1920
Der Friedhof am Meer
Überblick↑
Das Gedicht Der Friedhof am Meer (französisch Le Cimetière marin) stammt von dem französischen Dichter Paul Valéry. Es erschien 1920 zum ersten Mal und wurde 1922 in seine Gedichtsammlung Charmes aufgenommen. Der Text verbindet die Beschreibung eines kleinen Friedhofs am Meer mit tiefen Gedanken über Leben und Tod, über das Sein und das Nichts. Schauplatz ist der Friedhof der Stadt Sète, in der Valéry geboren wurde. Nach dem Gedicht erhielt dieser Friedhof später sogar seinen heutigen Namen.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
An einem hellen Mittag liegt ein kleiner Friedhof dicht am Meer. Zwischen dunklen Pinien leuchten die weißen Grabsteine im Sonnenlicht, und ganz in der Nähe glitzert die ruhige Fläche des Wassers. In dieses Bild versenkt sich ein nachdenklicher Betrachter. Während sein Blick über Gräber, Sonne und Meer wandert, kreisen seine Gedanken um die großen Fragen des Daseins: um Leben und Tod, um das Sein und das Vergehen. Die Sonne steht dabei für das vollkommene, unwandelbare Sein, das Meer für das an den Menschen gebundene Leben, der Friedhof für das Nichts. Beschreibung und Betrachtung gehen ununterbrochen ineinander über, sodass die Gedanken immer wieder in die stille Anschauung zurücksinken, aus der sie entstanden sind.
Die Handlung im Detail↑
Über vierundzwanzig Strophen hinweg verweilt der nachdenkliche Betrachter an dem sonnenüberfluteten Friedhof am Meer. Der Text wechselt beständig zwischen dem, was das Auge wahrnimmt, und den Gedanken, die sich daran entzünden. Vor dem Blick liegen die weißen Grabsteine zwischen den Pinien, darüber die reglose Mittagssonne, daneben das schimmernde Meer. Aus diesen Bildern erwächst eine Betrachtung über die letzten Dinge: Die Sonne wird zum Sinnbild des vollkommenen, unveränderlichen Seins, das Meer zum Sinnbild des menschlichen, stets wandelbaren Lebens, der Friedhof zum Sinnbild des Nichtseins.
Der Betrachter denkt an die Toten, die reglos unter den Steinen ruhen, und fühlt sich von der stillen, zeitlosen Vollkommenheit angezogen, die der Tod verspricht. Doch die philosophischen Gedanken bleiben nie abstrakt; sie werden immer wieder von der bloßen Anschauung des Ortes aufgesogen, aus der sie hervorgegangen sind.
Am Ende vollzieht das Gedicht eine Wende. Aus der Bewegungslosigkeit des Mittags erhebt sich der Wind, und mit ihm wendet sich der Betrachter vom Sog des Todes ab und dem Leben zu. Die berühmte Schlusszeile «Le vent se lève !… Il faut tenter de vivre !» – „Der Wind erhebt sich! … Man muss versuchen zu leben!" – verwandelt die Todesbetrachtung in einen Aufruf zum Leben.
Stil↑
Formal ist das Gedicht streng gebaut. Es besteht aus vierundzwanzig Strophen zu je sechs Verszeilen. Jede Zeile zählt zehn Silben, und die Reime folgen dem festen Schema AABCCB. Vorangestellt sind dem Text als Motto zwei Verse des Dichters Pindar, entnommen seiner dritten Pythischen Ode.
Sprachlich lebt das Werk vom Zusammenspiel zweier Ebenen. Auf der einen Seite steht die genaue, sinnliche Beschreibung – die weißen Gräber, die Pinien, das Licht auf dem Wasser. Auf der anderen Seite stehen die abstrakten Gedanken über Sein und Nichtsein. Valéry arbeitet mit einer klaren Symbolik: Die Sonne verkörpert das absolute Sein, das Meer das an den Menschen gebundene Sein, der Friedhof das Nichtsein.
Das Besondere ist, dass die philosophischen Begriffe hier einen tiefen dichterischen Sinn gewinnen. Denn Gedanke und Überlegung werden immer wieder von der Faszination der Betrachtung aufgesogen, aus der sie entstanden sind. So bleibt der Text trotz seiner gedanklichen Schwere ein Gedicht und keine Abhandlung.
Rezeption↑
Der Nachhall des Gedichts reicht bis in die Wirklichkeit hinein. Der Friedhof von Sète, der es angeregt hatte, war früher ein Begräbnisplatz und trug zunächst den Namen Saint-Charles. Im Jahr 1945 wurde er nach Valérys Gedicht offiziell in „Cimetière marin" umbenannt.
Auch die Schlusszeile führte ein eigenes Leben. Sie steht in den Grabstein des Schauspielers Gian Maria Volonté gemeißelt, der auf der Insel La Maddalena begraben liegt. Derselbe Vers inspirierte den Regisseur Hayao Miyazaki zu seinem Film Wie der Wind sich hebt.
Das Werk wurde vielfach übersetzt; allein ins Italienische entstanden über die Jahrzehnte zahlreiche Fassungen. Unter seinem englischen Titel The Graveyard by the Sea ist es auch in der Encyclopædia Britannica verzeichnet.
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