1771 – 1833
Rahel Varnhagen von Ense
Kurzbiografie↑
Berlin brachte 1771 eine Frau hervor, die als Gastgeberin und Briefschreiberin zu einer prägenden Gestalt des geistigen Lebens ihrer Zeit wurde. Rahel Varnhagen von Ense, geborene Levin, stammte aus einer jüdischen Berliner Familie und führte über Jahrzehnte gesellige Zusammenkünfte, in denen sich Dichter, Gelehrte, Diplomaten und Adlige über Standesgrenzen hinweg begegneten. Sie gehörte der romantischen Epoche an und vertrat zugleich Positionen der europäischen Aufklärung. Zeitlebens setzte sie sich für die jüdische Emanzipation und für die Emanzipation der Frauen ein. Ihr eigentliches Werk sind mehrere tausend Briefe, die erst nach ihrem Tod von ihrem Mann veröffentlicht wurden und ihr einen festen Platz in der deutschen Literaturgeschichte sicherten.
Biografie↑
Am 19. Mai 1771 kam Rahel Levin in Berlin zur Welt, als älteste Tochter des jüdischen Bankiers und Juwelenhändlers Levin Markus Cohen (1723–1790) und seiner Frau Chaie, geborene Tobias. Die Familie lebte großbürgerlich in einem Eckhaus in der Spandauer Straße gegenüber dem damaligen Rathaus. Rahel hatte mehrere Geschwister, unter ihnen den späteren Schriftsteller Ludwig Robert. Als älteste Tochter übernahm sie früh Verantwortung für die jüngeren Kinder. Nach dem Tod des Vaters 1790 fielen ihr Erziehungsaufgaben bei den Geschwistern zu.
Während die Brüder höhere Schulen besuchten und eine kaufmännische Ausbildung erhielten, wurde Rahel von Hauslehrern unterrichtet. Sie lernte Französisch, Englisch und Italienisch, bekam Klavier- und Tanzunterricht und unternahm früh Reisen, unter anderem nach Breslau, Teplitz und Paris. Ihre Bildung übertraf die einer durchschnittlichen Mädchenerziehung ihrer Zeit bei weitem. Was ihr die Schule versagte, holte sie durch Selbststudium und durch den Briefwechsel mit studierenden Freunden nach. Ihre Stellung als Frau und als Jüdin, die ihr weder ein Studium noch die volle Teilhabe am gebildeten Gespräch erlaubte, empfand sie als bedrückend. 1795 begegnete sie in Karlsbad Goethe, den sie als Schriftsteller außerordentlich verehrte und der über sie urteilte, sie sei „ein Mädchen von außerordentlichem Verstand“ und „eine schöne Seele“.
Von 1793 bis 1808 bewohnte die Familie ein Haus in der Jägerstraße beim Gendarmenmarkt. Hier fanden vor allem um 1800 die geselligen Zusammenkünfte statt, für die Rahel später bekannt wurde. Zeitgenossen sprachen damals nicht von „Salon“, sondern von „Thees“ oder „Geselligkeit“; erst viele Jahrzehnte später bürgerte sich in Berlin das Wort „Salon“ ein. Wesentlich war das Zusammentreffen von Menschen unterschiedlicher Stände, Berufe und Überzeugungen zum Gespräch. Zu den Gästen zählten Jean Paul, Ludwig Tieck, Friedrich von Gentz, Friedrich Schlegel, Wilhelm und Alexander von Humboldt, Friedrich de la Motte Fouqué sowie Prinz Louis Ferdinand. Eine lebenslange Freundschaft verband Rahel mit Pauline Wiesel.
Mehrere Liebesbeziehungen und Verlöbnisse scheiterten. 1796 lernte sie den Grafensohn und angehenden Diplomaten Karl Friedrich Albrecht Finck von Finckenstein kennen; die Verbindung zerbrach nach Jahren. Auch ein Verlöbnis mit dem spanischen Gesandten Rafael d’Urquijo endete unglücklich. Da Rahel eine für sie in Breslau arrangierte Ehe ablehnte, blieb sie lange von ihrer Familie abhängig. Erst im Winter 1808/1809 verließ sie das Elternhaus und bezog eine eigene Wohnung – ein für eine unverheiratete Frau damals höchst ungewöhnlicher Schritt. In der Forschung finden sich zum Ort dieser ersten eigenen Wohnung unterschiedliche Angaben: genannt werden sowohl die südliche Friedrichstadt in Berlin als auch Charlottenburg.
Um 1808 ging sie auf das Werben des vierzehn Jahre jüngeren Diplomaten, Historikers und Publizisten Karl August Varnhagen von Ense ein. Während der Befreiungskriege organisierte sie 1813 in Prag eine Spendensammlung und die Versorgung verwundeter Soldaten aller Kriegsparteien. Kurz vor der Hochzeit ließ sie sich 1814 in Berlin evangelisch taufen. Am 27. September 1814 heirateten Rahel und Karl August Varnhagen in Berlin. Anschließend reisten beide zum Wiener Kongress, wo ihr Mann zum Stab des Fürsten Hardenberg gehörte. Den Adelstitel, den seit der Heirat auch sie führte, erhielt Karl August 1826 offiziell verliehen. 1827 zog das Paar in eine Wohnung in der Mauerstraße, die erneut zu einem geselligen Mittelpunkt wurde; zu den Gästen gehörten nun Heinrich Heine, Leopold von Ranke, Alexander von Humboldt und Bettina von Arnim. Am 7. März 1833 starb Rahel Varnhagen von Ense in Berlin an Krankheiten, unter denen sie seit Jahren gelitten hatte. Sie wurde auf dem Dreifaltigkeitskirchhof beigesetzt; ihr Grab ist heute ein Ehrengrab.
Literarische Merkmale↑
Ihr literarisches Werk liegt fast vollständig in Briefen. Über die Jahre schrieb Rahel Varnhagen mehrere tausend davon, dazu Aphorismen, Reflexionen und Tagebuchblätter. Zu Lebzeiten veröffentlichte sie ausschließlich anonym; ihre erste Publikation war ein gemeinsam mit ihrem späteren Mann verfasster Briefwechsel über Goethes Wilhelm Meister, der im „Morgenblatt“ erschien. Während der Napoleonischen Kriege sandte sie zudem Berichte über ihre Prager Hilfstätigkeit zum Druck in eine von ihrem Mann herausgegebene Feldzeitung.
Ihre Zeitgenossen rühmten die Beweglichkeit und Empfindungstiefe ihres Denkens. Goethe würdigte, dass sie sich ernsthaft mit seinem Werk auseinandergesetzt habe; er bescheinigte ihr, „das Problem meines Lebens erkannt“ zu haben. Ihre eigene Not fasste sie in eindringliche Selbstzeugnisse, etwa in dem oft zitierten Bild, ein Wesen habe ihr bei der Geburt die Worte ins Herz gestoßen, sie solle Empfindung haben und die Welt sehen wie wenige – und zugleich „eine Jüdin“ sein. Solche Sätze zeigen die für ihr Schreiben kennzeichnende Verbindung von scharfer Selbstbeobachtung und unmittelbarem, gesprächsnahem Ausdruck.
Auch nach ihrer Taufe blieben in ihren Aphorismen und Reflexionen Traditionen des Judentums lebendig. Laut der Neuen Deutschen Biographie hinterließ sie mit ihren Briefen den wohl bedeutendsten Beitrag zur deutschen Briefkunst. Dass ihr Nachlass überhaupt erhalten blieb, verdankt sich der frühen Sammelarbeit ihres Mannes, der ihre Korrespondenz mit Abschriften und Hinweisen zusammentrug.
Rezeption↑
Schon bald nach ihrem Tod veröffentlichte ihr Witwer die Briefe und Aufzeichnungen. 1834 erschien die Sammlung Rahel. Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde, 1836 folgte eine Auswahl an sie gerichteter Briefe. Auf die nachfolgende Schriftstellergeneration des Jungen Deutschland und des Vormärz übte Rahel Varnhagen großen Einfluss aus. Heinrich Heine, Karl Gutzkow, Theodor Mundt und andere würdigten sie in Essays und Literaturgeschichten. Ottilie von Goethe schrieb 1839, erst durch Rahel und Bettine hätten die Deutschen die Achtung für weiblichen Genius gewonnen.
Obwohl sie zu Lebzeiten nur anonym publiziert hatte, wurde ihr Name früh in Nachschlagewerken verzeichnet, so bereits 1825 in einem Lexikon der Schriftstellerinnen. Die erste eigenständige Biographie legte 1857 Eduard Schmidt-Weißenfels vor, stark an die Darstellung ihres Mannes angelehnt. 1876 veröffentlichte Kate Vaughan Jennings eine englischsprachige Darstellung. Um 1900 belegen Arbeiten aus mehreren Ländern, dass Rahel Varnhagen internationale Beachtung fand; 1903 verfasste die Schweizer Frauenrechtlerin Emma Graf die erste Studie mit wissenschaftlichem Anspruch.
Besondere Bedeutung erlangte die Studie der Philosophin Hannah Arendt, die zwischen 1928 und 1951 unter dem Eindruck von Nationalsozialismus, Verfolgung und Exil Rahel Varnhagen: Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik schrieb. Für rund dreißig Jahre galt dieses Buch in der westdeutschen Germanistik als maßgebliches Werk über Rahel. Die neuere Forschung widerspricht ihm in wesentlichen Punkten: Für Arendts Hauptthese, Rahel habe zeitlebens „aus dem Judentum heraus“ gewollt, fehlen die Belege, und ihre abwertende Darstellung des Ehemanns stützt sich auf einseitige Quellen. Schon die emigrierte Germanistin Käte Hamburger nannte Arendts Darstellung eine „Irreführung, ja Verfälschung“. In der NS-Zeit erschienen Hetzschriften gegen ihren Salon und ihre Person; auf Anordnung von Joseph Goebbels wurde sogar der Druck ihrer Bildnisse und Briefe untersagt. Über all diese Zäsuren hinweg wurde Rahel Varnhagen von Ense, so die Neue Deutsche Biographie, auch international zum Leitbild weiblicher kritischer Intellektualität und zu einer wichtigen Gestalt für die Geschichte der jüdischen Assimilation.
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