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Werkseintrag · Der Fänger im Roggen
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Der Fänger im Roggen
1951
– Werkseintrag –

Der Fänger im Roggen

1951 · Roman

Drei Tage lang irrt ein sechzehnjähriger Junge, gerade von der Schule geflogen, durch New York und sucht nach einem Menschen, der ihm wirklich zuhört.

Überblick↑

Der Roman Der Fänger im Roggen von J. D. Salinger erschien im Juli 1951 unter dem Originaltitel The Catcher in the Rye. Erzählt wird die Geschichte des siebzehnjährigen Holden Caulfield, der auf drei Tage zurückblickt, die er mit sechzehn Jahren erlebte. Das Buch gilt als einer der wichtigen Vorläufer der amerikanischen Jugendliteratur und machte seinen Verfasser weltberühmt. Es blieb Salingers einziger veröffentlichter Roman.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Mittelpunkt steht Holden Caulfield, der Sohn eines wohlhabenden New Yorker Anwalts. Er hat bereits an drei Schulen versagt, und auch am Internat Pencey Prep in Pennsylvania sind seine Tage gezählt: In vier von fünf Fächern reichen seine Leistungen nicht. Kurz vor den Weihnachtsferien 1949 verlässt er die Schule vorzeitig. Er will dem oberflächlichen Gehabe seiner Mitschüler entkommen.

Nach Hause traut er sich nicht sofort. Die Mutter ist nervös und leicht aufgeregt, der Vater beruflich erfolgreich; Holden fürchtet die Reaktion beider. Also beschließt er, sich einige Tage in einem billigen Hotel einzuquartieren, bis die Nachricht von seiner Entlassung zu Hause angekommen ist und sich die Aufregung gelegt hat.

Drei Tage lang irrt er durch Manhattan. Er trifft eine Ex-Freundin seines älteren Bruders, verabredet sich mit seiner Mitschülerin Sally Hayes, spricht mit zwei Nonnen beim Frühstück und versucht immer wieder vergeblich, seinen heimlichen Schwarm Jane Gallagher zu erreichen. Taxifahrer bringt er mit seiner Lieblingsfrage in Rage: Wo bleiben die Enten aus dem Central Park im Winter? Was er sucht, ist menschliche Nähe und eine Aussicht auf eine Zukunft.

Zwei Menschen bedeuten ihm dabei besonders viel: seine zehnjährige Schwester Phöbe und die Erinnerung an seinen jüngeren Bruder Allie, der drei Jahre zuvor an Leukämie starb. Erzählt wird das alles im Rückblick aus einem Sanatorium, in dem sich Holden zur Erholung und psychiatrischen Behandlung aufhält.

Die Handlung im Detail↑

Der Roman ist in 26 Kapitel gegliedert und trägt die Widmung „Für meine Mutter“. Ich-Erzähler ist der sechzehnjährige Holden Caulfield, der im Sanatorium Rückschau hält auf „diesen Irrsinnskram, der mir so um letztes Weihnachten passiert ist“. Allein die Schilderung des Samstags nimmt etwa die Hälfte des Buches ein.

Am Internat Pencey Prep in Agerstown, Pennsylvania, steht Holdens Verweis fest. Zudem ist ihm ein großer Fehler unterlaufen: Als Manager des Fecht-Teams ließ er vor dem Wettkampf in New York die Ausrüstung der ganzen Mannschaft in der U-Bahn liegen, sodass der Wettkampf ausfiel. Deshalb wagt er sich beim Footballspiel gegen den Erzrivalen Saxon Hall nicht unter die Zuschauer und beobachtet das Spiel aus der Ferne. Danach besucht er zum Abschied seinen grippekranken Geschichtslehrer Spencer und muss sich zu seinem Verdruss gut gemeinte Ermahnungen anhören.

Auf seiner Stube stört ihn der unbeliebte, ungepflegte Nachbar Robert Ackley beim Lesen. Dann kommt sein eitler Zimmergenosse Stradlater herein und leiht sich dreist Holdens beste Jacke: Er hat ein Rendezvous mit Jane Gallagher, Holdens heimlichem Schwarm. Das versetzt Holden in höchste Aufregung. Nach dem Abendessen geht er mit Ackley ins verschneite Agerstown zum Flippern. Später setzt er sich, wie versprochen, an Stradlaters Englisch-Hausaufgabe. Da ihm nichts Passendes einfällt, schreibt er über den Baseballhandschuh seines geliebten Bruders Allie, der mit kleinen Gedichten beschrieben ist.

Gegen halb elf kehrt Stradlater zurück und regt sich über das aus seiner Sicht unbrauchbare Thema auf. Holden zerreißt den Aufsatz. Als Stradlater ihm nicht verraten will, ob er mit Jane intim geworden ist, packt Holden die Eifersucht so sehr, dass er sich auf eine Schlägerei mit dem älteren, viel kräftigeren Mitschüler einlässt und eine blutige Nase davonträgt.

Zunächst will er die Nacht im Bett von Ackleys abwesendem Zimmergenossen verbringen, dann entschließt er sich, das Internat sofort zu verlassen. Er macht seine Schreibmaschine zu Geld und fährt noch in derselben Nacht nach Manhattan. Im Zug trifft er die Mutter seines Mitschülers Ernest Morrow. Unter falschem Namen macht er sich einen Spaß daraus, den verhassten Jungen der Mutter zuliebe als sympathisch und allseits bewundert zu schildern.

In New York weiß er um Mitternacht nicht, wen er noch anrufen könnte; seine kleine Schwester Phöbe dürfte längst schlafen. Er checkt im Edmont Hotel ein, einer heruntergekommenen Absteige für Sonderlinge. Ein Telefonat mit Faith Cavendish, die ihm als frühere Stripperin empfohlen wurde, bringt nichts ein: Zu so später Stunde mag sie sich nicht mehr auf einen Cocktail einlassen. In der Hotelbar tanzt er ein wenig mit drei mäßig attraktiven Touristinnen, die ihm gar nicht zuhören, sondern ständig nach dem Filmstar Peter Lorre Ausschau halten.

Noch immer denkt er an Jane Gallagher, mit der er früher ins Kino ging und regelmäßig Golf und Dame spielte. Er fährt nach Greenwich und bringt dabei den Taxifahrer unbeabsichtigt in Rage, weil er ihn wiederholt fragt, wo die Enten aus dem Central Park im Winter bleiben. Im überfüllten Nachtclub des Pianisten Ernie trifft er Lillian Simmons, eine frühere Freundin seines älteren Bruders D. B., der nach dem Militärdienst im Zweiten Weltkrieg als Drehbuchautor in Hollywood arbeitet. Um ihr und ihrem Begleiter, einem zackigen Marineoffizier, zu entkommen, verlässt Holden den Club überstürzt.

Im Hotel lässt er sich vom aufdringlichen Liftboy Maurice überreden, und die junge Prostituierte Sunny kommt aufs Zimmer. Die Lage deprimiert ihn mehr, als dass sie ihn reizt. Er behauptet, kürzlich eine „Operation am Klavichord“ gehabt zu haben, und versucht, sie stattdessen zum Reden zu bringen. Sunny will davon nichts wissen. Holden zahlt die mit Maurice vereinbarten fünf Dollar, sie verlangt das Doppelte, er lehnt ab und schickt sie fort. Kurz darauf kommt sie mit Maurice zurück. Der verschafft sich unsanft Zutritt und bedroht Holden, während Sunny sich den angeblich noch offenen Betrag aus dem Portemonnaie nimmt. Holden kann sich eine Schimpfkanonade nicht verkneifen. Maurice schlägt mehrmals zu und streckt ihn mit einem gezielten Schlag in den Magen zu Boden.

Am Sonntag schläft Holden nach einem Bad bis zehn Uhr, verstaut den Koffer in einem Bahnhofsschließfach und geht frühstücken. Zwei Nonnen kommen mit ihm ins Gespräch; trotz knapper Kasse gibt er ihnen zehn Dollar. Auf dem belebten Broadway fällt ihm ein kleiner Junge auf, der das Lied „If a body catch a body coming through the rye“ singt. In einem Plattenladen kauft er für Phöbe die Platte Little Shirley Beans. Im Central Park sucht er vergeblich nach der Schwester, die dort sonntags gern Rollschuh läuft.

Nach einem Abstecher ins Naturkundemuseum trifft er um zwei Uhr seine Mitschülerin Sally Hayes zu einem Theaterbesuch. Eigentlich hält er wenig von ihr, doch sie sieht so blendend aus, dass er sich benimmt, als wäre er verliebt. Die Zuneigung schwindet rasch, weil sie sich in den Pausen mit einem Wichtigtuer unterhält. Trotzdem geht er mit ihr in der Radio City Music Hall Schlittschuh laufen und klagt ihr seinen Weltschmerz. Er schlägt vor, mit dem Auto nach Vermont und Massachusetts durchzubrennen, das Geld zu verprassen und Arbeit zu suchen. Sally hält das für zu verrückt und wird ärgerlich, als Holden ihr Vorwürfe macht. Die beiden trennen sich im Unfrieden.

Jane Gallagher erreicht er wieder nicht. Nach einem Kinobesuch trifft er um zehn Uhr seinen früheren Mitschüler Carl Luce in der Wicker Bar. Mit indiskreten Fragen nach dessen Sexualleben sorgt er für eine so gespannte Stimmung, dass Carl bald geht. Holden betrinkt sich und ruft nach Mitternacht noch einmal bei Sally an. Sie merkt, dass er getrunken hat, und beendet das Gespräch. Sein Geld, das eigentlich bis Mittwoch reichen sollte, ist bis auf einen Rest weg. Ratlos geht er zum Teich im Central Park, um dem Rätsel der Enten auf die Spur zu kommen, setzt sich auf eine Bank und stellt sich seine eigene Beerdigung vor.

Schließlich schleicht er sich doch ins Elternhaus und weckt Phöbe. Die Eltern sind auf einer Party. Weil Holden sich erst für Mittwoch angekündigt hatte, durchschaut die Schwester schnell, dass er wieder von der Schule geflogen ist, und reagiert verstimmt. Sie fragt eindringlich, ob es überhaupt etwas gebe, das er wirklich möge. Die Frage bringt ihn in Verlegenheit; er findet keine Antwort. Dann erinnert er sich an das Lied vom Broadway und erzählt ihr seine Vorstellung: Kinder spielen Fangen in einem Roggenfeld an einer Klippe, und er möchte derjenige sein, der sie auffängt, bevor sie in den Abgrund stürzen. Das würde ihm gefallen. Die Geschwister reden, tanzen und albern herum. Holden telefoniert mit seinem alten Lehrer Antolini und darf noch zu später Stunde kommen. Als die Eltern heimkehren, versteckt er sich im Kleiderschrank. Er leiht sich von Phöbe etwas Geld, muss plötzlich heftig weinen, sitzt lange weinend auf ihrer Bettkante und verschwindet dann unbemerkt.

Bei seinem früheren Englischlehrer Antolini, der gerade die letzten Partygäste verabschiedet, wird er freundlich aufgenommen. Antolini fragt sofort nach den Gründen für den erneuten Schulverweis und warnt, Holden laufe „schnurstracks auf einen Abgrund zu“. Er preist die akademische Ausbildung, zu der es seiner Meinung nach keine Alternative gibt. Geplagt von Kopfschmerzen und Müdigkeit fühlt sich Holden überfordert und legt sich auf die Gästecouch. Später wacht er auf, weil Antolini davor auf dem Boden sitzt und ihm über den Kopf streichelt. Holden wittert eine sexuelle Annäherung; „so was Perversiges“ war ihm „seit meiner Kindheit schon ungefähr zwanzigmal passiert“. Er verlässt überstürzt die Wohnung.

Den Rest der Nacht verbringt er im Wartesaal der Grand Central Station. Gegen neun Uhr sucht er, deprimiert und übermüdet, auf der vorweihnachtlichen Fifth Avenue ein Café zum Frühstück auf. Seine Nerven sind so gereizt, dass ihm schon das Überqueren einer Straße panische Angst macht. In dieser Verfassung beschließt er, nie mehr nach Hause und nie mehr auf eine Schule zu gehen. Er will nach Westen trampen, sich dort als Tankwart durchschlagen und vorgeben, taubstumm zu sein, um keine dummen Gespräche mehr führen zu müssen.

Um sich von Phöbe zu verabschieden, lässt er ihr über das Schulsekretariat ausrichten, sie solle ihn mittags am Kunstmuseum treffen. Zu seinem Entsetzen erscheint sie mit gepacktem Koffer: Sie will ihn unbedingt nach Westen begleiten. Er lehnt das strikt ab. Sie fängt an zu weinen und straft ihn mit Schweigen. Statt zur Schule zurückzugehen, folgt sie ihm auf seinem Weg zum Zoo.

Stil↑

Erzählt wird durchgehend aus der Sicht Holden Caulfields, in der Ich-Form und im Rückblick. Der Ton ist mündlich und ungeschminkt: Holden spricht seine Leser an, schweift ab, wiederholt sich und urteilt hart über alles, was ihm als Getue und Selbstdarstellung erscheint. Diese offene Sprache und die freimütige Gesellschaftskritik des Erzählers gehörten zu dem, was das Buch bei seinem Erscheinen anstößig machte.

Auffällig ist der Aufbau. Die Handlung umfasst nur drei Tage, und allein der Samstag füllt etwa die Hälfte der 26 Kapitel. Die Erzählung schreitet dadurch nicht gleichmäßig voran, sondern verweilt dort, wo Holdens Verstörung am dichtesten ist. Wiederkehrende Motive halten den Text zusammen: die Frage nach den Enten im winterlichen Central Park, der beschriebene Baseballhandschuh des toten Bruders Allie und das Kinderlied vom Fänger im Roggen, aus dem der Titel stammt.

Rezeption↑

Nach Fertigstellung des Manuskripts Ende 1950 erschien der Roman am 16. Juli 1951. Die Taschenbuchausgabe folgte 1953 bei Signet. Bis 1961 verkaufte er sich in den USA 1,5 Millionen Mal, im gesamten englischsprachigen Raum bis 1965 fünf Millionen Mal und bis 1975 mehr als neun Millionen Mal. Inzwischen liegen Übersetzungen in mehr als dreißig Sprachen vor, und die Gesamtauflage übersteigt 60 Millionen Exemplare. Bis heute verkauft sich das Buch jährlich etwa eine Viertelmillion Mal.

Die Aufnahme war von Anfang an zwiespältig. Holdens offene Sprache rief nach zeitgenössischem Urteil „die Prüden und Kommunistenjäger auf den Plan“ und „beschwor manchen Skandal herauf“. Von 1961 bis 1982 gehörte das Buch in den USA zu den am häufigsten aus Bibliotheken und Schulen verbannten Titeln, und auch danach gingen bis 2009 zahlreiche Anträge auf Entfernung ein. Zugleich wird es sehr häufig im Unterricht behandelt. An 277 englischsprachigen Colleges und Universitäten wurde es als Pflicht- oder Ergänzungslektüre in den Kanon aufgenommen. Eine Befragung kalifornischer Englischlehrer im Jahr 1962 ergab, dass alle Befragten den Roman einhellig als „modernen Klassiker“ einstuften und an die Spitze der seit 1941 erschienenen Romane setzten.

Für ein überwiegend jugendliches Publikum wurde der rebellische Holden Caulfield „zum Repräsentanten der Sorgen und Sehnsüchte einer ganzen Nation“. Salinger wurde binnen kurzer Zeit zu einem Autor, an dem sich kaum ein namhafter Kritiker vorbeimogeln konnte. William Faulkner nannte den Roman „the best one … of this present generation of writing“ und stellte fest: „[T]his one expresses so completely what I have tried to say.“ In Deutschland lobten vor allem Hermann Hesse und Heinrich Böll das Buch. Später sprachen einige amerikanische Kritiker missbilligend von einer „Salinger Industry“ und rügten, „im Falle Salinger sei mit kritischen Kanonen auf einen literarischen Spatzen geschossen worden“.

Auch in der DDR fand der Roman Verbreitung und Anklang. Günther Cwojdrak nannte ihn 1965 eine „großartig realistische Parabel“ von einem Jungen, den seine geldgierige, herzlos-kalte Gesellschaft anwidere, und fügte im Sinne der Staatsdoktrin hinzu: „Dieses Buch und seine Wirkung heißen uns hoffen.“ In Ulrich Plenzdorfs Erzählung Die neuen Leiden des jungen W. ist das Buch die häufig erwähnte und zitierte Lieblingslektüre der Hauptfigur Edgar Wibeau.

Zahllose Werke der Literatur und der Popkultur nehmen auf den Roman Bezug. Am bekanntesten ist wohl der Fall Mark David Chapmans, des Mörders von John Lennon: Er trug das Buch am Tag der Tat bei sich und gab an, sich mit Holden Caulfield zu identifizieren.

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