1898
Die Drehung der Schraube
Überblick↑
Die Novelle The Turn of the Screw von Henry James erschien erstmals 1898. Sie gilt als eines der berühmtesten Werke der englischsprachigen Gespensterliteratur. Im Deutschen kursiert sie unter mehreren Titeln. Dazu gehören Die Drehung der Schraube, Das Durchdrehen der Schraube oder Das Geheimnis von Bly. Schauplatz ist der einsame englische Landsitz Bly. Dort soll eine junge Gouvernante zwei verwaiste Kinder betreuen und sieht sich bald von rätselhaften Erscheinungen umgeben. Bis heute streiten Leser und Literaturwissenschaftler darüber, ob die Geister wirklich existieren oder nur in der Einbildung der Erzählerin spuken. Gerade diese Doppeldeutigkeit hat das schmale Buch zu einem Klassiker gemacht.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Ein namenloser Erzähler berichtet, wie ein gewisser Douglas am Kamin eines englischen Landhauses ein altes Manuskript vorliest. Es enthält die Aufzeichnungen einer jungen Gouvernante. Sie wurde vor Jahren angestellt, um zwei Waisenkinder, Miles und Flora, auf dem abgelegenen Landsitz Bly zu betreuen. Die Frau ist eine Pfarrerstochter ohne Vermögen. Heimlich ist sie beeindruckt von ihrem Auftraggeber, dem Onkel der Kinder, und tritt ihre Stelle mit großer Hingabe an.
Schon bald treten Schatten auf das Idyll. Der Junge Miles ist wegen eines nie näher erklärten Vergehens vom Internat verwiesen worden. Auf den Wegen und an den Fenstern des Hauses begegnet der Gouvernante eine fremde Frau und ein fremder Mann. In ihnen meint sie schließlich eine verstorbene Vorgängerin und einen früheren Diener zu erkennen. Beide kamen unter ungeklärten Umständen ums Leben. Sie sollen, so erfährt sie, einen prägenden Einfluss auf die Kinder gehabt haben. Die Gouvernante ist überzeugt, dass auch Miles und Flora die Erscheinungen sehen, ihr aber nichts verraten. Mit wachsender Anspannung will sie die Kinder schützen. Dabei gerät sie selbst immer tiefer in einen Strudel aus Verdacht, Angst und Verantwortung.
Die Handlung im Detail↑
Die Rahmenhandlung beginnt mit einer geselligen Runde in einem englischen Landhaus, in der Gespenstergeschichten erzählt werden. Ein Mann namens Douglas kündigt eine besonders eindringliche Geschichte an und liest sie aus einem Manuskript vor, das er von der inzwischen verstorbenen Verfasserin erhalten hat. Der namenlose Erzähler der Rahmenhandlung gibt diese Lesung wieder.
Die Verfasserin, eine junge Pfarrerstochter ohne Vermögen und Heiratsaussichten, wird vom Onkel und Vormund zweier Waisenkinder als Gouvernante für den Landsitz Bly engagiert. Der Onkel, in den sie sich beim Vorstellungsgespräch verliebt, stellt eine eigentümliche Bedingung: Sie soll ihn unter keinen Umständen mit Angelegenheiten der Kinder behelligen. In Bly findet sie die kleine Flora und kurz darauf den Jungen Miles vor, beide auffallend schön und liebenswürdig. Miles ist gerade ohne klare Begründung vom Internat verwiesen worden, was die Gouvernante zunächst verdrängt.
Bald beobachtet sie auf dem Anwesen wiederholt zwei fremde Gestalten – einen Mann auf einem Turm und am Fenster, eine Frau am See und auf der Treppe. Von der Haushälterin Mrs. Grose erfährt sie, dass es sich offenbar um den verstorbenen Diener Peter Quint und die frühere Gouvernante Miss Jessel handeln muss. Beide kamen unter ungeklärten Umständen ums Leben; beide sollen einander nahe gestanden und einen unguten Einfluss auf die Kinder gehabt haben. Vor allem Miles habe sich an dem Diener Quint orientiert, der sich Höhergestellten gegenüber Freiheiten herausnahm.
Die Gouvernante steigert sich in die Überzeugung hinein, dass die Geister auch jetzt noch um Miles und Flora werben und dass die Kinder die Erscheinungen sehen, ihr aber heimlich verschweigen. Aus dem Wunsch zu schützen wird eine zwanghafte Überwachung. Eine Szene, in der Flora am Seeufer ein Holzschiffchen baut und einen kleinen Mast in den Rumpf zu drehen versucht, deutet sie als heimliche Zwiesprache mit Miss Jessel und greift entschlossen ein. Als sie Flora schließlich offen mit dem Namen der toten Vorgängerin konfrontiert, bricht das Kind zusammen, weist alles weit von sich und wird von Mrs. Grose vom Anwesen weggebracht. Flora erkrankt an einem Nervenfieber.
Mit Miles bleibt die Gouvernante allein zurück. In einer letzten, langen Auseinandersetzung versucht sie, ihm das Geständnis abzuringen, was im Internat geschehen ist und ob er Quint sehe. Während sie ihn fest an sich drückt und ihn zwingen will, den Geist zu benennen, stirbt der Junge in ihren Armen. Sein Tod ist das einzige Ereignis der Geschichte, an dessen Wirklichkeit keine Lesart zweifelt. Ob Quint und Miss Jessel als reale Wiedergänger nach den Kindern griffen oder ob die Gouvernante in ihrer immer engeren Umklammerung selbst zur Gefahr wurde, lässt der Text bewusst offen. Shoshana Felman hat genau diesen Handgriff, mit dem die Gouvernante Miles am Ende festhält, als das titelgebende "Durchdrehen der Schraube" gedeutet.
Stil↑
James erzählt seine Geistergeschichte in einer auffälligen Schachtelung. Ein anonymer Rahmenerzähler gibt wieder, was ein zweiter Mann, Douglas, am Kamin vorliest. Und vorgelesen wird das Ich-Manuskript der Gouvernante selbst. Zwischen Leser und Geschehen liegen also mehrere Stimmen. Die innerste, entscheidende Stimme gehört einer Figur, deren seelische Verfassung gerade der Streitpunkt des Buches ist. Auf dieser Erzählanlage beruht das berühmte Schweben des Textes zwischen Spuk und Einbildung. Nichts wird von einer neutralen Instanz bestätigt, alles geht durch die Wahrnehmung der Gouvernante. Auch das Geschlecht des äußersten Erzählers bleibt unbestimmt. Spätere Interpretationen haben das aufgegriffen. Charakteristisch ist außerdem James' Andeutungstechnik: Quints Vergehen, Miles' Schulverweis, die Beziehung zwischen den Toten. Vieles wird umkreist, nichts beim Namen genannt. Der Titel selbst greift dieses Verfahren auf. Er wird im Text nur einmal beiläufig erwähnt, als Bild für eine weitere, äußerste Steigerung des Zumutbaren.
Rezeption↑
Die Novelle The Turn of the Screw zählt zu den am stärksten rezipierten Werken von Henry James. Literaturwissenschaftler nahezu aller Schulen haben sich an ihm abgearbeitet. Im Zentrum der Debatten steht seit dem Erscheinen die Frage, ob die Geister wirklich auf Bly umgehen oder ob die Gouvernante sie sich einbildet. Lange Zeit standen sich zwei Lager unversöhnlich gegenüber. Beide versuchten, ihre Lesart am Text zu belegen.
Einen besonders einflussreichen Anstoß für die psychologische Deutung gab 1934 Edmund Wilson. Er las die Novelle aus freudianischer Sicht und sah in der Gouvernante eine sexuell verdrängte, halluzinierende junge Frau. Zahllose spätere Interpreten folgten ihm. Gegen diese Lesart wurde eingewandt, dass das Kindermädchen in der Rahmenhandlung durchweg positiv geschildert wird. Das passe schwer zu einer gefährlich Geisteskranken. Außerdem sei zweifelhaft, ob James überhaupt mit freudscher Symbolik vertraut war. Überliefert ist vielmehr, dass ihn an seiner Geschichte die Gespenster mehr interessierten als die Erzählerin.
Erst in den siebziger Jahren setzte sich die heute weitgehend akzeptierte dritte Lesart durch. Ihr zufolge sind beide Deutungen zugleich im Text angelegt. Zu ihren frühen Vertretern gehören Tzvetan Todorov und Shoshana Felman aus dem Umfeld dekonstruktivistischer Theorie. Etwa zur gleichen Zeit kamen Interpretationen aus marxistischer und geschlechterkritischer Sicht hinzu. Vertreter wie Edwin Fussell und Heath Moon lasen die Novelle als Bild vom moralischen Verfall der Oberschicht, in das die "Geister" der Unterdrückten einzudringen suchen. Das Scheitern der Rettung deuteten sie als Bild der Hoffnungslosigkeit. Aus den Gender Studies stammen sehr unterschiedliche Urteile. Patricia N. Klingenberg etwa wirft James vor, die weibliche Stimme durch zwei männliche Erzähler zu brechen. Andere heben die Ebenbürtigkeit seiner Erzählerinnen-Figur hervor.
Auch in andere Künste hat das Werk weit gewirkt. 1954 schuf Benjamin Britten daraus eine Oper. 1961 verfilmte Jack Clayton den Stoff als Schloß des Schreckens. Bis heute reicht die Reihe der Adaptionen über Tim Fywells Schloss des Schreckens (2009) bis zu Floria Sigismondis Die Besessenen und der Netflix-Serie Spuk in Bly Manor (beide 2020).
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