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Porträt Paul Valéry
Paul Valéry
1871 – 1945
– Autorenporträt –

Paul Valéry

1871 – 1945 · 73 Jahre

Französischer Dichter und Denker, der mit seiner „reinen Poesie" formvollendete Verse schuf und ein Leben lang in seinen Heften über das Denken selbst nachsann.

Kurzporträt

Ambroise Paul Toussaint Jules Valéry wurde 1871 im südfranzösischen Sète geboren und starb 1945 in Paris. Er war ein französischer Lyriker, Philosoph und Essayist. Um 1920 zählte er zu den angesehensten Dichtern Frankreichs. Auch im übrigen intellektuellen Europa genoss er hohes Ansehen. Sein lyrisches Werk strebte nach einer „reinen Poesie", die gedankliche Präzision und formale Vollendung verbindet. Zugleich dachte er in unzähligen Heften ein Leben lang über das Denken selbst nach. Nach seinem Tod ordnete Charles de Gaulle ein Staatsbegräbnis an.


Biografie

Aufgewachsen ist Valéry in der kleinen südfranzösischen Hafenstadt Sète als Sohn eines höheren Beamten. Seine Jugendjahre verbrachte er in Montpellier, wo er auch Jura studierte. Schon früh begann er, Gedichte zu schreiben. 1894 ging er nach Paris. Dort lernte er André Gide und vor allem Stéphane Mallarmé kennen, der ihm zum Vorbild wurde.

In den Jahren 1896/97 arbeitete er bei einer Presseagentur in London. 1897 erhielt er eine Anstellung als Redakteur beim Kriegsministerium. Dort fertigte er unter anderem eine längere Studie über die expandierende deutsche Wirtschaft an. Anschließend war er kurz bei der Nachrichtenagentur Agence Havas tätig. In der Dreyfus-Affäre vertrat er, anders als André Gide, eine nationalistische Position und stellte sich auf die Seite der Anti-Dreyfusards. Im Dezember 1898 erklärte er sich sogar bereit, die Witwe des Offiziers Hubert Henry zu unterstützen. Henry hatte Selbstmord begangen, nachdem seine Fälschung eines Dokuments im Zusammenhang mit dem Prozess gegen Alfred Dreyfus aufgeflogen war.

Im Jahr 1900 wurde Valéry Privatsekretär bei einem Wirtschaftsmagnaten. Später konnte er von seinen Einkünften als freier Schriftsteller leben. Im selben Jahr heiratete er Jeannie Gobillard, eine Nichte der Malerin Berthe Morisot. Aus dieser Ehe gingen die Kinder Claude, Agathe und François hervor.

Um 1920 galt Valéry vielen als der führende Lyriker Frankreichs seiner Zeit. Im selben Jahr begann seine acht Jahre währende tiefe Freundschaft und intellektuelle Beziehung zur Dichterin Catherine Pozzi (1884–1934). Deren Tagebücher legen davon ausführlich Zeugnis ab. 1923 wurde er zum Chevalier de la Légion d'honneur, dem Ritter der Ehrenlegion, ernannt, 1931 zum Komtur und 1938 zum Großoffizier. 1925 wurde er in die Académie française aufgenommen, deren Präsident er zeitweilig war. 1937 wurde er mit einer wohldotierten Professur für Poetik am Collège de France ausgezeichnet.

Während der Besetzung Frankreichs durch deutsche und italienische Truppen weigerte sich Valéry, mit den Besatzungsmächten zusammenzuarbeiten. Am 9. Januar 1941 hielt er in der Sorbonne eine Gedächtnisrede zu Ehren des jüdischen Philosophen Henri Bergson. Dieser Text kostete ihn durch Erlass der Vichy-Regierung seine Stellung als Direktor des Centre Universitaire Méditerranéen.

Nach Valérys Tod ordnete Charles de Gaulle ein Staatsbegräbnis an. Seinem Wunsch gemäß wurde er in seiner Geburtsstadt Sète auf dem Cimetière marin begraben, den er in einem Gedicht besungen hatte. Dort befindet sich heute auch ein Valéry-Museum, das sein Andenken durch Ausstellungen und Kolloquien pflegt. Valéry war wohl der letzte Autor in Frankreich, der mit Lyrik seinen Lebensunterhalt bestreiten konnte. Er hatte den Status eines „Dichterfürsten", wurde mit gut bezahlten Auftragsarbeiten bedacht und häufig zu Vorträgen und Lesungen eingeladen. Befreundet war er mit Rainer Maria Rilke, dem Literaturhistoriker und Schriftsteller Herbert Steiner sowie der Malerin Marie Elisabeth Wrede. Die Université Paul Valéry in Montpellier ist nach ihm benannt.


Literarische Merkmale

Vor allem in seiner ersten und seiner späten Lebenszeit verfasste Valéry Vers- und Prosagedichte. Anfangs stand er damit den Symbolisten nahe. Später, nach einer längeren Schaffenskrise, strebte er eine „reine Poesie" (poésie pure) an. Durch den Verzicht auf die Darstellung von Gefühlen oder äußeren Realitäten suchte diese gedankliche Präzision und formale Vollendung zu vereinen. Zum Sinnbild dieser hermetischen Dichtung wurden die Figur des Narziss und das Gedicht La jeune Parque (Die junge Parze) von 1917, das Paul Celan ins Deutsche übersetzte.

Weitere lyrische Hauptwerke sind L'Album de vers anciens (Album alter Verse) und die Gedichtsammlung Charmes (1922), die 1925 von Rainer Maria Rilke ins Deutsche übertragen wurde. Diese Sammlung enthält unter anderem das bekannte Gedicht Le Cimetière marin (Der Friedhof am Meer, 1920). Es beschreibt den Friedhof seines Geburtsortes Sète und löste nicht nur in Frankreich eine Welle ähnlich umfangreicher Langgedichte aus.

Daneben verfasste Valéry zahlreiche Essays über politische, kulturelle, literaturtheoretische und ästhetische Themen. Er gilt als ein wichtiger französischer philosophischer Autor des 20. Jahrhunderts. Seine eigenwilligen Werke kreisen um die Spannung zwischen dem Wunsch nach Kontemplation und dem Willen zum Handeln. Den unendlichen Möglichkeiten des Intellekts stellt er die unvermeidlichen Unvollkommenheiten des Handelns gegenüber. In seinen Essays über die von ihm idealisierte und radikal abstrahierte Figur Leonardo da Vinci gelingen ihm tiefgründige Einsichten in ein zweckfreies, frei fließendes und doch präzises Denken. Bekannt wurde überdies die fiktive Figur des Monsieur Teste, ein sich seines Intellekts bewusster Beobachter der Welt. Noch umfangreicher als seine zu Lebzeiten gedruckten Schriften sind die postum veröffentlichten Cahiers. In diesen Heften notierte er von 1894 bis 1945 Tag für Tag Gedanken und erkenntnistheoretische Überlegungen.


Rezeption

Um 1920 genoss Valéry hohes Ansehen, das weit über Frankreich hinausreichte. Im intellektuellen Europa brachte es ihm den Rang eines „Dichterfürsten" ein. Sein Gedicht Le Cimetière marin wurde fünfmal ins Deutsche übersetzt, das Gedicht Les grenades sogar sechsmal. Rainer Maria Rilke übertrug die Sammlung Charmes, Paul Celan das Gedicht La jeune Parque. Die Tragweite seines Denkens über das Denken erkannten auch deutsche Philosophen wie Karl Löwith, Theodor W. Adorno, Walter Benjamin und Hans Blumenberg.

Seinen Rang als Dichter würdigte Frankreich nach seinem Tod 1945 mit einem von Charles de Gaulle angeordneten Staatsbegräbnis. Nach ihm nahm die Bedeutung der ein ganzes Jahrhundert lang in Frankreich so erfolgreichen Lyrik deutlich ab. Valéry war wohl der letzte Autor des Landes, der von ihr leben konnte. Sein Andenken pflegt bis heute ein Museum in seiner Geburtsstadt Sète, und die Université Paul Valéry in Montpellier trägt seinen Namen. Der von ihm geprägte Begriff des „Implex" wurde 2012 von Barbara Kirchner und Dietmar Dath in einer gleichnamigen Monographie wieder aufgegriffen.

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