1919 – 2010
J. D. Salinger
Kurzbiografie↑
Jerome David Salinger, meist J. D. Salinger genannt, war ein US-amerikanischer Schriftsteller, der zu den einflussreichsten Autoren der amerikanischen Nachkriegszeit zählte. Geboren am Neujahrstag 1919 in New York, wurde er 1951 mit seinem Roman Der Fänger im Roggen weltberühmt. Daneben machten ihn vor allem seine Kurzgeschichten bekannt. Ab den 1960er-Jahren veröffentlichte Salinger nichts mehr und lebte bis zu seinem Tod 2010 zurückgezogen von der Öffentlichkeit.
Biografie↑
Am 1. Januar 1919 kam Jerome David Salinger in New York zur Welt. Bei seinem Geburtsort weichen die Quellen leicht voneinander ab: Wikidata nennt „New York City“, die Deutsche Biographie „New York, NY“ – gemeint ist dieselbe Stadt. Sein Vater Solomon Salinger stammte aus einer jüdischen Familie litauischer Abstammung und importierte in New York Käse und Schinken – trotz jüdischer Herkunft ausdrücklich nicht koscher –, nachdem er zuvor Rabbiner in Louisville, Kentucky, gewesen war. Der Großvater väterlicherseits war 1860 in Tauroggen geboren und ebenfalls Rabbiner gewesen. Salingers Mutter Marie, geborene Jillich, stammte aus Atlantic, Iowa, und hatte schottische, deutsche und irische Vorfahren. Nach der Heirat änderte sie ihren Namen zu Miriam und verstand sich als Jüdin. Erst zu seiner Bar Mitzwa erfuhr Salinger, dass seine Mutter nicht jüdischer Herkunft war. Seine einzige Schwester Doris lebte von 1911 bis 2001.
Salinger besuchte die private McBurney School in Manhattan und wurde von 1934 bis 1936 an der Valley Forge Military Academy in Wayne, Pennsylvania, ausgebildet. Als Verfasser von Filmkritiken und Herausgeber der Kadettenzeitschrift Crossed Sabres unternahm er erste schriftstellerische Versuche. 1937 hielt er sich fünf Monate in Europa auf. Auf Wunsch seines Vaters absolvierte er bei Verwandten in Wien eine Ausbildung in einem Schlachtereibetrieb, um das väterliche Importgeschäft zu übernehmen. Nach der unautorisierten Biographie von Ian Hamilton ging er in Polen dem Stammbaum seiner väterlichen Ahnen nach; in Wien soll er Schikanen gegen die Bewohner des jüdischen Viertels miterlebt haben. 1938 schrieb er sich am Ursinus College in Collegeville, Pennsylvania, ein, wo er als Theaterkritiker und Kolumnist des Ursinus Weekly arbeitete und einen Kurs für das Schreiben von Kurzgeschichten belegte. 1939 wechselte er an die Columbia University in New York. 1940 veröffentlichte er im Story-Magazin seine erste Kurzgeschichte. Das College verließ er ohne Abschluss.
Im Sommer 1941 hatte Salinger eine kurze Beziehung mit Oona O'Neill, die ihn für Charlie Chaplin verließ, den sie später heiratete. Diese Verbindung, die als seine „große Liebe“ galt, prägte die Darstellung der Frauenfiguren in seinem späteren Werk. Noch Jahrzehnte danach äußerte er sich öffentlich abfällig über O'Neills Ehe mit Chaplin. 1942 trat Salinger in die US-Armee ein, in das Signal Corps und in das Counter Intelligence Corps. Vom Kriegseintritt der USA bis Kriegsende nahm er an fünf Feldzügen in Frankreich teil, so auch im Herbst 1944 an der Schlacht im Hürtgenwald. 1943 wurde er nach Maryland versetzt, im Jahr darauf nach Devon in England. Am 6. Juni 1944 landete er als Spezialagent des 12. Infanterieregiments in der Normandie. In Paris begegnete er dem Kriegskorrespondenten Ernest Hemingway, der ihm ein „verteufeltes Talent“ bescheinigte.
Wahrscheinlich besuchte Salinger kurz nach der Befreiung Ende April 1945 das KZ-Außenlager Kaufering IV bei Hurlach, in dem nicht gehfähige Häftlinge bei lebendigem Leib verbrannt worden waren. Öffentlich äußerte er sich nie zu diesen Erlebnissen. Nach dem Krieg soll er wegen eines „front shock“ eine Zeit lang in psychotherapeutischer Behandlung gewesen sein. Seine Tochter Margaret veröffentlichte im Jahr 2000 einen Ausspruch ihres Vaters über den Geruch verbrannten Fleisches, den man nie mehr aus der Nase bekomme. Salinger sprach gut Deutsch und arbeitete nach seinem Ausscheiden aus der Armee als Zivilist für eine Abteilung des Nachrichtendienstes im fränkischen Gunzenhausen. Möglicherweise schrieb er dort bereits Teile seines Romans. In Deutschland war er kurze Zeit mit der Ärztin Sylvia Welter verheiratet. 1946 druckte die Zeitschrift The New Yorker seine Geschichte Slight Rebellion Off Madison, in der erstmals die Figur Holden Caulfield auftaucht. Am 31. Januar 1948 erschien A Perfect Day for Bananafish.
Im Juli 1951 stellte Salinger den Roman The Catcher in the Rye fertig, dessen Titel auf ein Gedicht von Robert Burns zurückgeht. In dieser Zeit begann er, sich mit den Lehren von Ramakrishna Paramahamsa zu beschäftigen. 1953 bezog er ein eigenes Haus in Cornish, New Hampshire, wo er zurückgezogen arbeitete. Im Februar 1955 heiratete er die 19-jährige Psychologiestudentin Claire Douglas, mit der er zwei Kinder hatte: Margaret, geboren 1955, die ihre Erinnerungen unter dem Titel Dream Catcher veröffentlichte, und Matthew, geboren 1960. Nach längerer Pause gab Salinger im September 1961 Franny und Zooey in Buchform heraus. Zwei Jahre später folgten zwei weitere Novellen als Raise High the Roof Beam, Carpenters and Seymour: An Introduction. Seine letzte selbst veröffentlichte Geschichte war Hapworth 16, 1924, die am 19. Juni 1965 im New Yorker erschien, jedoch kaum beachtet wurde. Wie alle seine Veröffentlichungen nach dem Fänger handelt sie von der Glass-Familie.
In den folgenden Jahrzehnten lebte Salinger zurückgezogen. Nach der Scheidung von Claire Douglas hatte er 1972 eine zehn Monate dauernde Affäre mit der Yale-Studentin Joyce Maynard, die darüber später ihre Memoiren At Home in the World veröffentlichte. Ende der 1980er-Jahre heiratete er in dritter Ehe die Krankenschwester Colleen O'Neill. 1992 brannte sein Wohnhaus in Cornish ab. Am 27. Januar 2010 starb Salinger dort im Alter von 91 Jahren nach kurzer Krankheit.
Literarische Merkmale↑
Berühmt wurde Salinger durch die unverwechselbare Sprache seines Ich-Erzählers. In Der Fänger im Roggen schildert der 16-jährige Holden Caulfield seine Erlebnisse in New York, nachdem er aus dem Internat geworfen wurde. Holden sträubt sich gegen die Erwartungen der Erwachsenenwelt, fühlt sich von den Erwachsenen zugleich aber nicht ernst genommen. Der auffällige Sprachduktus dieses Erzählers, sein ganz eigener Tonfall, rief neben Begeisterung auch Kritik hervor. In einigen angelsächsischen Ländern wurde das Buch zunächst verboten – die Originalausgabe enthält 255 Mal den Ausdruck „goddamn“ und 44 Mal das vulgäre „fuck“.
Sein veröffentlichtes Werk blieb schmal: nur ein Roman, mehrere längere Erzählungen und 35 Kurzgeschichten. Ein großer Teil seiner Arbeiten erschien nicht in Buchform, sondern in Zeitschriften; andere werden in der Bibliothek von Princeton aufbewahrt. Über die Jahrzehnte zwischen seinem Rückzug aus der Öffentlichkeit und seinem Tod gab es immer wieder Spekulationen, ob er weiterhin schrieb. Sein Sohn Matt gab dem Guardian im Januar 2019 an, es gebe umfangreiche, noch unveröffentlichte Werke seines Vaters, deren Veröffentlichung sich wegen des großen Umfangs bis etwa 2030 hinziehen könne.
Rezeption↑
Obwohl Salinger nur wenig veröffentlichte, gilt er bis heute als einer der meistgelesenen und meistrezensierten amerikanischen Autoren der Nachkriegszeit. Sein literarischer Mythos reicht so weit, dass Kritiker ein ganzes Jahrzehnt der amerikanischen Literaturgeschichte, die Jahre von 1948 bis 1959, als „Salinger era“ bezeichnet haben. Die erste deutsche Übersetzung von The Catcher in the Rye, angefertigt von Irene Muehlon, erschien 1954 im Diana-Verlag Zürich unter dem Titel Der Mann im Roggen. Später übertrugen unter anderem der spätere Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll und seine Frau Annemarie Böll Texte Salingers ins Deutsche; seit einer generellen Überarbeitung trägt der Roman den Titel Der Fänger im Roggen. 2003 erschien eine weitere Übersetzung von Eike Schönfeld.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →
Aus dem Werkverzeichnis↑
Im Lexikon
Weitere Werke (Auswahl)
Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (33 weitere Titel)