung.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →
Aus dem Werkverzeichnis↑
Im Lexikon
Weitere Werke (Auswahl)
Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (16 weitere Titel)