1843 – 1914
Bertha von Suttner
Kurzporträt↑
Als österreichische Schriftstellerin und Pazifistin gehört Bertha von Suttner zu den bekanntesten Vertreterinnen der frühen Friedensbewegung. Geboren 1843 in Prag als Gräfin Kinsky von Wchinitz und Tettau, wurde sie durch ihren 1889 erschienenen Roman Die Waffen nieder! weltberühmt. Das Buch beschrieb die Schrecken des Krieges aus der Sicht einer Ehefrau und machte sie zu einer der prominentesten Stimmen gegen den Militarismus ihrer Zeit. 1905 erhielt sie als erste Frau den Friedensnobelpreis, dessen Stiftung auf ihre Anregung an Alfred Nobel zurückgeht. Sie starb 1914 in Wien.
Biografie↑
Aus einer böhmischen Adelsfamilie stammend, kam Bertha Sophia Felicita Gräfin Kinsky von Wchinitz und Tettau am 9. Juni 1843 in Prag zur Welt. Ihr Vater, der General Franz Joseph Graf Kinsky, war noch vor ihrer Geburt in hohem Alter gestorben. Sie wuchs bei ihrer Mutter Sophie auf, die entfernt mit dem Dichter Theodor Körner verwandt war. Zur Kindheit und Jugend gibt es unterschiedliche Angaben: Die Neue Deutsche Biographie nennt Brünn, ab 1856 Wien und ab 1859 Klosterneuburg als Aufenthaltsorte, während Wikipedia allgemeiner vom aristokratischen Umfeld der Monarchie spricht. Übereinstimmend heißt es, sie habe eine standesgemäße Ausbildung erhalten, sich mit Musik beschäftigt und mehrere Sprachen gelernt.
Nachdem das ererbte Vermögen weitgehend aufgebraucht war, nahm Bertha 1873 eine Stelle als Erzieherin bei dem Industriellen Karl Freiherr von Suttner in Wien an. Dort verliebte sie sich in den um sieben Jahre jüngeren Arthur Gundaccar von Suttner, den jüngsten Sohn der Familie. Weil diese Verbindung als nicht standesgemäß galt, musste sie das Haus verlassen. In Paris war sie kurze Zeit Privatsekretärin von Alfred Nobel; das Material nennt hier abweichende Angaben, teils 1875, teils 1876, und ebenso schwankt die Dauer zwischen wenigen Tagen und knapp zwei Wochen. Nobel blieb ihr bis zu seinem Tod ein Freund und Förderer. Im Juni 1876 kehrte sie nach Wien zurück und heiratete Arthur heimlich, gegen den Willen seiner Eltern.
Das Paar lebte anschließend viele Jahre im Kaukasus, in Georgien, unter schwierigen finanziellen Verhältnissen. Auch die Länge dieses Aufenthalts wird unterschiedlich angegeben – Wikipedia spricht von der Zeit zwischen 1876 und 1885, die Neue Deutsche Biographie von neun Jahren. Bertha schlug sich als Sprachlehrerin durch, schrieb Unterhaltungsromane und Übersetzungen; unvollendet blieb ihre Übertragung des georgischen Nationalepos Der Recke im Tigerfell ins Deutsche. 1877 begann sie unter dem Pseudonym B. Oulot ihre journalistische Arbeit und veröffentlichte Beiträge in österreichischen Zeitungen. Ein frühes Feuilleton, Fächer und Schürze, erschien 1878 in der Wiener „Neuen Freien Presse“. 1885 kehrte das Ehepaar nach Wien zurück, söhnte sich mit der Familie aus und bezog das Familienschloss in Harmannsdorf in Niederösterreich.
Nach der Rückkehr wandte sich Suttner zunehmend dem Pazifismus zu. 1886 verfasste sie das Buch High Life. Im Herbst 1889, mit 46 Jahren, erschien ihr pazifistischer Roman Die Waffen nieder!, der großes Aufsehen erregte und sie zu einer der prominentesten Vertreterinnen der Friedensbewegung machte. Mehrere Verlage hatten den Druck aus politischen Gründen abgelehnt, bis Edgar Pierson das Buch herausbrachte. In den folgenden Jahren wurde Suttner zur Organisatorin der Bewegung: Auf ihren Aufruf hin entstand 1891 die Österreichische Gesellschaft der Friedensfreunde, deren erste Präsidentin sie bis zu ihrem Tod blieb. Gemeinsam mit Alfred Hermann Fried gab sie ab 1892 die Zeitschrift „Die Waffen nieder!“ heraus und gründete mit ihm die Deutsche Friedensgesellschaft. Sie nahm an zahlreichen internationalen Friedenskongressen teil und war an den Vorbereitungen zur Ersten Haager Friedenskonferenz von 1899 beteiligt.
1898 wandte sie sich mit der Schrift Schach der Qual gegen Tierversuche. Ihr Mann Arthur starb 1902; wegen Überschuldung musste der Gutshof in Harmannsdorf versteigert werden, und Bertha zog nach Wien zurück, wo sie weiter publizierte. 1904 bereiste sie aus Anlass des Weltfriedenskongresses in Boston die Vereinigten Staaten und wurde in Washington von Präsident Theodore Roosevelt empfangen. Am 10. Dezember 1905 wurde ihr der Friedensnobelpreis zuerkannt, den sie im April 1906 in Kristiania entgegennahm. Eine zweite Amerikareise führte sie 1912 als Rednerin in mehr als fünfzig Städte. Sie starb am 21. Juni 1914 in Wien an Magenkrebs und allgemeiner Erschöpfung.
Literarische Merkmale↑
Geprägt von aufklärerischem Gedankengut, führte Bertha von Suttner nach dem Urteil der Neuen Deutschen Biographie einen außergewöhnlich emanzipierten Lebensstil, der sich auch in ihrem Schreiben niederschlug. Offensiv trat sie für die Rechte der Frauen ein: für ein Frauenwahlrecht, die Öffnung der Bildungswege und eine eigene berufliche Tätigkeit. Ihr Denken war vom Fortschrittsoptimismus der Evolutionstheorien ihrer Zeit getragen. Frieden verstand sie als naturrechtlich verbürgten Normalzustand, dem der Krieg als Folge menschlichen „Irrwahns“ gegenüberstehe; daraus leitete sie ein völkerrechtlich einforderbares Recht auf Frieden ab.
Ihr Werk war umfangreich und vielfältig. Zwischen 1882 und 1911 veröffentlichte sie rund dreißig Romane sowie zahlreiche Aphorismen, Tagebuchblätter, Erzählungen, Vorträge und Sachbücher; ihre 1907 erschienenen „Gesammelten Werke“ umfassten zwölf Bände. Begonnen hatte sie mit Unterhaltungsromanen und journalistischen Beiträgen, die sie zunächst unter dem Pseudonym B. Oulot in Zeitungen wie der „Neuen Freien Presse“, der „Gartenlaube“ oder dem „Berliner Tagblatt“ unterbrachte. Mit dem Roman Die Waffen nieder! fand sie zu ihrem eigentlichen Thema: Sie schilderte die Schrecken des Krieges aus der Perspektive einer betroffenen Ehefrau und traf damit den Nerv einer Gesellschaft, die heftig über Militarismus und Krieg stritt. In ihren späteren Schriften warnte sie zunehmend vor der Industrialisierung der Kriegsführung und den Interessen der Rüstungsindustrie.
Rezeption↑
Breite gesellschaftliche Resonanz fanden Suttners Friedens- und Abrüstungsforderungen in ganz Europa. Der Roman Die Waffen nieder! wurde ihr größter Erfolg: Er erschien in zahlreichen Auflagen, wurde in viele Sprachen übersetzt und trug wesentlich zur Popularisierung der Friedensidee in Europa und Amerika bei. Die Lektüre bewegte manche Leser, etwa Helene Stöcker, selbst zu Friedensaktivisten zu werden. Der Historiker Jörn Leonhard sah in Suttner eine Identifikationsfigur jener Richtung des Pazifismus, die den Krieg als unmoralisch ablehnte. In deutschnationalen Kreisen wurde sie dagegen abfällig „Friedens-Bertha“ genannt, und die Idee der Abrüstung blieb der Mehrheit ihrer Zeitgenossen unverständlich.
Laut der Neuen Deutschen Biographie gilt Suttner heute als berühmteste Pazifistin ihrer Zeit; sie habe den Grundstein für die internationale Friedensbewegung gelegt und mit ihrer Kritik am ausufernden Antisemitismus manches Tabu gebrochen. Ihr Werk und ihr Leben wirkten auch in andere Künste hinein. Franz von Suppè schrieb 1892 nach ihrem Roman einen Chor mit dem Titel „Die Waffen nieder“. Ihr Buch wurde bereits 1914 verfilmt, und Harald Braun brachte 1952 mit Herz der Welt ihr Leben auf die Leinwand. Zu ihrem Gedenken entstanden 2014 mehrere Fernsehproduktionen, darunter das Biopic Eine Liebe für den Frieden. Auch das Theater griff ihren Stoff wieder auf: In der Saison 2025/2026 wurde Die Waffen nieder am Theater in Bonn inszeniert.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →
Aus dem Werkverzeichnis↑
Im Lexikon
Weitere Werke (Auswahl)
Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (6 weitere Titel)