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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Die Abderiten
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Die Abderiten
1774
– Werkseintrag –

Die Abderiten

1774 · Essay

Wielands großer Aufklärungsroman zeigt eine ganze Stadt, in der jede gute Idee an der Selbstgefälligkeit ihrer Bürger zerschellt – und macht aus dem antiken Abdera ein zeitloses Bild der Provinz.

Überblick

Mit den Abderiten hat Christoph Martin Wieland einen der bedeutendsten satirischen Romane der deutschen Aufklärung geschaffen. Der Roman erschien zwischen 1774 und 1780 in Fortsetzungen in der Zeitschrift »Der Teutsche Merkur«. Nach Volker Meid gilt er als der erste deutsche Fortsetzungsroman. Schauplatz ist die antike griechische Stadt Abdera. Deren Bewohner galten schon in der Antike als sprichwörtliche Schildbürger: als gutgläubige, beschränkte Kleinstädter, an denen alle großen Geister wie Demokrit oder Protagoras gescheitert waren. Wieland nutzt diesen antiken Stoff für ein scharfes Porträt menschlicher Borniertheit. Schon Zeitgenossen vermuteten, er habe in Wahrheit seine Heimatstadt Biberach an der Riß und deren Honoratioren beschrieben. Wieland selbst betonte, er ziele auf menschliche Verhaltensweisen, die zu allen Zeiten und an allen Orten zu finden seien.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im Mittelpunkt steht die fiktive antike Stadt Abdera. Sie ist eine Provinzgesellschaft voller Selbstgefälligkeit, in der kleinkarierte Bürger über große Fragen entscheiden wollen. Der Roman gliedert sich in fünf Bücher. Die ersten drei zeigen, wie die Abderiten nacheinander mit drei berühmten Gestalten des griechischen Geisteslebens zusammenstoßen. Der erste ist der Philosoph Demokrit, der nach langen Reisen in seine Heimatstadt zurückkehrt. Der zweite ist der Arzt Hippokrates, den die Bürger herbeirufen, um Demokrit zu begutachten. Der dritte ist der Tragödiendichter Euripides, dessen Theateraufführung die Abderiten in Verzückung versetzt.

Das vierte Buch erzählt einen grotesken Rechtsstreit zwischen einem Eseltreiber und einem Zahnarzt. Er entzündet sich an der Frage, ob der Schatten eines gemieteten Esels mitvermietet ist. Diese Kleinigkeit spaltet ganz Abdera in zwei Lager. Das fünfte Buch schildert den Streit um die heiligen Frösche der Göttin Latona. Sie vermehren sich im Stadtgebiet derart, dass sie zur Plage werden. Vernünftige Vorschläge prallen auf religiösen Eifer. Aus einer Sachfrage wird ein Glaubenskrieg. In allen Episoden gilt: Sobald ein vernünftiger Kopf auf die Abderiten trifft, kippt die Situation ins Lächerliche. Und es bleibt offen, wer am Ende der Klügere ist.

Die Handlung im Detail

Ein knapper Vorbericht, in dem ein scheinbar fremder Herausgeber den »Verfasser« in dritter Person erwähnt und den Wahrheitsgehalt der Erzählung beteuert, eröffnet das Buch. Tatsächlich stammt auch dieses Vorwort von Wieland selbst, der mit dem Spiel um Erzählerfiguren von Anfang an Distanz schafft.

Das erste Buch erzählt von Demokrit, einem geborenen Abderiten, der mit zwanzig Jahren aufbricht, um die Welt zu bereisen, und nach zwanzig Jahren mit einem reichen Wissensschatz zurückkehrt. Die Abderiten erwarten von ihm Wundergeschichten – Länder mit kopflosen Menschen, Völker ohne Nase, Hunde als Könige. Demokrit aber berichtet nüchtern, was er wirklich gesehen hat, und stößt damit auf Unverständnis. Trotzdem holen sie ihn fortwährend um Rat, auch als er sich aufs Land zurückzieht. Je einsamer er lebt, desto wilder werden die Gerüchte: Demokrit treibe Zauberei.

Das zweite Buch dreht sich um die Folgen dieser Gerüchte. Die Abderiten halten Demokrit für einen Hexenmeister, weil sein Wissen das ihre übersteigt; angeblich kursieren sogar Zauberbücher unter seinem Namen. Sie beobachten, wie er Kräuter an den Klippen sucht, mit einem »Blaserohr« nachts die Sterne betrachtet und Eingeweide von Hunden, Katzen und Fröschen untersucht. Sie halten ihn für unnütz, widersprüchlich, spöttisch, geschmacklos und für einen »Freygeist«. Der Ratsherr Thrasyllus, der es auf Demokrits Vermögen abgesehen hat, betreibt seine Entmündigung. Da sich keine eindeutigen Beweise finden lassen, ruft man den berühmten Arzt Hippokrates herbei. Thrasyllus versucht ihn mit einem Festmahl und mit Geld zu bestechen, doch Hippokrates lässt sich nicht kaufen. Beim Besuch finden Arzt und Philosoph schnell zueinander und kommen gemeinsam zu dem Schluss, dass nicht Demokrit, sondern die Abderiten krank seien. Öffentlich verkündet Hippokrates: Er könne den Bürgern nicht helfen, sie sollten reichlich Nieswurz nehmen und die Götter um Heilung anflehen. Die Abderiten sind schockiert, halten ihn daraufhin für einen Quacksalber, der entweder Kranke schaffen wolle oder gar einen Anschlag auf die Aristokratie plane. Ein heftiger Streit bricht aus – und endet erst, als der Stundenrufer zum Mittagessen ruft, an das man sich strikt zu halten hat.

Im dritten Buch wechselt der Erzähler überraschend den Ton. Bei einer Aufführung des Euripides sind die Abderiten so verzaubert von dessen Theater, dass der Erzähler diese Hingabefähigkeit lobt. Ihre große Bereitschaft, sich von der Einbildungskraft täuschen zu lassen, sei gerade nicht das, was er am wenigsten an ihnen liebe. Im Gegenzug tadelt er das »aufgeklärte« Publikum, das während der Vorstellung darüber räsoniert, was alles fehle, und dadurch die Illusion zerstört. Die Abderiten werden hier ausnahmsweise zu Sympathieträgern.

Das vierte Buch erzählt den berühmten »Prozeß um des Esels Schatten«. Ein Zahnarzt mietet bei einem Eseltreiber einen Esel und sucht während einer Rast im Schatten des Tieres Schutz vor der Sonne. Der Treiber besteht darauf, dass nur der Esel, nicht aber dessen Schatten Teil des Mietvertrags sei, und verlangt eine gesonderte Vergütung. Aus der Lappalie wird ein Gerichtsverfahren, das die ganze Stadt in zwei verfeindete Parteien spaltet. Am Ende erleidet ausgerechnet der Esel das tragische Schicksal: Vom prozesswütigen Volk wird er auf offener Straße in tausend Stücke zerrissen. Damit ist die Streitfrage scheinbar erledigt – ohne Esel kein Schatten, ohne Schatten kein Prozess.

Das fünfte Buch handelt von den heiligen Fröschen der Latona. Die Frösche gelten in Abdera als Symbol dieser Göttin; alte Froschgräben werden vom Erzpriester Agathyrsus zu neuem Leben erweckt, und ein Wetteifern führt dazu, dass die Tiere sich überall vermehren. Sie verlassen schließlich die Teiche und werden im Alltag in Massen zertreten. Der Philosoph Korax kritisiert die Frömmelei und stellt sogar die Verwandlungssagen um die Frösche in Frage, womit er und seine Anhänger zu »Gegenfröschlern« werden. Im Rat erklärt Meidias als Erster, es gebe zu viele Frösche, und die Göttin werde es nicht übel nehmen, wenn man eingreife; der Senat stimmt einstimmig zu. Doch sofort entsteht der nächste Streit: Wer soll eine Lösung erarbeiten? Der Oberpriester Stilbon will die Frösche unbedingt schützen, doch beauftragt wird schließlich die Akademie. Korax verfasst ein Gutachten und empfiehlt, die Frösche zu essen, wie es andernorts üblich sei. Stilbon erklärt ihn daraufhin zum »Feind der Götter und der Menschen«. Als das Gutachten vorgelegt wird, kippt anfängliche Belustigung in Entsetzen: Die Frösche werden vom Erzähler mit den eigenen Kindern verglichen, und den Abderiten ist, als sollten sie diese zerhacken. Die ganze Akademie gilt nun als gottlos. Stilbon verfasst eine erhitzte Schrift, in der er fordert, seine Gegner sollten im Staat nicht länger geduldet werden. Erst eine ausbrechende Rattenplage zwingt zu einer Entscheidung – doch sofort streitet man darüber, woher die Ratten kommen. Die Gegenfröschler verweisen darauf, dass die Plage anderswo durch das Verspeisen der Frösche überwunden worden sei; die Froschfreunde sehen die Rattenplage als Strafe der Götter für die Gottlosigkeit der Gegenpartei. Am Ende beschließen die Abderiten, ihre Stadt zu verlassen, weil die Götter ihnen nicht mehr hold seien. Anderswo werden die Flüchtlinge zwar aufgenommen, aber ausgelacht.

Stil

Der Roman ist als Folge von fünf »Büchern« angelegt. Er folgt formal den Geschichten aus Abdera, die schon antike Komödiendichter und Satiriker kolportiert hatten. Wieland setzt diese Tradition fort. Dabei nutzt er antike Figuren – Demokrit, Hippokrates, Euripides – als Reibungsfläche für seine satirische Schilderung einer Provinzgesellschaft.

Charakteristisch ist die Erzählerhaltung. Ein souveräner, ironisch kommentierender Erzähler hält die Distanz zu den Abderiten. Im dritten Buch wechselt er aber überraschend ins Wohlwollen. Schon der vorangestellte »Vorbericht« arbeitet mit dem Spiel um Verfasserfiguren. Er wirkt, als sei er von einem Dritten verfasst, stammt aber doch aus Wielands Feder. So entstehen mehrere Erzählinstanzen, die mit Wahrheitsanspruch und Fiktion spielen.

Als Veröffentlichungsform prägt der Fortsetzungsroman den Text. Die Teile erschienen zwischen 1774 und 1780 im »Teutschen Merkur«. Zwischen ihnen klaffen Lücken, die der Leser überbrücken musste. In den späteren Buchausgaben wurden diese Übergänge oft geglättet, manchmal von fremden Herausgebern überarbeitet. So wirkt die ursprüngliche Zeitschriftenfassung anders als die Buchfassung.

Rezeption

Schon zu Lebzeiten Wielands lasen Zeitgenossen den Roman als verdeckte Satire auf die Verhältnisse in seiner Heimatstadt Biberach an der Riß. Einzelne Figuren erinnerten an Bürger der Reichsstadt. Wieland selbst hielt dagegen, er ziele auf allgemein menschliche Verhaltensweisen, die zu allen Zeiten und an allen Orten anzutreffen seien.

Der Stoff erwies sich als außerordentlich nachwirkend. Immer wieder regten die Abderiten andere Künstler zu eigenen Werken an, darunter August von Kotzebue, Friedrich Dürrenmatt, Richard Strauss und Peter Ustinov. Besonders die Episode vom »Prozeß um des Esels Schatten« ist als geflügeltes Stück europäischer Literatur weitergewandert. Sie hat bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein Bühnen- und Hörspielfassungen angeregt.

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