1966
Zeit der Nordwanderung
Überblick↑
Der Roman Zeit der Nordwanderung stammt von dem sudanesischen Schriftsteller und Journalisten At-Tayyib Salih. Es ist sein zweiter postkolonialer Roman. Vor der Erstveröffentlichung 1966 erschien der Text in der Beiruter Literaturzeitschrift Hiwâr. Auf Deutsch kam das Buch 1998 im Lenos Verlag heraus. Im Mittelpunkt steht das Aufeinanderprallen der europäischen und der arabischen Kultur. Das Werk zählt zu den Klassikern der arabischen Literatur und blieb Salihs international bekanntester Roman. Die Arabische Literaturakademie in Damaskus erklärte es 2001 zum wichtigsten arabischen Roman des 20. Jahrhunderts.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Ein junger Sudanese kehrt nach sieben Jahren aus Europa in sein Heimatdorf an der Nilbiegung zurück. Sein Name wird nie genannt. In London hat er über die Biografie eines englischen Dichters gearbeitet und in britischer Poesie promoviert. Nun will er sich in der Heimat niederlassen und mit seiner Bildung dem Sudan nützen, der erst seit wenigen Jahren unabhängig ist.
Im Dorf trifft er auf einen Fremden, der dort erst seit einiger Zeit lebt: Mustafa Saîd. Der Mann bewirtschaftet ein Gut, führt die Bücher der landwirtschaftlichen Genossenschaft und hat eine Frau aus dem Dorf geheiratet. Über seine Vergangenheit spricht er mit niemandem. Eines Abends jedoch, betrunken, rezitiert er in fließendem Englisch ein Gedicht, das dem Erzähler bekannt vorkommt. Der stellt ihn zur Rede, und Mustafa beginnt, ihm seine Lebensgeschichte zu erzählen.
Was der Erzähler erfährt, ist die Geschichte eines zweiten Mannes, der aus dem Sudan nach England ging: eines hochbegabten Halbwaisen aus Khartum, der dort zum gefeierten Akademiker aufstieg und dessen Karriere an einer Reihe von Liebesaffären zerbrach. Der Erzähler ist von diesem Fremden zugleich angezogen und abgestoßen. Er ist der Einzige im Dorf, der Bescheid weiß, und muss von da an mit diesem Wissen leben. Der Roman verfolgt, was das Wissen mit ihm macht und wie sehr sich die beiden Lebenswege gleichen.
Die Handlung im Detail↑
Nach sieben Jahren in Europa kommt der namenlose Ich-Erzähler in sein Dorf an der Nilbiegung zurück, um dort als Bauer zu leben. Bald fällt ihm ein Zugezogener auf: Mustafa Saîd, ein Einzelgänger in den Vierzigern, der im Dorf still und zurückgezogen lebt. Als Mustafa eines Abends betrunken das Gedicht "In October 1914 (Antwerp)" von Ford Madox Ford auf Englisch rezitiert, stellt ihn der Erzähler zur Rede. Daraufhin erzählt Mustafa ihm sein Leben.
Auch Mustafa war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Studium in Europa. Er soll in den 1920er Jahren als erster Sudanese eine Engländerin geheiratet haben. Mit vierundzwanzig hatte er bereits eine erfolgreiche Laufbahn als Hochschullehrer für Ökonomie. Zugleich verführte er Frauen, indem er ihre orientalischen Fantasien bediente und seine Herkunft aus dem Osten ins Märchenhafte übertrieb. Ann Hammond, eine privilegierte zwanzigjährige Studentin der orientalischen Sprachen in Oxford, nahm sich mit Gas das Leben und hinterließ eine Nachricht, in der sie Mustafa verfluchte. Sheila Greenwood, Tochter eines nordenglischen Kohlearbeiters, tötete sich, als sie merkte, dass er sie nicht heiraten würde. Isabella Seymour, verheiratet, zweifache Mutter und Kirchgängerin, ging ebenfalls eine Beziehung mit ihm ein und starb durch eigene Hand; im späteren Prozess führte die Staatsanwaltschaft das auf Mustafas seelischen Missbrauch zurück, es stellte sich jedoch heraus, dass sie an Krebs litt.
Jean Morris war die vierte Frau und wurde schließlich seine Ehefrau. Sie wies ihn immer wieder zurück und demütigte ihn, um dann plötzlich in die Heirat einzuwilligen. Die Ehe war angespannt und turbulent. Am Ende erstach Mustafa sie beim Geschlechtsverkehr. Im Prozess sagte sein akademischer Mentor Maxwell Foster Keen aus, ein erzkonservativer Imperialist, und erklärte die Tat aus Mustafas kultureller Zerrissenheit; diese Aussage bewahrte ihn vor der Hinrichtung. Er saß in England sieben Jahre Haft ab und kehrte über einige Zwischenstationen in den Sudan zurück, wo er Husna bint Machmûd heiratete.
Der Großvater des Erzählers hatte diesem die ersten Hinweise auf Mustafa gegeben. Er verkörpert die Werte der von Stammesbindungen geprägten sudanesischen Gesellschaft, außerhalb derer Mustafa als Sohn einer freigelassenen Sklavin steht.
Kurz nachdem der Erzähler die Geschichte kennt, verschwindet Mustafa von einem Tag auf den anderen, während der Nil Hochwasser führt. Er hinterlässt einen Brief mit der Anweisung, der Erzähler solle sich um seine Frau und die beiden Söhne Machmûd und Saîd kümmern. Husna lebt fortan allein und weist alle Verehrer zurück. Der Erzähler wird als Nachlassvollstrecker ihr Vormund, fühlt sich in dieser Rolle aber unwohl. Als Wadd al-Rajjis, ein siebzigjähriger Frauenheld des Dorfes, der schon mehrere Frauen hat, um sie anhält, erkennt der Erzähler, dass er selbst in sie verliebt ist. Er greift dennoch nicht ein und verhindert die Zwangsverheiratung der Dreißigjährigen nicht, sondern verbringt die meiste Zeit in Khartum. Husna wehrt sich gegen die erzwungene Ehe. In einer dramatischen Nacht ersticht sie ihren Mann und danach sich selbst.
Im letzten Kapitel häufen sich für den Erzähler die Schuldgefühle und die albtraumhaften Ereignisse. Er lässt sich im Nil treiben, überlegt es sich in letzter Minute anders und gibt dem Leben noch eine Chance. Der Roman endet mit seinem Schrei um Hilfe. Ungewiss bleibt, ob die Entscheidung zu spät kommt, ob sie richtig ist und ob der Erzähler, die anderen und der Sudan die nötige Hilfe bekommen werden.
Stil↑
Kennzeichnend für den Roman ist der häufige Wechsel der Erzählperspektive, dazu kommen Rückblenden. Grundsätzlich berichtet die namenlose Hauptfigur als Ich-Erzähler. Im zweiten Kapitel jedoch übernimmt Mustafa Saîd das Wort und erzählt sein Leben selbst: von der Kindheit als Halbwaise und der Schulzeit in Khartum bis zum Studium und den Jahren in Kairo und London. Danach kehrt die Erzählung zum namenlosen Erzähler zurück.
Die Geschichte ist episodisch aufgebaut. Wichtige Auskünfte über die Figuren und ihre Vergangenheit bleiben deshalb aus, und der Leser fühlt sich wie in einem fremden Land, in dem er die Orientierung verloren hat. Der Text ist in zehn Kapitel geteilt; der deutschen Ausgabe folgt ein Nachwort des Islamwissenschaftlers und Übersetzers Hartmut Fähndrich.
Salih behält an manchen Stellen arabische Begriffe bei. Immer wieder begegnet etwa das Wort „bint“ mitten im Namen. Es benennt das Verhältnis der Tochter zu ihren Eltern: Husna bint Machmûd ist die Tochter des Machmûd.
Rezeption↑
Der Roman stieß in der arabischen Welt auf erhebliche Widerstände. Im Sudan wurde er von dem revolutionären Kommandorat für die nationale Rettung verboten, der 1989 das Land regierte. In Ägypten war er noch dreißig Jahre nach der Veröffentlichung nicht erhältlich; man warf dem Buch vor, religionsbeleidigend, pornografisch und ausschweifend zu sein.
Immer wieder wurde das Werk mit anderen Texten verglichen. Am einflussreichsten gilt die Nähe zu Joseph Conrads Herz der Finsternis: Beide Romane befassen sich mit kultureller Mischung, mit kolonialer Erfahrung und mit dem westlichen Blick auf den Orient. Salih dreht die vertraute Anordnung jedoch um, denn bei ihm reist ein arabisch-afrikanischer Mann in den Westen und nicht ein weißer Europäer nach Süden. Während Mustafas Mittel die Verführung ist, geht es Conrads Kurtz darum, mit den ihm überlassenen Waffen die Einheimischen im Kongo zu unterwerfen.
Auch auf Tausendundeine Nacht spielt der Roman an. Scheherazade rettet sich und ihre Nachfolgerinnen vor dem Tod, indem sie dem König Geschichten erzählt und an spannenden Stellen abbricht; der Erzähler bei Salih überlebt, indem er Mustafas Geschichte erzählt.
Der Titel ist religiös aufgeladen. Salih wählte im arabischen Original das Wort „hijra“ für Aufbruch statt „rihla“ für Reise. Die Hidschra des Propheten Mohammed von Mekka nach Medina schwingt darin mit. Das Wort trägt zugleich den Wunsch in sich, etwas hinter sich zu lassen: Mustafa verlässt das sudanesische Dorf, und so sehr er sich auch bemüht, er wird nach der Rückkehr aus London nicht mehr derselbe sein. Bemerkenswert ist dabei, dass das Dorf in Salihs anderen Romanen wie Urs al-Zain und Bandarschâh für ein verlorenes Glück steht, während es in diesem Buch weit von solch einer Bedeutung entfernt ist.
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