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Werkseintrag · Zeit der Unschuld
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Cover Zeit der Unschuld
Zeit der Unschuld
1920
– Werkseintrag –

Zeit der Unschuld

1920 · Roman

Im alten New York der feinen Gesellschaft steht ein junger Anwalt zwischen der Frau, die er heiraten soll, und der Frau, die er heimlich liebt.

Überblick↑

Der Roman Zeit der Unschuld von Edith Wharton führt in die vornehme Gesellschaft New Yorks des späten 19. Jahrhunderts. Er erschien 1920, zunächst in vier Teilen in einer Zeitschrift, noch im selben Jahr dann als Buch. Im Mittelpunkt steht der junge Anwalt Newland Archer, der zwischen gesellschaftlicher Pflicht und einer verbotenen Liebe steht. 1921 wurde das Werk mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet; Wharton war die erste Frau, die diese Auszeichnung für einen Roman erhielt. Der Originaltitel lautet The Age of Innocence.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im New York der feinen Gesellschaft ist der junge Anwalt Newland Archer mit May Welland verlobt, einer Frau aus bestem Hause. Bei einer Opernaufführung sieht er zum ersten Mal seit den Kindertagen ihre Cousine wieder: die Gräfin Ellen Olenska. Sie hat ihren Mann, einen polnischen Grafen, verlassen und ist nach New York zurückgekehrt, wo ihr Auftreten Gerede auslöst.

Archer, der die strengen Regeln seiner Welt achtet, fühlt sich immer stärker zu Ellen hingezogen. Zwischen dem geordneten Leben, das ihn an der Seite Mays erwartet, und der Faszination, die von Ellen ausgeht, wächst ein Zwiespalt, dem er sich nicht entziehen kann. Der Roman entfaltet diesen Konflikt vor dem Hintergrund einer Gesellschaft, in der jeder Schritt beobachtet und beurteilt wird.

Die Handlung im Detail↑

Der junge Anwalt Newland Archer begegnet Ellen Olenska bei einer Opernaufführung wieder. Sie ist in Begleitung ihrer Cousine May Welland, mit der Archer verlobt ist. Ellen hat ihren Gatten, einen polnischen Grafen, verlassen und lebt nun bei ihrer und Mays Großmutter, Mrs. Mingott. Beim anschließenden Ball in der Villa des Bankiers Beaufort wird die Verlobung von Newland und May offiziell verkündet. Bei einem Besuch bei Mrs. Mingott fordert Ellen den jungen Anwalt beiläufig auf, sie doch zu besuchen. Archer ignoriert die Einladung. Kurz darauf hört er, Ellen wolle sich scheiden lassen, und auch das Gerücht, sie habe über ein Jahr mit dem Sekretär ihres Mannes in Europa zusammengelebt.

Als die Mingotts ein Festessen zu Ellens Ankunft geben, sagen fast alle Geladenen ab. Die gedemütigte Familie bittet die van der Luydens, die an der Spitze der New Yorker Aristokratie stehen, um Rat. Auf deren Betreiben wird die Gräfin zu einem Dinner zu Ehren des Herzogs von St. Austrey geladen. Dort stößt Ellen den aufdringlichen Herzog vor den Kopf, setzt sich zu Archer und fordert ihn erneut auf, sie zu besuchen. Diesmal kommt er der Einladung nach. Ellen erscheint verspätet und erklärt, sie sei mit Julius Beaufort unterwegs gewesen. Archer verspürt Eifersucht und fühlt sich immer mehr zu ihr hingezogen. Als aber der Herzog mit der fragwürdigen Mrs. Struthers auftaucht, ist er ernüchtert, und May erscheint ihm wieder als die passende Frau.

Archer drängt seine Verlobte, die Hochzeit früher stattfinden zu lassen. Doch May möchte sich nach den Wünschen ihrer Mutter und den üblichen Regeln richten. In der Kanzlei wird Archer mit einem Auftrag der Mingotts betraut: Die Familie lehnt Ellens Scheidungswunsch ab. Bei einem Treffen kommt Newland auf die angedrohte Gegenklage des Grafen zu sprechen, der Ellen eine eigene Affäre vorwirft. Sie streitet das nicht ab. Mit dem Argument, die New Yorker Gesellschaft würde sie nach einem solchen Prozess fallen lassen, überzeugt Archer sie, ihr Vorhaben aufzugeben.

Ellen geht ihm nicht aus dem Kopf. Als er erfährt, dass sie sich auf dem Landsitz der van der Luydens aufhält, sucht er sie dort heimlich auf. Beide deuten an, etwas füreinander zu empfinden. In diesem Moment taucht Beaufort auf, und Newland reist frustriert zurück. Ellens schriftliche Bitte um eine Aussprache beantwortet er nicht; stattdessen fährt er zu May, die sich mit ihren Eltern in Florida aufhält. Als er auch dort auf einen baldigen Hochzeitstermin drängt, äußert May den Verdacht, er sei sich nicht sicher, ob er sie überhaupt heiraten wolle, und liebe vielleicht eine andere. Archer streitet alles ab. Zurück in New York gesteht er Ellen offen seine Liebe. Sie hat Skrupel, auf sein Werben einzugehen. Da trifft ein Telegramm ein: Auf Wunsch der alten Mrs. Mingott sind Mays Eltern nun mit einem nahen Hochzeitstermin einverstanden.

Die Hochzeit wenige Wochen später lässt Newland emotionslos über sich ergehen; vergeblich hält er nach Ellen Ausschau. Die dreimonatige Hochzeitsreise nach Europa wird für beide eine Enttäuschung. Wieder in New York führt Archer ein Leben fast wie vor der Ehe, und Ellen ist nur noch ein Schatten in seinem Gedächtnis. Erst der Sommeraufenthalt in Newport zeigt ihm, wie sehr sich seine Lage verändert hat: Das Paar wohnt bei Mays Eltern und muss sich deren strengen Regeln fügen. Bei einem Sportfest trifft Newland zufällig Ellens Tante Medora Manson. Er hat Ellen seit anderthalb Jahren nicht gesehen und weiß, dass sie inzwischen mit Medora in Washington lebt.

Sein Verlangen, sie wiederzusehen, lässt sich nicht mehr unterdrücken. Unter dem Vorwand einer Geschäftsreise folgt er ihr nach Boston. Ellen erzählt, ihr Gatte wünsche ihre Rückkehr; Archer überredet sie, eine schriftliche Absage zu formulieren, und sie verbringen den Tag miteinander. In einem Gasthof auf dem Land kritisiert Ellen scharf die amerikanische Gesellschaft. Auf die Frage, warum sie dann nicht nach Europa zurückkehre, antwortet sie, es sei seinetwegen – doch sie werde nur in Amerika bleiben, wenn Newland an seiner Ehe festhalte. Ellen lebt weiter mit Medora in Washington, während Archer sich eine Parallelwelt aus Büchern und Gedanken an sie erschafft.

Dann macht Beauforts Bank Bankrott, und die Gesellschaft lässt den Bankier fallen. Seine Frau hält wider alle Regeln zu ihm und bittet auch Mrs. Mingott um Hilfe. Vor Aufregung erleidet die alte Dame einen Schlaganfall; sie wünscht, dass Ellen zu ihr zieht und sich um sie kümmert. Als Newland Ellen auf Wunsch der Familie an der Fähre abholt, bedrängt er sie vergeblich, mit ihm zu fliehen. Auch bei einem heimlichen Treffen in einem Museum lehnt sie seinen Plan ab, gemeinsam im Ausland zu leben. Schließlich geht er auf ihren Vorschlag ein, sich ein einziges Mal zu lieben, bevor sie endgültig nach Europa zurückkehrt.

Zu Hause erzählt May, sie habe ihre Cousine zufällig bei der Großmutter getroffen. Als Newland alles gestehen will, unterbricht sie ihn: Sie habe soeben von Ellen erfahren, dass diese mit Medora nach Europa gehen werde, und ihr Entschluss stehe fest. Die jungen Archers geben ein Abschiedsessen für die Gräfin. Ellen wird neben Newland platziert. Durch die übertriebene Liebenswürdigkeit aller Anwesenden wird ihm klar, dass jeder von ihrer Liebe weiß – und dass Ellens Abreise der Gesellschaft einen Skandal erspart. Archer ist entschlossen, ihr nach Paris zu folgen. Doch als er May erklärt, er müsse bald auf eine weite Reise gehen, eröffnet sie ihm, dass sie ein Kind erwartet.

Dreißig Jahre später wird der inzwischen verwitwete Newland von seinem Sohn Dallas, dem ältesten seiner drei Kinder, zu einer Reise nach Paris überredet. Er steht sogar vor Ellens Wohnung – doch er besucht sie nicht.

Stil↑

Der Roman ist in zwei Bücher aufgeteilt. Das erste erzählt von der Verlobungszeit Newland Archers mit May Welland, die durch das Auftauchen der Gräfin Ellen Olenska voller Verwicklungen verläuft. Das zweite stellt die nicht minder schwierige Zeit der Ehe und Archers Beziehung zu Ellen dar. Mit großer Liebe zum Detail schildert Wharton innere wie äußere Vorgänge. Einfühlsam geht sie auf Gedanken und Handlungen der Figuren ein, wobei sie als Erzählerin diese durchaus kommentiert und bewertet. Newland Archer steht dabei stets im Mittelpunkt; die Autorin gilt als literarische Schülerin von Henry James.

Kennzeichnend ist die präzise, liebevolle Beschreibung von Häusern und Inneneinrichtungen. Wharton beschäftigte sich jahrelang mit Innenarchitektur und Gartengestaltung und veröffentlichte 1897 das Werk The Decoration of Houses. Diese Neigung schlägt sich im Roman nieder, etwa in der Villa des Bankiers Beaufort oder in Archers Bibliothek. Durch Rückblenden, beispielsweise in die Kindheit der Figuren, werden verschiedene Zeitebenen erfasst.

Rezeption↑

Bereits im Jahr nach dem Erscheinen erhielt der Roman 1921 den Pulitzer-Preis, der 1918 zum ersten Mal vergeben worden war. Wharton war die erste Frau, die diese Auszeichnung für einen Roman bekam. Das Werk blieb über die Jahrzehnte präsent und wurde immer wieder neu ins Deutsche übertragen. Die erste Übersetzung erschien 1939 unter dem Titel Amerikanische Romanze im Berliner Herbig-Verlag. Nach dem Krieg folgten weitere Fassungen, darunter 1951 unter dem Titel Im Himmel weint man nicht. Unter dem heute geläufigen Titel Zeit der Unschuld kam der Roman 1986 heraus; 2015 legte der Manesse Verlag eine neue Übersetzung von Andrea Ott vor. 1993 verfilmte Martin Scorsese den Stoff.

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