1929 – 2009
At-Tayyib Salih
Kurzbiografie↑
Der sudanesische Schriftsteller at-Tayyib Salih gehört zu den bekanntesten arabischsprachigen Erzählern des 20. Jahrhunderts. Sein Name erscheint in deutschen Ausgaben auch als Tayeb Salih, Tajjib Salich oder Tajjeb Salech. Aufgewachsen in einem Dorf am Nil, arbeitete er später als Lehrer, als Rundfunkjournalist in London und als Angestellter verschiedener Kulturorganisationen. Bekannt wurde er vor allem mit dem Roman Zeit der Nordwanderung, der 1966 auf Arabisch erschien und vom Schicksal eines sudanesischen Intellektuellen in Großbritannien erzählt. Das zentrale Thema seines Werkes ist die Begegnung und der Zusammenstoß zwischen der traditionellen sudanesischen und der westlichen Welt.
Biografie↑
Geboren wurde at-Tayyib Salih im Dorf Karmakol im nördlichen Sudan, das am Nil im Merowe-Distrikt liegt. Über sein Geburtsjahr gehen die Angaben auseinander: Verbreitet ist der 12. Juli 1928, andere Nachschlagewerke führen denselben Tag im Jahr 1929. Seine Familie gehörte zu den Kleinbauern der Gegend; das Umfeld war religiös geprägt. Er wuchs in der Zeit der anglo-ägyptischen Kolonialherrschaft auf.
Salih studierte am Gordon Memorial College in Khartum. Diese Einrichtung wurde nach der Unabhängigkeit des Sudan 1956 zur Universität Khartum erweitert. Zunächst arbeitete er als Lehrer. Später ging er nach London und studierte dort internationale Beziehungen; er zählte zu den ersten sudanesischen Studenten, die diesen Weg nahmen.
Eine Zeit lang war er in der arabischen Abteilung der BBC in London angestellt. Danach wirkte er als Generaldirektor des Informationsministeriums in Katar. Nach 1999 arbeitete er in verschiedenen Positionen bei der UNESCO-Zentrale in Paris, zuletzt als deren Repräsentant in den Staaten am Persischen Golf. Sein Berufsleben spielte sich damit über Jahrzehnte hinweg zwischen dem Sudan, Europa und der arabischen Halbinsel ab.
Sein bekanntestes Buch erschien 1966 unter dem arabischen Titel Mawsim al-Hiğra ilā aš-Šimāl, auf Deutsch Zeit der Nordwanderung. Der deutsche Titel gibt das arabische Wort „Hiğra“ schlicht mit „Nordwanderung“ wieder; im Arabischen schwingt darin die tiefere Bedeutung „ins Exil gehen“ mit, denn das Wort bezeichnet die Auswanderung des Propheten von Mekka nach Medina. Im selben Jahr erschien ʿUrs al-Zain, deutsch zunächst als Die Hochzeit des Zain, später neu aufgelegt als Sains Hochzeit. Weitere Bücher folgten, darunter der Roman Bandarschâh und die Erzählungen, die auf Deutsch unter dem Titel Eine Handvoll Datteln gesammelt wurden. Eine Gesamtausgabe seiner Erzählungen kam unter dem Titel So, meine Herren heraus.
Neben den literarischen Büchern veröffentlichte Salih auf Arabisch auch Literaturkritik, Reiseberichte und politische Kommentare. Kurz nach dem Militärputsch von Umar al-Baschir kritisierte er 1990 in dem Artikel „Where do these people come from?“ (deutsch: Wo kommen diese Leute her?) dessen islamistische Kulturpolitik.
Sein Todesjahr ist ebenfalls nicht ganz einheitlich überliefert. Verbreitet ist der 18. Februar 2009, daneben findet sich der 19. Februar 2009. Einig sind sich die Quellen darin, dass er in London starb, jener Stadt, in der er als junger Mann studiert und gearbeitet hatte.
Literarische Merkmale↑
Über die Sprache seiner Bücher hat sich sein Übersetzer Denys Johnson-Davies in einem Essay geäußert. Danach schöpfte Salih den Reichtum der arabischen Literatursprache in seinen Erzählungen voll aus. Für die Dialoge griff er dagegen auf den lebensnahen sudanesischen Dialekt zurück. Johnson-Davies sah darin ein Zeugnis von Salihs weitreichender Kenntnis der arabischen Literatur, einschließlich ihrer Dichtung, und führte darauf seinen lebendigen, flüssigen Stil zurück. Ein arabischer Kritiker urteilte, dieser Stil stehe dem dramatischen Schreiben näher als der Stil anderer arabischer Romane.
Inhaltlich kehrt bei Salih immer wieder dieselbe Spannung wieder: das Überschreiten kultureller Grenzen zwischen der überlieferten sudanesischen Lebenswelt und der westlichen Kultur. In Zeit der Nordwanderung wird dieser Grenzgang am Schicksal eines sudanesischen Intellektuellen in Großbritannien durchgespielt. Auch der Roman Bandarschâh und die Erzählung Eine Handvoll Datteln stellen das überlieferte Dorfleben und die Veränderungen durch die westliche Moderne einander gegenüber. Das Dorf am Nil, in dem Salih aufgewachsen war, bleibt dabei ein wiederkehrender Schauplatz.
Rezeption↑
In der arabischen Welt zählt at-Tayyib Salih zu den wichtigsten modernen Autoren; als Schriftsteller aus dem Sudan gilt er dort als einer der bedeutendsten. Seine Bücher sind auf Deutsch überwiegend beim Lenos Verlag in Basel erschienen, teils in mehreren Auflagen und Neuausgaben. Zu seinem Tod im Jahr 2009 würdigte ihn Stefan Weidner in einem Nachruf auf Qantara.de unter dem Titel „Zeit der Südwanderung“; auch die Zeitschrift Iz3w brachte einen Nachruf von Thomas Schmidinger. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit seinem Werk reicht von einer englischsprachigen Studie Ami Elad-Bouskilas bis zu neueren Aufsätzen, die die postkoloniale Lesart seines Hauptromans kritisch prüfen.
In seinem Heimatland tragen zwei Literaturpreise seinen Namen. Der al-Tayeb Salih Prize for Literary Creativity zeichnet seit 2002 sudanesische Nachwuchsautoren aus; vergeben wird er von einer privaten Kulturorganisation, dem Abdel Karim Mirghani Cultural Center in Omdurman. Der al-Tayeb Salih Award for Creative Writing wird seit 2010 vom sudanesischen Kulturministerium an Prosaschriftsteller und Literaturwissenschaftler aus der arabischen Welt verliehen. Dieser staatliche Preis geriet 2015 in die Kritik: Sudanesische Schriftsteller warfen den Veranstaltern politische und kommerzielle Einflussnahme vor.
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